Die Namen militärischer Operationen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte werden mit Bedacht gewählt, sie sind oft Ausdruck des jüdischen Selbstverständnisses und der Intention. Die vorige Operation gegen den Iran im Juni 2025 trug den Namen „Volk wie ein Löwe“.
Der aktuelle militärische Einsatz gegen den Iran trägt den Namen „Löwengebrüll“ und führt uns zum biblischen Patriarchen Jakob, der kurz vor seinem Tod jeden seiner 12 Söhne segnet und den jeweiligen individuellen Charakter beschreibt: Und Jakob rief seine Söhne und sprach: Versammelt euch, und ich will euch verkünden, was euch begegnen wird in künftigen Tagen.
Für Juda verwendet Jakob eine kraftvolle Metapher aus der Tierwelt (1. Mose 49,9): Juda ist ein junger Löwe; vom Raub, mein Sohn, bist du hochgekommen. Er kauert, er lagert sich wie ein Löwe und wie eine Löwin. Wer will ihn aufreizen? (Eberfelder Bibel) Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem Stamm Judahdie Bezeichnung Juden.
Amos: „Der Löwe hat gebrüllt“
Beim Propheten Amos aus Tekoa heißt es: Der Löwe hat gebrüllt, wer fürchtet sich ⟨da⟩ nicht? Der Herr, HERR, hat geredet, wer weissagt ⟨da⟩ nicht? (Amos 3,8).
Amos wirkte während der Regierungszeit zweier Könige, Usia, der das Südreich Juda von 767 bis 740 vor der Zeitrechnung regierte, und Jerobeam II., der das Nordreich Israel von 781 bis 742 beherrschte; er gilt als letzter bedeutender König des Nordreichs Israel. Amos gehört mit Hosea, Micha, Obadja und teilweise Jesaja in eine Zeit, als sich eine tiefe politische Krise und Bedrohung durch die neue Großmacht Assyrien abzeichnete.
Der Vers 4. Mose 23,24 beschreibt G‘ttes Volk als mächtig und unbezwingbar wie Löwen: Siehe, ein Volk; wie eine Löwin steht es auf, und wie ein Löwe erhebt es sich. Es legt sich nicht nieder, bis es die Beute verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat!
Der Weg zum ersten nationalen Denkmal
Tel Chai ist hebräisch für „Lebendiger Hügel“. Der Ort liegt im äußersten Norden Israels in der Region Obergaliläa, unmittelbar neben der Stadt Kiriat Schmona und dem Kibbuz Kfar Gilʿadi.
Das Tel-Chai-Museum erinnert an die dramatischen Ereignisse vom 1. März 1920, als Tel Chai und weitere jüdische Siedlungen in Obergaliläa vom Zentrum des Landes abgeschnitten und von Arabern angegriffen wurden. Die Stämme von Asser, Naftali und Dan bewohnten einst diese Region. Während der Zeit des Zweiten Tempels sowie der Mischna- und Talmud-Zeit existierte eine blühende jüdische Gemeinde in Galiläa.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Metulla die einzige jüdische Gemeinde im nördlichen Teil Obergaliläas. 1916 wurde Tel Chai von einer Gruppe von HaSchomer (der „Wächter“) neu besiedelt und in Tel Chai umbenannt. Ursprünglich war es eine Unterkunft für Bauern aus Metulla, die in der Nähe ihrer Felder übernachteten. Es entwickelte sich zu einer eigenständigen Siedlung.
Nach dem Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 wetteiferten britische, französische und arabische Streitkräfte um die Kontrolle über das Gebiet. Ein Abkommen vom Oktober 1919 legte die Grenze zwischen Rosch HaNikra und Rosch Pina fest. Die Briten zogen die Grenze jedoch neu und zogen sich nach Süden bis Jesod HaMa’ala zurück, wodurch ein Machtvakuum zwischen dem britischen und französischen Mandatsgebiet entstand.
Die Araber glaubten, ihnen sei das Gebiet nördlich von Hula zugesprochen worden, woraufhin ein Krieg zwischen ihnen und den Franzosen ausbrach, in dessen Folge die jüdischen Siedlungen zwischen die Fronten gerieten. Die Franzosen übernachteten regelmäßig in Tel Chai, was die Araber als Kooperation von Juden und Franzosen interpretierten.
In ihren Briefen nach Russland beschrieben die Menschen ihr Leben auf den Bauernhöfen und ihre Angst vor arabischen Angriffen. Die Bauern wandten sich mit ihren Sorgen um ihre Sicherheit an Israel Schochat, den Gründer von HaSchomer, der daraufhin einen neuen Vertreter entsandte – Joseph Trumpeldor. Dieser war kurz zuvor aus Russland in Palästina eingetroffen.
Trumpeldor hatte als Offizier in der russischen Armee gedient und im Russisch-Japanischen Krieg einen Arm verloren. Nach seiner Kriegsgefangenschaft in Japan wurde er zionistischer Aktivist. Gemeinsam mit Se’ev Jabotinsky hatte er das Zion-Mule-Corps gegründet, das die Briten in Gallipoli unterstützte. Nach den Pogromen in Kiew organisierte Trumpeldor die Flucht von 100.000 Juden aus Osteuropa. Am 29. Dezember 1919 traf er in Tel Chai und führte zwei Monate lang die junge Gemeinde an. Dort mangelte es an allem, auch an Waffen und Munition, um sich gegen die Araber erwehren zu können.
Handgranate löste Verwirrung aus
Am 1. März 1920 traf Scheich Kamal Hussein mit 300 Mann im Hof von Tel Chai ein, um zu inspizieren, ob sich dort französische Truppen versteckten. In einem Zimmer im Obergeschoss wurde eine Handgranate geworfen, was unter den unkoordinierten Siedlern, die sich in verschiedenen Räumen aufhielten, für Verwirrung sorgte.
Scheich Kamal Hussein galt nicht als Feind. Vor dem 1. März 1920 hatte er mit den Zionisten zusammengearbeitet und sogar Juden bei der Ansiedlung in Hula geholfen, wofür er später von den Syrern getötet wurde. Anfänglich pflegten Araber und Juden gute Beziehungen, doch nach dem Fall des Osmanischen Reiches kämpfte jeder um seine Interessen und es kam immer wieder zu arabischen Überfällen.
Die Siedler, unter ihnen auch zwei mutige Frauen, Sara Chisick und Dvora Darclav, waren weit in der Unterzahl, leisteten trotz der ausweglosen Lage heldenhaften Widerstand. Die Kämpfe dauerten bereits einige Stunden, bis in der Nacht Hilfe aus Kfar Giladi eintraf, um den die Bewohner des Hofs zu evakuieren.
Heldenhafte Schlacht
Dieser Kampf um Tel Chai ging als die heldenhafteste Schlacht in die Annalen des jüdischen Jischuw in Eretz Israel ein. Trumpeldor, der die Schlacht angeführt hatte, war unter den Gefallenen. Überliefert sind seine letzten Worte, die er im Sterben liegend sprach: „Es spielt keine Rolle, es ist gut, für unser Vaterland zu sterben …“
Während die Kämpfe zwischen Arabern und Franzosen andauerten, wurde Tel Chai für sechs bis sieben Monate verlassen, bis die Franzosen die Sicherheit wiederhergestellt hatten. Danach kehrten die Siedler zurück, um ihre Häuser wieder aufzubauen.
Diese Ereignisse stellten die Sicherheit des jüdischen Jischuw in Eretz Israel erstmals auf die Probe und entfachten heftige Debatten darüber, ob die Siedlungen in Obergaliläa aufgegeben werden sollten oder nicht. Interessanterweise sprach sich der Revisionist Se’ev Jabotinsky für die Aufgabe der Siedlungen in Obergaliläa aus. Er argumentierte, Tel Chai sei ein Traum, der nicht zu schützen sei, und man solle sich nach Tiberias zurückziehen.
David Ben-Gurion hingegen warnte vor einem Rückzug und vertrat die Ansicht, es bestehe eine moralische Verpflichtung, jeden Ort zu unterstützen und zu verteidigen, an dem jüdische Siedler das Land bewirtschafteten. Ausschlaggebend für die Entscheidung zu bleiben war Menachem Ussischkin, Chef des Jüdischen Nationalfonds, der knapp aber bestimmend die Situation mit „wenn man beschossen wird, schießt man zurück“ kommentierte.
Auch wenn der Kampf um Tel Chai eine Niederlage war, wurde der Ort dennoch zum Symbol des Heldentums der zionistischen Bewegung, denn es unterstreicht die jüdische Haltung, nicht zu kapitulieren. Am 5. März 1920 bezeichnete die Zeitung „Ha’aretz“ Josef Trumpeldor als „ersten Nationalhelden“. Berl Katznelson verfasste ein säkulares Kaddisch für Trumpeldor; der Dichter Josef Chaim Brenner und Jabotinsky fassten Trumpeldors Worte zusammen: „Dies ist das erste nationale Denkmal der zionistischen Bewegung.“ Zusammen mit Masada und Beitar wurde Tel Chai zu einem wichtigen Symbol heroischen Widerstands.
Jährlich findet am 11. Adar – das Datum fällt im gregorianischen Kalender auf Ende Februar oder Anfang März – auf dem Friedhof im nahegelegenen Kfar Gil’adi eine Gedenkzeremonie statt. Dort wurden Trumpeldor und sieben junge Kämpfer und Kämpferinnen in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. In diesem Jahr war der 11. Adar am 28. Februar.
Ein Denkmal für die mutigen Verteidiger von Tel Chai – ein großer steinerner brüllender Löwe, geschaffen von Avraham Melnikov – steht in der Nähe ihrer Gräber. Tel Chai steht für jüdisches Heldentum, Entschlossenheit und gilt als ein Geburtsort des jüdischen Selbstverteidigungsgedankens.
Am 28. Februar 2026 hat sich der Löwe erhoben und sein Brüllen ist wieder zu hören, weit über das Hula-Tal hinaus.
3 Kommentare
Der Begriff Löwe Israel steht immer im Zusammenhang mit dem lebendigen Gott. Wenn Gott an Judas Seite ist, ist Juda unbesiegbar. Entscheidend ist jedoch, das der wahre Löwe von Juda, Jesus Christus der Retter ist. Wenn wir Jesus als den Löwen von Juda bezeichnen, erkennen wir seinen rechtmäßigen Platz als König der Könige an, der Gottes Verheißungen an Israel erfüllt.
Lieber Gruß Martin
Der Steinlöwe auf dem Bild ist wirklich sehr schön und majästetisch.
„Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“…er hat eine Weile gebraucht, sich von dem Schreck des 7. Oktobers 2023 zu erholen, aber jetzt brüllt er umso lauter und schlägt zu.