„Mein Leben im Moment“: Oktober 2023 – Oktober 2025

Eine Ausstellung in Jerusalem widmet sich dem Gazakrieg. Sie zeigt Momentaufnahmen von fünf israelischen Künstlern.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Wie wirkt sich ein langanhaltender Krieg auf die Menschen an der Front, den Alltag und den intimsten Bereich, Familie und die eigenen vier Wände, aus? Was geschieht mit künstlerischem Schaffen, wenn Krieg eine tagtägliche Realität ist? Diesen Fragen geht das „Beit Avi Chai“ mit der neuen Ausstellung „My Life at the Moment“ – „Mein Leben im Moment“ nach.

Das Jerusalemer „Beit Avi Chai“ ist ein renommiertes Zentrum für die Vermittlung jüdischer und israelischer Kultur und Bildung. Gegründet wurde es 2007 mit dem Ziel, ein breites Publikum anzusprechen. Alle ausgestellten Werke entstanden während des leltzten Gazakrieges, einige von ihnen unmittelbar unter dem Eindruck der Hamas-Gräueltaten am 7. Oktober 2023.

Der Ausstellungstitel „Mein Leben im Moment“ ist ein Zitat des verstorbenen Jerusalemer Dichters Israel Eliras (1936–2017). Es stammt aus einem Gedicht, das in seinem 2011 erschienenen Band „Wird es heller?“ veröffentlicht wurde. Eliras ermutigte dazu, die Realität durch die Kunst zu betrachten, den Augenblick mit all seinen Widersprüchen und Emotionen einzufangen. Dieser Perspektive möchte auch die Ausstellung Raum bieten nach zwei Jahren Krieg, der noch immer nicht beendet ist. Und auch seine Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen.

Jeder der Künstler und Künstlerinnen nähert sich dem Thema anders: Direkt oder indirekt, explizit oder abstrakt. Die in verschiedenen künstlerischen Techniken – Malerei, Zeichnung, Fotografie und Druckgrafik – ausgeführten Werke bieten einen Einblick in die künstlerische vielfältige Werkstatt: Arbeiten, die erforschen und hinterfragen und Stimmungen und Emotionen festhalten, die in den geschützten Raum des Ateliers eindrangen und ihn erschütterten.

Zwei Soldaten unter Künstlern

Die ausstellenden Künstler und Künstlerinnen sind: Meydad Elyahu, Raja Bruckenthal, Noga Greenberg, Elkana Levi, Alon Kedem. Levi und Elyahu haben während des zweijährigen Gazakrieges mehrfach als Reservisten in der israelischen Armee gedient.

Elkana Levi, geboren 1993 in Jerusalem, schloss 2021 sein Studium an der „Pardes-Kunstschule“ und erwarb seinen „Bachelor of Fine Arts“ (BFA) mit Auszeichnung an der „Midrascha-Kunstschule“. Während seines Studiums nahm er 2020 an einem Studentenaustauschprogramm an der Amsterdamer Universität der Künste teil. Levilebt in Jerusalem, wo er sein Atelier im Künstleratelier hat.

Levi ist auf der Suche nach dem Glauben an G‘tt, eine Suche, die sich in seinen Werken widerspiegelt. Zudem versucht er in seinen realistischen und figurativen Gemälden, seine Kriegs-Erfahrungen als Reservist und als Rettungssanitäter zu verarbeiten, Erfahrungen und Anblicke, die sich tief in sein Gedächtnis eingegraben haben.

Der Künstler sagt über sich:

„Mein Umfeld sieht mich als religiösen Mann mit Kippa, aber die Wahrheit ist, dass ich es nicht bin. Ich möchte es sein, aber ich kann es nicht. Ich möchte an G‘tt glauben, im Moment gelingt es mir nicht. So ist mein Leben bisher eine ständige Suche, eine Suche, die von der Angst vor Materialismus getrieben wird, einem sinnlosen Leben in meinen Augen und einem leeren, endlosen Tod. Diese Suche hat mich auch zur Kunst geführt, ei Werkzeug, das mir bei der Suche nach G‘tt hilft. Und darüber hinaus ein treues Werkzeug, das mir hilft, die Entdeckungen meines Lebens auf diesem Weg festzuhalten.

Die Kunst wird zum Raum, um diese Fragen zu erforschen, zu einem Weg, um herauszufinden, ob Spiritualität in der physischen Welt existiert. Manchmal wird diese Suche durch Krieg oder ein Trauma unterbrochen, die mich mit schmerzhaften Realitäten konfrontieren, die in figurativen und realistischen Arbeiten Ausdruck finden. Diese beiden Richtungen mögen widersprüchlich erscheinen, aber zusammen machen sie mich aus. Wenn ich vom Wehrdienst zurückkehre und im Atelier ankomme, beginnt ein besonderer innerer Prozess.

Nur in diesem geschützten, sicheren Raum der Kunst kann ich mir wirklich erlauben, das Erlebte zu verarbeiten und mich damit auseinanderzusetzen: die tiefe Angst, die innere Verwirrung, den angestauten emotionalen Schmerz. In der Stille des Ateliers beginne ich, die komplexen Erfahrungen meines Wehrdienstes eingehend zu betrachten – jene Erfahrungen, bei denen ich damals die psychischen Belastungen ignorierte und mich stattdessen auf die visuelle Ästhetik konzentrierte, auf das, was das Auge sieht, anstatt auf das, was die Seele empfindet. Die abrupten Übergänge zwischen Wehrdienst und Zivilleben sind immer schwierig und mental erschöpfend. Dieser Kontrast zwischen den Welten erzeugt eine innere Kluft, die schwer zu überbrücken ist.

Doch durch dieses Projekt, durch diesen künstlerischen Prozess, erlaube ich mir, sanfter vom Wehrdienst nach Hause zu gelangen, von einem Zustand der Wachsamkeit zu einem Gefühl der Ruhe. Denn selbst wenn ich zu Hause bin, genauer gesagt in meinem Atelier, berühre ich den tiefen Teil in mir, der Soldat ist – jenen Teil, der mit der Uniform und den Erinnerungen verbunden bleibt – und ich erlaube mir, diese Gefühle zuzulassen, sie zu erforschen und genau zu beobachten. Genau das wollte ich während meines Reservedienstes vermeiden, konnte es mir nicht erlauben. Dieser Prozess ermöglicht einen stetigen und sanften Wechsel zwischen meinen verschiedenen Identitäten, eine duale und bewusste Präsenz und eine vielschichtige Erfahrung, die nicht abrupt mit einem Bruch endet, sondern natürlich fließt und eine bedeutungsvolle künstlerische Form annimmt.“

In seinem Gemälde „Arche Noah“ porträtiert sich Elkana Levi selbst, gerade zurückgekehrt von einem weiteren Einsatz als Reservist. Zuhause angekommen, hatte er nicht die Zeit oder nicht die Kraft, seine Uniform abzulegen. Levi sitzt zusammengesunken in seinem Schaukelstuhl, seine kleine Tochter auf dem Schoß, vor ihr hält er in seiner rechten Hand die biblische Arche als Spielzeug. Levi wirkt abwesend, sein Blick ist leer, sein linker Arm hängt schlaff hinunter, in der Hand hält er einen Pinsel. Elkana Levi hatte ab dem 7. Oktober 2023 stets ein Skizzenbuch mit sich. Seine Skizzen waren später Ausgangspunkte für seine großformatigen Ölgemälde.

Künstler mit indischen Wurzeln

Der andere Soldat und Künstler der ausgestellten Künstler ist der indischstämmige Meydad Elyahu, seine Familie wanderte 1954 von Cochin nach Israel aus. Elyahu absolvierte das Meisterklassenprogramm der „Jerusalem Studio School“ (2008), studierte Druckgrafik in der „Jerusalem Print Workshop“ (2009) sowie japanische und chinesische Kalligrafie und Tuschemalerei bei Meister Kazuo Ishii (2011).

Elyahu begann unmittelbar nach dem 7. Oktober, die Gesichter der Geiseln zu zeichnen und lud seine Skizzen am 8. Oktober 2023 auf Instagramm hoch. Elyahu nennt den Vornamen jeder einzelnen Geisel, wodurch er zwischen Betrachtern und Geiseln Nähe schafft und die Betrachter an deren bitteren Erfahrungen und Leid teilhaben lässt.

Als Vorlage dienten ihm private Fotografien. Elyahus Portraits der Geiseln lächeln nicht, er zeigt sie schmucklos, ohne Sonnenbrillen oder andere Accessoires, allesamt Symbole der Freiheit, die sie durch Gefangenschaft verloren haben. Am Ende seines Projekts waren sechs Skizzenbücher entstanden, die eine fortwährende Suche dokumentierten: ein anhaltendes Bemühen, die Gesichter Hunderter Zivilisten und Soldaten – Israelis und ausländische Staatsbürger – festzuhalten, die während des Simchat-Tora-Massakers in den Gazastreifen verschleppt worden waren.

In den ersten Monaten führte die Unsicherheit über die Identität der Opfer dazu, dass Elyahu mehr Porträts zeichnete, als es bestätigte Geiseln gab. Er arbeitet normalerweise nicht mit Fotografien, für dieses Projekt bearbeitete er existierende Aufnahmen und interpretierte sie durch seine Zeichnungen neu.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Fotografien von Geiseln dienten als Vorlage

Die Porträts entstanden auf den Feldern des Kibbuz Ruhama und in einer Scheune des Kibbuz Nachal Os, vormals eine militärische Sperrzone, wo sich Elyahu im Rahmen des gemeinschaftsbasierten Kunstprojekts „ZUMU Scha’ar HaNegev“ aufhielt. Meydad Elyahu setzte seine Tätigkeit als Dokumentarmaler fort und hielt Menschen, Landschaften und Szenen landwirtschaftlicher Arbeit fest; Letzteres ist eine Tätigkeit, die eng mit dem Pioniergeist und dem frühen Aufbau des Staates Israel verbunden ist.

Doch im Gegensatz zu den Aufbaujahren zeigen Elyahus Zeichnungen kein Heldentum, vielmehr Menschen, die inmitten von Trauer und Ungewissheit darum ringen, die grundlegendsten Routinen des Alltags aufrechtzuerhalten. Seine Serie „Zwischen den Schlachten“ ist kurz vor dem Waffenstillstand entstanden.

Eingefasst in längliche Kreisformen, erinnern diese Szenen an vertraute Kriegsbilder, sind aber in einer eigenständigen Farbpalette gehalten, Nachrichtenbilder, wie sie zu Tausenden zu sehen waren, hat der Künstler in Gouache-Technik umgesetzt. Gouache ist eine wasserbasierte, deckende Farbe, die aus Pigmenten, einem Bindemittel – meist Gummi arabicum – und weißen Füllstoffen, wie etwa Kreide, besteht. Sie ist ähnlich wie Aquarellfarbe, aber deckend, trocknet matt und ist nach dem Trocknen wieder mit Wasser anlösbar.

„Plädoyer für Intimität“

Noga Greenberg, 1985 in Haifa geboren, ist Absolventin der „Bezalel-Akademie für Kunst und Design“ mit Abschluss im Fachbereich Fotografie und Mitglied des Vereins „Studio of Her Own“ zur Förderung jüdischer Frauenkunst. 2017 absolvierte die Fotografie-Dozentin zudem ein Kunstpädagogik-Studium an der Bezalel-Akademie und der Hebräischen Universität Jerusalem.

In ihrer Serie „A Plea for Intimacy“, deutsch: „Ein Plädoyer für Intimität“, dokumentiert Greenberg in 24 analogen Fotografien private und zart anmutende Szenen inmitten einer komplexen und schwierigen Zeit.

In ihrem fotografischen Essay „An der Heimatfront“ zeigt sie den Alltag im Krieg: Momente, in denen das häusliche Umfeld kurzzeitig zum Schauplatz aktiver Auseinandersetzungen wurde, meist aber ein Ort blieb, an dem das Leben einfach weiterging. Die Atmosphäre ihrer gewählten Szenen vermittelt vordergründig ein Gefühl von Harmonie und tiefem Wohlbefinden innerhalb des vermeintlich sicheren Umfeldes der engsten Familie. Ein Leben zwischen Luftalarm und Alltagsroutine, Tag für Tag.

Folgen Sie uns auf Facebook und X!
Melden Sie sich für den Newsletter an!

Die Fotografien, die sich vorwiegend auf den familiären Raum konzentrieren, bilden eine stille Syntax des Alltags: Sirenen, Wäsche, Schlagzeilen mit dem Vermerk „zur Veröffentlichung freigegeben“, gemeinsame Mahlzeiten, Tränen und Schlaf.

Weiße Hemden hängen wie weiße Flaggen der Zivilbevölkerung zum Trocknen in der Sonne. Eine Superheldenpuppe, die achtlos auf dem Armaturenbrett eines Autos liegt, deutet auf eine kindliche Hoffnung auf ein filmisches Ende hin – eines, in dem das Gute unweigerlich siegt.

Leben als Ehefrau und Mutter

Noga Greenberg präsentiert das wohl gegensätzlichste Werk der Ausstellung: eine Geburtstagsfeier, während die Geiseln weiterhin unter unmenschlichen Bedingungen in Gaza leiden und Eltern ihre Kinder begraben. Leben und Tod, beides so nah. Eine großformatige Fotografie zeigt Vögel, die durch die Lüfte kreisen, frei dorthin fliegen zu können, wohin sie wollen, während die Menschen unter der schweren Last des Krieges versuchen, den Alltag zu bestreiten.

Noga Greenberg lebt und arbeitet in Jerusalem. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Die Künstlerin sagt über ihren künstlerischen Ansatz:

„Mit einer 35-Millimeter-Filmkamera versuche ich, meine Umgebung im Spannungsfeld zwischen Heiligkeit und Säkularität zu erfassen. Die Schnittstelle zwischen dem Sabbat und den übrigen Wochentagen fasziniert mich, und mithilfe der Fotografie untersuche ich, ob die heilige Zeit auch den Wochentag beeinflusst. Mein Leben als Ehefrau und Mutter spiegelt sich in meinen Fotografien und dem darin dargestellten Alltag wider, wobei ich auch die Extreme nicht ausblende.“

„Mit einer 35-Millimeter-Filmkamera versuche ich, meine Umgebung im Spannungsfeld zwischen Heiligkeit und Säkularität zu erfassen. Die Schnittstelle zwischen dem Sabbat und den übrigen Wochentagen fasziniert mich, und mithilfe der Fotografie untersuche ich, ob die heilige Zeit auch den Wochentag beeinflusst. Mein Leben als Ehefrau und Mutter spiegelt sich in meinen Fotografien und dem darin dargestellten Alltag wider, wobei ich auch die Extreme nicht ausblende.“

Zwischen Realismus und Abstraktion

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Noga Greenbergs fotografischen Essay hängen die monochromen Radierungen von Raja Bruckenthal. Sie entführen uns in die Grauzone zwischen Realismus und Abstraktion.

Was zunächst bei flüchtiger Betrachtung wie eine Serie von Federflügeln schützender Himmelswesen wirkt, bekommt bei genauerer Betrachtung eine völlig andere Aussage. Denn die vermeintlichen Vogelfedern sind die Messer des Mohels, eines Beschneiders. Jeder Junge, der in Israel geboren wird, ist ein potenzieller Soldat, der in der Armee dienen und in Kriegen kämpfen wird.

Raja Bruckenthal, geboren 1975, wuchs in Tel Aviv auf, sie lebt und arbeitet in Jerusalem. Ihr Kunststudium an der Bezalel-Akademie in Jerusalem schloss sie mit Auszeichnung ab. Es folgte die Absolvenz des Interdisziplinären Kunstprogramm der Universität Tel Aviv. Von 2014 bis 2019 arbeitete Bruckenthal in einem Atelier der „Art Cube Artists’ Studios“ in Jerusalem und aktuell in den „Teddy Stadium Artists’ Studios“. Sie ist Mitglied des Lenkungsausschusses von „Studio of Her Own“ und Dozentin für Kunst und Film.

Bruckenthals Werk regt zu einem Dialog über das Wesen des Glaubens an. Es interpretiert kulturelle und religiöse Phänomene auf persönliche und materielle Weise. Ihre Arbeiten wurden in Museen und Galerien in Israel und weltweit ausgestellt. Die Werke ermöglichen eine alternative Lesart traditioneller Konzepte in einem geschützten Raum für einen offenen Dialog über das Wesen von Glaubensvorstellungen.

Die Künstlerin nutzt die Wirkungskraft bekannter populärer Bilder und verknüpft diese mit Konzepten des orthodoxen Judentums, in dem sie aufgewachsen ist. Raya Bruckenthal wandte sich in den letzten zwei Jahren der Drucktechnik zu. In den Tagen nach dem 7. Oktober 2023 begann sie eine Künstlerresidenz in der „Jerusalem Print Workshop“; dort schuf sie eine Reihe von Bildern, die an Engelsflügel oder Cherubim erinnern und vollständig aus Messern bestehen.

Was aus der Ferne wie ein strahlender Federschmuck der amerikanischen Ureinwohner erscheint, offenbart sich aus der Nähe als Fragmente einer mythischen Figur mit dem Titel „Engel der Geschichte“. Es ist eine Anspielung auf Walter Benjamins Beschreibung von Paul Klees Angelus Novus und auf den Vers in Genesis 3,24: Und er trieb den Menschen aus und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwertes, den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (Elberfelder Bibel)

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Das Werk spielt auf den „Engel der Geschichte“ an

In ihrem großformatigen Druck „Oculus“, lateinisch für „Auge“, interpretiert Bruckenthal die kreisrunde Öffnung, die monumentale Kuppelbauten krönt, neu. Der nach oben gerichtete Oculus erinnert an ein göttliches Auge. Er wirft Fragen nach Vorsehung und Schutz unter den Bedingungen des Krieges auf, lässt darüber hinaus weitere Interpretationen zu: eine Dornenkrone, das Antlitz des Mondes, ein zerbrochenes Fossil, die Pupille eines Auges oder ein Ouroboros – eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt – ein Symbol für den ununterbrochenen Kreislauf von Krieg und Frieden.

Dornenkrone als Motiv

Neben dem Oculus hängt eine Zeichnung einer Dornenkrone in Bruckenthals charakteristischem monochromen Stil. In ihren Arbeiten finden sich keine direkten Bezüge zu aktuellen Ereignissen, die Künstlerin greift die biblische Bildsprache und das kollektive jüdische Unterbewusstsein auf, um über die Gegenwart zu reflektieren. Das wiederkehrende Dornenmotiv in ihrem Werk erinnert an die Schlusszeilen von „Von hier und dort“, Josef Chaim Brenners Erzählung über die frühen Pioniere im Land Israel:

„Das Dasein war ein Dasein voller Dornen. Die Geschichte war noch nicht abgeschlossen.“

Der Fünfte im Bunde der ausstellenden Künstler und Künstlerinnen ist Alon Kedem, geboren 1982 in Ben Schemen.Kedem erwarb seinen BFA an der Bezalel-Akademie in Jerusalem und seinen „Master of Fine Arts“ (MFA) an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design in Tel Aviv. 2009 wurde ihm der „Mitchell Presser Award“ für herausragende Leistungen in der Malerei verliehen, 2011 der Osnat-Mozes-Preis für junge Künstler. 2014 wurde er für die Ausstellung „100 Painters of Tomorrow“ von Thames & Hudson in London ausgewählt.

Poppige Farben

Kedems Werke zeichnen sich durch die Verwendung poppiger Farben aus. Sie thematisieren Fragen der Identität und des Erzählens in der Malerei. Seine Arbeiten befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Tel Aviver Kunstmuseums.

 „Man könnte sagen, ich bin süchtig nach der Malerei“, sagt der Künstler über sich selbst, „nach ihren unendlichen Möglichkeiten, nach der Freiheit, die sie innerhalb ihres vorgegebenen Raumes bietet. Ich bin auch süchtig nach der Auseinandersetzung mit der Materie, nach der Sinnlichkeit einer Substanz, die sich in ein Bild verwandelt und doch Substanz bleibt: Material vermischt sich mit Material, ein Bild begegnet dem anderen; die fruchtbare Spannung zwischen Auge und Hand, zwischen Bewusstsein und Körper, Imaginärem und Realem, Virtuellem und Tatsächlichem.“

Seinzweiteiliges Werk „I Always Want Eyes“, deutsch: „Ich will immer Augen“, kritisiert die überwiegend einseitige Berichterstattung über den Krieg. Sein Werk „Seeing You Seeing Me“, deutsch: „Ich sehe, wie du mich siehst“, bringt dies unmissverständlich zum Ausdruck.

Es ist ein farbintensives Porträt eines Brillenträgers; die Bilder werden zum Betrachter zurückgeworfen, die Brillengläser verzerren die Spiegelung der Person vor dem Betrachter und verdecken teilweise ihre Augen. Seine Frustration und Kritik über die Darstellung und mitunter Verharmlosung des Hamas-Terrors am 7. Oktober 2023 sowie mitunter voreingenommene Berichterstattung des darauffolgenden Krieges bringt Kedem in diesem Werk deutlich zum Ausdruck.

Bus ohne Orientierung

Sein anderes Ölgemälde, gemalt auf grober Juteleinwand, trägt den Titel „We’ll Arrive Soon“, deutsch: „Wir kommen bald an“. Es wurde unmittelbar vor der Rückkehr einiger Geiseln und der Verkündung der Waffenruhe fertiggestellt.

Der leere Bus wird von einem bärtigen Mann gesteuert. Er wirkt orientierungslos. Die Straße, auf der das Fahrzeug fährt, ist von gelben Flächen gesäumt. Sie lassen an Kibbuzfelder denken, die zu einer von Hamas-Terroristen verwüsteten Gemeinde gehören. Der Blick des Busfahrers scheint ins Leere gerichtet, die Atmosphäre ist gespenstisch. Fragen drängen sich auf: Wer ist dieser bärtige Mann, wohin fährt er, wo und wer sind seine Fahrgäste?

Ein weiteres Bild der Ausstellung zeigt ein hebräisches Gedicht von Yaara Shehori:

Aus der finsteren Grube komm

Aus Bruch und Sturm komm

Aus den Ecken von Gaza-Stadt

Aus einem fensterlosen Zimmer

Aus dem dunklen Schatten des Todes

Aus einer Stunde, nicht einer Stunde

Weder Tag noch Nacht

Geh auf deinen eigenen Füßen und komm

Auf unseren eigenen Händen komm

Im Gebet der Menschheit

In der Stimme der Frau, des Babys, des Kindes

In der Sehnsucht nach morgen komm

Im Vergessen des Bösen komm

In der Erinnerung an das Gute komm

Aus der Löwengrube komm

Auf einem Papierkranich kreisend

In Tränen und Weinen komm

In zerbrochenen Briefen komm

Im hohen Gras

In wassergesättigter Luft

Im sternenleeren Raum

In dieser Jahreszeit, in dieser Stunde

In einem Augenblick

Im Wiegenlied komm

Im Morgensegen komm

In den offenen Augen der Mädchen komm

In den roten Ampeln komm

Auf den offenen Straßen komm

In der stillen Minute, im zerkratzten Fleisch

Unter einem Himmel, von dem sie uns den Regen vorenthielten, komm

Unversehrte Erde komm

Auf Erde, die Blätter sprießt wie im Zorn, kommt

Mit Tausenden von Vögeln

Mit einem Vogel

Mit den Kindern, der Jugend, den Alten

Erhebt euch, erhebt euch

Kommt

In „Mein Leben im Moment“ setzen sich fünf junge israelische Künstler und Künstlerinnen mit Krieg, Familie, Alltagsroutine in Kriegszeiten und Überleben auseinander. Ihre Werke lassen innehalten und geben Raum, über die Bedeutung für das eigene Leben zu reflektieren.

Die Ausstellung ist noch bis zum bis 30. April 2026 im Jerusalemer „Beit Avi Chai“ zu sehen.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Schreiben Sie einen Kommentar

3 Antworten

  1. Malerei und andere Kunstformen sind eine schöne Moeglichkeit Gefühle auszudrücken, insbesondere, wenn man über seine Gefühle nicht sprechen darf, kann oder will. Als 14-Jaehrige habe ich als es mir einmal sehr schlecht ging, Urwaldlabdschaften mit Filzstift gemalt.

    0
  2. Liebe Frau Tegtmeyer, erstmal durchatmen nach dem Lesen. Danke, danke, danke.
    Wenn Sie es erlauben, möchte ich die bewegenden Worte “ rundum“ schicken.
    Mfg. Shalom

    0
  3. Elyahu: …konzentrierte, auf das, was das Auge sieht, anstatt auf das, was die Seele empfindet..
    Greenberg: …ob die heilige Zeit auch den Wochentag beeinflusst.

    Danke Frau Tegtmeyer für die Eindücke der Frauen und Männer, die uns ihr Seelenleben in Wort, Farbe und Bild vor die Füße legen und damit versuchen, ihr Trauma zu verarbeiten. Diese beiden Zitate haben mich besonders beeindruckt. Aus ihnen spricht die tiefe Sehnsucht nach Frieden und die Suche nach neuer Sinnhaftigkeit nach dem Horror des Geschehenen.

    Ich wünsche den Soldaten und allen Israelis, dass sie verarbeiten, bewältigen und aus der Verzweiflung wieder emporkommen dürfen, Hilfe spüren und neues Leben mit Gott finden können.
    Ella 🙏

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen