Zwei Seiten der deutschen Medaille

BERLIN / JERUSALEM (inn) - Mit Adolf Eichmann und Heinrich Grüber saßen sich 1961 vor einem Jerusalemer Gericht zwei Deutsche gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Eichmann hatte den Massenmord an den Juden führend organisiert, Propst Grüber hatte viele von ihnen aus der deutschen Todesfalle gerettet. In Berlin diskutierten Zeitzeugen am Montag über das Vermächtnis ihrer Begegnung beim Eichmann-Prozess.

50 Jahre ist es her, da erhob sich "die Nummer fünf hinter Hitler", Adolf Eichmann, vor einem israelischen Gericht von der Anklagebank. Diese Ehrerweisung hatte einen ganz besonderen Beigeschmack, war seiner doch der einzige Nazi-Prozess auf israelischem Boden. 1961 wurde Eichmann zum Tode durch den Strang verurteilt. Maßgeblich an der Urteilsfindung beteiligt war der deutsche Propst Heinrich Grüber. Im Dritten Reich hatte er zahlreichen Juden das Leben gerettet, nun sollte er gegen einen der Organisatoren des Massenmordes aussagen. "Ein Mann wie ein Eisblock" sei Eichmann gewesen. Mit der Uniform habe er sein Gewissen und seinen Verstand abgelegt. In Erinnerung geblieben ist aber vor allem das persönliches Schlusswort Grübers: Er hoffe, "dass sich vergebende Liebe und vergebene Schuld vor Gottes Thron treffen", sagte er in Richtung Eichmann.

Am Montag trafen sich Verwandte Grübers, Zeitzeugen und Interessierte im Berliner "Centrum Judaicum", um des deutschen Geistlichen zu gedenken. Eingeladen hatte die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit anlässlich der Berliner Woche der Brüderlichkeit. Der Journalist Klaus Bölling, der den Eichmann-Prozess als Korrespondent begleitet, und Walter Sylten, dessen Vater Werner mit Grüber zusammengearbeitet hatte, erklärten, wie sie das Gerichtsverfahren erlebten und was nach 50 Jahren von Grüber und Eichmann geblieben ist. "Bekannt wie ein bunter Hund" sei Grüber nach dem Prozess in Israel gewesen, sagte Sylten. "Eine Lichtgestalt" nannte ihn Bölling. Denn Grüber präsentierte der israelischen Öffentlichkeit erstmals, dass es auch andere Deutsche gegeben hat, dass nicht jeder den Holocaust befürwortete. Dennoch erinnerte sich Bölling: "Wir Journalisten trugen die deutsche Schuld mit nach Jerusalem." Er habe sich als Deutscher in Israel seinerzeit sehr unwohl gefühlt.

"Eine Bresche für das deutsch-israelische Verhältnis"

So mag es auch Grüber gegangen sein, sagte er doch nach dem Prozess in einem Interview: "Ich hätte es nicht ertragen können, wenn ich nicht die Kraft des Heiligen Geistes in mir gehabt hätte." Mit seinem Auftritt habe Grüber die deutsch-israelischen Beziehungen nachhaltig verbessert, waren sich Bölling und Sylten einig. Und einen weiteren Nebeneffekt habe der Eichmann-Prozess laut Sylten gehabt: "Plötzlich berichteten deutsche Journalisten über Israel." Das habe es zuvor nicht gegeben und habe die Tourismusbranche des kleinen Landes wohl beeinflusst. So hätten der Prozess und Grüber "eine Bresche für das deutsch-israelische Verhältnis geschlagen".

Lediglich was die Beurteilung der Person Eichmann durch das israelische Gericht angeht, ist Bölling 50 Jahre nach dem Prozess skeptisch. Eichmanmn sei nicht die Bestie gewesen, als die er wahrgenommen worden sei, findet er, "ohne die Rolle des Nazis verharmlosen zu wollen". "Er war die Personifikation des skrupellosen Befehlsempfängers", sagte Bölling. Nicht als führende Figur, sondern als "ein Rädchen, das sich gedreht hat", verstehe er seine Rolle im Nachhinein. "Kadavergehorsam" nannte Sylten diese Lebensweise. Eichmann habe als Nazi-Beamter nicht die Pflicht gehabt, zu denken – nur die, zu folgen.

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