In diesem Jahr beginnen die Feierlichkeiten zum israelischen Unabhängigkeitstag am Abend des 21. April und dauern bis Mittwochabend. Nach jüdischem Kalender ist der Nationalfeiertag am 5. Ijjar, dieses Datum geht zurück auf den 5. Ijjar im Jahr 5708 beziehungsweise im gregorianischen Kalender den 14. Mai 1948.
Der Jom HaAzma‘ut folgt auf den Jom HaSikaron, den Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und die Opfer von Terrorismus. Beide Feiertage werden um einen Tag vorverlegt, auf den 3. und 4. Ijjar, wenn der 5. an einem Schabbat ist. Fällt der 4. Ijjar auf einen Sonntag, finden die beiden Feiertage am 5. und 6. statt.
Der 14. Mai 1948 besiegelte das Ende des Britischen Mandates über Palästina. Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 leitete die Aufteilung des „Fruchtbaren Halbmonds“ in imperiale Einfluss-Sphären ein. Die Neuaufteilung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg in ein französisches und ein britisches Mandatsgebiet hat in Jerusalem sichtbare bauliche Spuren hinterlassen.
Am 11. Dezember 1917 erreichte der britische General Edmund Allenby, Befehlshaber der Ägyptischen Expeditionsstreitkräfte, Jerusalem. Die Heilige Stadt betrat der Brite durch das Jaffator – zu Fuß, als Ausdruck seiner Bescheidenheit und seines Respekts vor den heiligen Städten der drei monotheistischen Religionen.
Zwei Tage zuvor, am 9. Dezember, hatten die Osmanen Jerusalem nach 400-jähriger Herrschaft kampflos an die siegreichen Briten übergeben. Das Datum markiert die britische Herrschaft über Palästina, zunächst als Militärverwaltung, ab 1920 als Mandatsmacht, so beschlossen in Italien vom Obersten Rat der Alliierten Mächte während der San-Remo-Konferenz. Sie tagte vom 19. bis 26. April 1920.
Wasserpumpstation und Universität
Die britische Mandatsmacht über Palästina bestimmte Jerusalem zu ihrem Verwaltungssitz und entwickelte 1921 einen Masterplan für die Stadt. Eine der ersten Maßnahmen, um eine stabile Wasserversorgung Jerusalems zu gewährleisten, war der Bau einer Wasserpumpstation an den Teichen Salomos bei Bethlehem.
Die Osmanen hatten während ihrer langen Herrschaft lediglich Reparaturen an den antiken Wasserleitungen durchgeführt. Die Wasserversorgung war Teil ihrer Pflichten als Beschützer der heiligen Stätten. Der schottische Stadtplaner und Architekt Patrick Geddes nominierte den Skopus-Bergrücken – er ist Teil des Ölbergs – als Standort der Hebräischen Universität Jerusalem (HUJ), finanziert wurde das ehrgeizige Bauvorhaben von jüdischen Zionisten.
Das Einstein-Institut für Mathematik (1928), das Wolffsohn-Gebäude und das Einstein-Institut für Physik (1930) sowie das Rosenbloom-Institut für Jüdische Studien (1938): Sie alle tragen die architektonische Handschrift von Geddes und seinem Schwiegersohn John Mears. Die Bauarbeiten beaufsichtigte der englischstämmige Architekt Bernard Chaikin.
„Mandat-Stil“ aus westlichen und östlichen Elementen
Zum Chefarchitekten der „Britischen Abteilung für Öffentliche Bauvorhaben“ wurde Austen St. Barbe Harrison (1891–1976) ernannt. In den Folgejahren entstanden unter der Ägide von weiteren namenhaften britischen Architekten Gebäude im sogenannten „Mandat-Stil“, einer Verschmelzung von westlichen und östlichen Elementen.
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Beispiele seines unverwechselbaren Architekturstils finden sich einige in Jerusalem, wie etwa das imposante Gebäude der Hauptpost an der Jaffa-Straße und das Rockefeller-Museum, vormals das Palästinensische Archäologische Museum, erbaut in den 1930er Jahren, und heute dem Israel-Museum angegliedert.
Besonders markant ist der achteckige Turm. Der von Rundbögen umsäumte Innenhof, nachempfunden der maurischen Alhambra in Andalusien, lädt zum Verweilen ein. Der Entwurf zum Wasserspeier stammt vom britischen Bildhauer Eric Gill. Das Museum beherbergt bis heute archäologische Funde aus der britischen Mandatszeit und hütete über viele Jahre die Qumran-Rollen. Später gingen die Schriftrollen vom Toten Meer in den eigens für sie entworfenen „Schrein des Buches“ auf dem Gelände des Israel-Museums als festen Standort über.
Historischer Standort
Die Standortwahl für das Rockefeller-Museum war sicher kein Zufall: Am 10. Juli 1099 gelang es den Kreuzrittern, nach einigen vorangegangenen glücklosen Versuchen, an dieser Stelle die massive Stadtmauer zu durchbrechen und Jerusalem einzunahmen.
Inspiriert durch nordafrikanische Architektur und islamische Gartenkunst griffen Harrison und sein Architektenkollege Albert Clifford Holliday eine oktogonale Form als Gebäudegrundriss für das Government House, hebräisch: Armon HaNtziv, auf. Heute ist es Hauptsitz der UNTSO, der United Nations Truce Supervision Organization (Organisation der Vereinten Nationen zur Beobachtung von Waffenstillständen).
Weitere charakteristische Elemente des Architektenduos sind Außenkuppeln, innere Gewölbe und Bögen. Beeindruckend ist der vier Meter hohe offene Keramikkamin, die handgemalten Kacheln stammen aus der lokalen Werkstatt des armenischen Künstlers David Ohanessian.
Die Standortwahl der Briten für das Haus des Gouverneurs fiel auf einen Hügelgipfel in Talpiot, in erster Linie aus strategischen Gründen. Ob auch religiöse Motive eine Rolle gespielt haben, wird bis heute diskutiert. Denn der ehemalige Sitz der britischen Hochkommissare wurde an dem Ort errichtet, an dem – nach christlicher Tradition – der Sanhedrin über Jesus urteilte und entschied, ihn an die Römer zu überstellen.
Bauboom in Mandatszeit
Unter den Briten setzte ein wahrer Bauboom in der Stadt ein, Jerusalem expandierte nach Norden, Süden und Westen. 1924 entstanden unter britischer Ägide im Westen der Stadt die Viertel Mekor Baruch, Mekor Chaim, Rehavia, Kiriat Moshe, Talbia und Ge‘ula, im Norden Neve Jakov. Der Bauboom wirkte als Jobmotor, von dem auch die ansässigen Juden profitieren.
Noch im selben Jahr ernannten die Briten einen neuen Jerusalemer Stadtrat, zusammengesetzt aus sechs Arabern und sechs Juden. Zum Bürgermeister bestimmten sie einen Araber. Jerusalem durchlief eine rasante Transformation von einer provinziell anmutenden Stadt osmanischen Charakters zu einem modernen Verwaltungs- und Kulturzentrum.
Anteil an dieser Transformation hatte auch Geddes. Der Schotte gilt als Pionier innovativen Denkens auf dem Gebiet städtischer Planung. Er prägte den Begriff „conurbation“ – „Großraum“, „Ballungsgebiet“, und führte das Konzept der „region“, „Bezirk“ oder auch „Fläche“. in die Architektur ein. Mit seinem Städtekonzept für Tel Aviv hatte sich Geddes auch in der „Weißen Stadt“ gegen seinen deutschen Architektenkollegen Richard Kaufmann erfolgreich durchsetzen können.
Vom Mandatsgebiet zum Staat
9. Dezember 1917
Zwei Köche der Commonwealth Forces suchen in Lifta, einem Dorf westlich von Jerusalem, nach frischen Eiern. Eine Gruppe muslimischer Würdenträger sowie der Bürgermeister von Jerusalem nähern sich. Zum Zeichen ihrer Kapitulation tragen sie eine weiße Fahne. Die arabische Delegation übergibt die „Schlüssel zu der Heiligen Stadt“.
11. Dezember 1917
General Allenby betritt Jerusalem.
Die kampflose Übergabe an die Briten verschont die historische Altstadtmauer sowie die heiligen Stätten vor Zerstörung
Allenby erklärt „jedes Gebäude wird geschützt werden gemäß der existierenden Gebräuche sowie des Glaubens“.
1918
Vollständige Eroberung Palästinas durch britische and Commonwealth-Truppen. Türken ergeben sich endgültig in Halab (Aleppo), Syrien. Alliierte Truppen erobern Amman, Transjordanien.
Beginn der Expansion jüdischer Städte sowie Errichtung neuer jüdischer Siedlungen.
Bau-Erlass der Briten: Fassaden müssen zukünftig aus hellem Sandstein gebaut oder damit verkleidet werden.
1920 San Remo Konferenz
Briten erhalten das Mandat über Palästina. Sir Herbert Samuel (1870–1963), Jude und ehemaliges Kabinettsmitglied, wird erster britischer Hochkommissar. Bau des „Government House“ in Talpiot, Jerusalem.
Britische Mandatsbehörde startet verschiedene öffentliche Baugrogramme in Palästina. Es entstehen Arbeitsplätze für jüdische Immigranten sowie für die arbeitsuchende arabische Bevölkerung aus den umliegenden Gebieten
Briten bauen eine Wasserpumpstation an den Teichen Salomos bei Bethlehem. Sie soll die konstante Wasserversorgung Jerusalems gewährleisten. Bau des jüdischen Vororts Atarot nördlich der Jerusalemer Altstadt. Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 verlassen die Bewohner Atarot, Rückkehr 1967 im Zuge des israelischen Sieges im Sechs-Tage-Krieg.
1923
Gründung des Vorort Beit HaKerem westlich von Jerusalem
1924
Im westlichen Jerusalem entstehen die Stadtviertel Mekor Baruch, Mekor Chaim, Rehavia. Kirat Mosche, Talbia and Ge‘ula, Neve Ya‘akov im Norden der Stadt.
1924
Briten ernennen einen neuen Jerusalemer Stadtrat, bestehend aus sechs Arabern und sechs Juden. Zum Bürgermeister bestimmen sie einen Araber.
1926
Briten stellen alle öffentlichen Bauprogramme ein. Hohe Arbeitslosigkeit sowie ökonomische Schwächung sind die Folge.
1927
Zerstörung vieler Gebäude durch ein starkes Erdbeben
1928
Briten initiieren den Bau eines weiteren Wasserpumpwerks bei Ein Fara im Wadi Kelt zur Versorgung von Jerusalem.
Gründung des Nathan Strauss Health Center, später Umbenennung in Bikur Holim Hospital, Jerusalem.
1930
19. Juni Grundsteinlegung des Rockefeller-Museums, Ostjerusalem,
1933
18. April Einweihung des YMCA durch Feldmarschall Lord Allenby
1936
Briten bauen 15 Flugfelder in Palästina sowie den internationalen Flughafen bei Lod
1938
Bau des Hauptpostgebäudes in der Jaffa-Straße, Jerusalem, unter dem Namen „Palestine Archaeological Museum“ eröffnet das Rockefeller-Museum, heute Teil des Israel-Museums
1947
Arabische Attacken, die jüdischen Bewohner verlassen Neve Ya´akov, Rückkehr 1967.
Am 28. Oktober entscheidet das britische Kabinett, das Mandat über Palästina niederzulegen.
1948
Am 14. Mai 1948 erklärt David Ben-Gurion in Tel Aviv am Rothschild Boulevard die Unabhängigkeit des Staates Israel, kurz bevor das britische Mandat über Palästina um Mitternacht desselben Tages endete. Die Briten verlassen Palästina. Ben-Gurion wird der erste Regierungschef Israels.
Ein weiteres Zeugnis britischer Mandats-Architektur ist das Gebäude des YMCA (Young Men Christian Association, CVJM). Entworfen wurde es vom britischen Architekten des Empire State Building in New York City, Arthur Loomis Harmon. Bauzeit war von 1924 bis 1933. Beide Gebäude waren zu ihrer Zeit das jeweils höchste in der Stadt.
Die Architektur des YMCA, ein wild anmutender Mix aus Byzantinisch, Romanisch, Gotisch und Neo-Maurisch, spiegelt den Geist des Hauses wider: Lord Allenbys Appell der friedlichen und gleichberechtigten Koexistenz der drei monotheistischen Religionen.
Jedes Bauelement ist wohlüberlegt und zeugt von hoher Symbolkraft, wie etwa die 40 Säulen des Vorhof-Bogengangs. Sie verkörpern die 40-jährige Wanderschaft der Israeliten durch die Wüste sowie die satanische Versuchung während Jesu 40 Tagen in der Wüste. Die 12 Fenster im Auditorium stehen für die 12 jüdischen Stämme, die 12 Jünger Jesu sowie die 12 Gefährten des Propheten Muhammad.
Es war Lord Allenby, der auch den Grundstein der Schottisch-Protestantischen Kirche St. Andrew (Sankt Andreas) legte, erbaut von 1927 bis 1930, basierend auf dem Entwurf von Clifford Holliay. Die Kirche gedenkt der schottischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in Palästina gefallen sind. Holliday war auch 1930 am Masterplan zur Entwicklung der Jerusale- mer Stadtmitte maßgeblich beteiligt und restaurierte zudem einige beschädigte Abschnitte der Altstadtmauer.
Die erste Bahnstation
Unser architektonischer Streifzug entlang architektonischer Zeugen aus der britischen Mandatszeit endet im Stadtteil Baka’a an der alten Bahnstation. Heute wird sie von den Einheimischen HaTachana haRicshona, die „erste Station“genannt und ist seit ihrer Stilllegung ein beliebter Treffpunkt mit Cafés, Restaurants und Veranstaltungen. 1892 eingeweiht, war sie Jerusalems erste Station der Bahnlinie, die Jerusalem mit Jaffa verband.
Die Briten erweiterten das Gebäude, fügten hebräische Inschriften hinzu sowie Gebäudeflügel aus Kurkar-Blöcken – ein in Israel und der Levante weit verbreiteter Kalksandstein, der vor allem entlang der Mittelmeerküste vorkommt.
Am 14. Mai 1948 lief um Mitternacht das britische Mandat über Palästina aus. Nur wenige Stunden zuvor, vor Schabbat-Beginn, hatte David Ben-Gurion in Tel Aviv am Rothschild-Boulevard die Gründung des Staates Israel verkündet.
Die britische Fassadenverordnung von 1918 zur ausschließlichen Verwendung des Meleke, auch „Jerusalem-Stein“ genannt – gilt bis heute in Jerusalem. Es ist ein weißer Kalkstein mariner Herkunft, wie ihn schon König Herodes bevorzugt für seine Bauwerke verwendete, eindrücklich zu sehen auch an der kotel, der Klagemauer.
Lied: Jeruschalajim schel Sahav
Die Luft der Berge ist klar wie Wein,
Und der Duft der Pinien
schwebt auf dem Abendhauch.
und mit ihm, der Klang der Glocken.
Und im Schlummer von Baum und Stein, gefangen in ihrem Traum;
liegt die vereinsamte Stadt
und in ihrem Herzen eine Mauer.
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.
Wie vertrocknet die Brunnen sind,
wie leer der Marktplatz.
Keiner, der den Tempelberg besucht, in der alten Stadt.
Und in den Höhlen der Felsen, heulen die Winde.
Und es gibt keinen, der hinabstiege zum Toten Meer, auf der Strasse nach Jericho.
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.
Aber als ich heute kam, um für dich zu singen,
und dir Kronen zu binden,
da bin ich doch das geringste all deiner Kinder, der letzte, dem es zustünde, dich zu besingen.
Brennt doch fein Name auf den Lippen, wie ein Kuss der Serafim:
Wenn ich dein vergäße – Jeruschalajim, du ganz und gar Goldene.
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.
Ja, wir sind zurückgekehrt,
zu den Brunnen, zum Markt und deinen Plätzen.
Der Klang des Schofars hallt über dem Berg, dort in der Altstadt.
Und in den Höhlen am Felsen scheinen Tausende von Sonnen.
Lass uns wieder hinabsteigen zum Toten Meer, über die Straße nach Jericho.
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.
Text: Naomi Schemer (1930–2004)
Jerusalem trägt auch den Namen „Goldene Stadt“: Bei Sonnenuntergang reflektieren die hellen Kalksteine die Sonnenstrahlen und tauchen die Heilige Stadt in ein goldenes Licht.
Ein Kommentar
Danke liebe Frau Tegtmeyer, dass Sie mich virtuell durch Jerusalem mitgenommen haben. Der „alte Bahnhof“, ein sehr schönes Plätzchen, bis in die Nacht hinein mit mir wildfremden Menschen erzählt und diskutiert. Die Kotel, bei Tag und am Abend ein Platz zum Beten und Tänzchen mit Soldatinnen. Das goldene Licht Jerusalems, so oft fotografiert. Meleke, das prägende Baumaterial der Stadt, so ähnlich wie in den Dolomiten, der Stolz Jerusalems. 🥰