Habermas: Gelebte Solidarität mit Israel

Der verstorbene Sozialphilosoph Jürgen Habermas war ein Freund Israels. So trat er nach dem Massaker vom 7. Oktober dem Vorwurf entgegen, Israel verübe einen Genozid im Gazastreifen.
Von Israelnetz

Im Jahr 1977 besuchte der am Samstag mit 96 Jahren verstorbene Sozialphilosoph Jürgen Habermas zum ersten Mal den jüdischen Staat. Anlass war der 80. Geburtstag des aus Berlin stammenden Religionshistorikers Gershom Scholem. 35 Jahre später erinnerte er sich in einem Gespräch mit der Journalistin Rachel Salamander an die Reise.

Auf die Frage nach seiner Aufnahme in Israel antwortete Habermas: „Wir hatten das Gefühl, solch einen Empfang nicht verdient zu haben. Scholem hatte für einen Tag von der Akademie einen Wagen mit Chauffeur bekommen. Er nahm uns mit und zeigte uns Jerusalem den ganzen Tag, von oben und von unten und von morgens bis abends. Das kann man kaum schildern, weil es seine Stadt war, die er uns zeigte.“ Der eigentliche Zweck des Besuchs seien die „bewegenden Geburtstagsveranstaltungen“ in Tel Aviv gewesen.

Seine Eindrücke schilderte Habermas auch 2007 in den „Münchner Beiträgen für Jüdische Geschichte und Kultur“: „Obwohl sich die israelische Geschichte im Holocaust verhakt hat, kann man nicht in Jerusalem sein, ohne dass der Blick zurück in die biblischen Anfänge gleitet, kann man nicht in Israel sein, ohne dass sich der Blick auf die explosive Gegenwart des Konflikts mit den Palästinensern richtet.“

Weiter schrieb er: „Eine Reise nach Israel lässt sich mit keiner anderen vergleichen. Nicht einmal mit diesen schwierigen Reisen nach Polen, wo man das Gefühl hat, sich nicht bewegen zu können, ohne in die Blutspuren zutreten, die wir Deutschen dort hinterlassen haben. In Israel ist es nicht der Boden, der an die Geschichte erinnert. Die Geschichte ist in den Menschen präsent, in den unwahrscheinlichen Erzählungen von den Kontingenzen des Entkommens und des Überlebens.“

„Linksfaschismus“ und „Historikerstreit“

Der Bewegung der 68er in Deutschland stand Habermas kritisch gegenüber. Er brachte den Begriff des „Linksfaschismus“ ein. Dieser bezog sich vor allem auf die Protestmethoden derjenigen, die für sich in Anspruch nahmen, die fehlende Aufarbeitung des Nationalsozialismus anzuprangern.

Zudem initiierte er den „Historikerstreit“. Dabei reagierte der Vertreter der „Frankfurter Schule“ im Sommer 1986 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf führende Neuzeithistoriker der Bundesrepublik. Er warf ihnen vor, den Holocaust zu relativieren. Im Zentrum der Kritik stand der Berliner Zeithistoriker Ernst Nolte; er hatte die nationalsozialistische Judenvernichtung in einen kausalen Zusammenhang mit den stalinistischen Terrorakten in der Sowjetunion gebracht.

Als Günter Grass 2012 sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlichte, stieß er bei Habermas auf Gegenwind. Der deutsche Schriftsteller kritisierte darin die israelische Atompolitik und schrieb: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“

Habermas bezeichnete die Aussagen gegenüber der israelischen Zeitung „Ha’aretz“ als „uninformiert, unausgewogen und provokativ“. Ihn beunruhige, „dass der trüben Flut der üblichen Vorurteile zum ersten Mal von jemandem die Tore geöffnet wurden, der solches Prestige und politisches Gewicht besitzt“. Grass sei zweifellos kein Antisemit, „aber es gibt Dinge, die Deutsche unserer Generation nicht sagen sollten“, wird der Verstorbene in der „taz“ zitiert.

Solidarität mit Israel nach dem Massaker

Auch nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 stellte sich Habermas an die Seite Israels. Mit den Politikwissenschaftlern Nicole Deitelhoff und Rainer Forst sowie dem Rechtsphilosophen Klaus Günther verfasste er „Grundsätze der Solidarität“. Mit dem Positionspapier wollten sie auf die „Kaskade von moralisch-politischen Stellungnahmen und Demonstrationen“ reagieren. Ein weiteres Anliegen sei es, unverrückbare Eckpunkte einer recht verstandenen Solidarität mit Israel und Juden in Deutschland herauszuarbeiten, die nicht infrage gestellt werden sollten.

Die Autoren wandten sich auch gegen den bereits kurz nach dem Terrorangriff erhobenen Vorwurf, Israel begehe im Gazastreifen einen Genozid: „Bei aller Sorge um das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung verrutschen die Maßstäbe der Beurteilung jedoch vollends, wenn dem israelischen Vorgehen genozidale Absichten zugeschrieben werden“, schrieben sie in dem am 15. November 2023 veröffentlichten Papier. Hingegen habe die Hamas sehr wohl die Absicht, jüdisches Leben generell zu vernichten. Das Vorgehen Israels rechtfertige „in keiner Weise antisemitische Reaktionen, erst recht nicht in Deutschland“.

Eine Gegenerklärung ließ nicht lange auf sich warten, sie wurde von 107 Wissenschaftlern unterzeichnet. „Sie warfen dem Universalisten Habermas unter anderem vor, universalistische Leerstellen zu haben, weil seine Sorge um die Menschenwürde die palästinensischen Zivilisten ausblende, geschweige denn die sogenannte Islamophobie in Deutschland als Problem benenne“, schreibt die „Jüdische Allgemeine“. Der Rechtsphilosoph Paolo Becchi von der Universität Genua warf Habermas einen Verrat am „Grundsatz der Menschenwürde“ vor. Die „Frankfurter Schule“ sei für ihn gestorben.

Habermas unternahm nach 1977 noch viele Israelreisen. Eine führte ihn 1982 nach Jerusalem – zur Beisetzung seines Freundes Gershom Scholem. Die Hebräische Universität Jerusalem und die Universität Tel Aviv verliehen dem deutschen Wissenschaftler, der so vehement für Israel eintrat, die Ehrendoktorwürde. (eh)

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2 Kommentare

  1. Jürgen Habermas warnte 1967 vor einem „linken Faschismus“ der APO. Wir habe damals auch davor gewarnt. Vor uns hatten schon Kurt Schumacher , „rotlackierten Faschisten“, und Ignazio Silone, „Der neue Faschist sagt: Ich bin der Antifaschismus», gewarnt.

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  2. Ich habe das mulmige Gefühl, dass die aufrichtigen Freunde Israels unter den Intellektuellen und Philosophen langsam aussterben, in Deutschland, Frankreich und anderswo. Die „Frankfurter Schule“ hat meine Jugend beeinflusst. Jürgen Habermas möge in Frieden ruhen. Seine Stimme wird fehlen.

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