Drei Jahre vor seinem Tod wurde dem Jahrhundertphysiker Albert Einstein eine große Ehre zuteil: Er erhielt die Anfrage, ob er Präsident des Staates Israel werden wolle, falls sich die Knesset, das israelische Parlament, dafür ausspricht.
Der israelische Botschafter in den USA, Abba Eban (1915–2002), übermittelte die Anfrage im Namen von Premierminister David Ben-Gurion (1886–1973) in einem auf den 17. November 1952 datierten Brief. Eban versicherte dem 73-jährigen Physiker, dass Ben-Gurion ihm die volle Freiheit zur Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Arbeit gewähren würde, finanziert vom Staat Israel. Es gebe jedoch eine Bedingung: Einstein müsse nach Israel ziehen und die israelische Staatsbürgerschaft annehmen.
Ben-Gurion hatte Einstein bereits ein Jahr zuvor, am 13. Mai 1951, in Princeton besucht, um mit ihm über die Offerte zu sprechen. Begeistert war er persönlich nicht von der Idee, Einstein die Präsidentschaft anzutragen. Einstein galt als politische unerfahren und sozial wenig umgänglich. Legendär wurde Ben-Gurions Befürchtung: „Wenn er annimmt, sind wir in Schwierigkeiten.“
Trotz massiven Drucks von vielen Seiten, Ben-Gurion unbedingt zuzusagen, schrieb Einstein: „Ich bin tief bewegt über das Anerbieten unseres Staates Israel, freilich auch traurig und beschämt darüber, dass es mir unmöglich ist, dies Anerbieten anzunehmen.“ Seine Formulierung „unseres Staates“ ist aufschlussreich.
Zionismus als spirituelles Unterfangen
Einstein war zwar kein gläubiger Jude. Doch als Sohn einer jüdischen Familie fühlte er sich dem Judentum verbunden und unterstützte den Zionismus als kulturelle Bewegung für jüdische Identität und eine Heimstätte in Palästina. Es sah darin eine Möglichkeit, das erlittene Unrecht gegenüber den Juden und Jüdinnen wiedergutzumachen.
Der Physiker verstand wahren Zionismus als ein spirituelles, nicht aber als ein politisches Unterfangen. Er plädierte für einen binationalen Staat und betonte die Zusammenarbeit mit Arabern. Die Gründung eines separaten jüdischen Staates mit militärischer Macht lehnte er ab. Einstein warnte vor extremistischen Elementen innerhalb der zionistischen Bewegung, denn diese hätten sich weit von den spirituellen jüdischen Wurzeln entfernt.
In seinem Brief vom 21. Januar 1946 an Henry J. Factor teilt er seine Auffassung und Einwände:
Sehr geehrter Herr,
A. Einstein [handschriftlich]
ich habe vor der Anglo-Amerikanischen Untersuchungskommission für Palästina als Zeuge ausgesagt, einzig und allein um unsere gerechte Sache zu vertreten. Es ist jedoch natürlich unmöglich, Verzerrungen durch die Presse zu verhindern. Ich befürworte die Entwicklung Palästinas zu einer jüdischen Heimstätte, aber nicht zu einem separaten Staat. Es erscheint mir selbstverständlich, dass wir nicht die politische Herrschaft über Palästina fordern können, wo zwei Drittel der Bevölkerung nicht jüdisch sind. Was wir fordern können und sollten, ist ein gesicherter binationaler Status für Palästina mit freier Einwanderung. Wenn wir mehr fordern, schaden wir unserer eigenen Sache, und es fällt mir schwer zu begreifen, dass unsere Zionisten eine so unnachgiebige Haltung einnehmen, die unserer Sache nur schaden kann.
Hochachtungsvoll,
Albert Einstein.
Henry J. Factor war Mitglied der jüdischen Gemeinde in Indianapolis und glühender Zionist. In den 1940er Jahren pflegte er mit Albert Einstein eine intensive Korrespondenz. In ihrem Briefwechsel diskutierten Factor und Einstein über Zionismus, jüdische Identität und die Situation in Palästina/Israel, wobei Einstein seine differenzierten Ansichten zum Zionismus und zur Notwendigkeit jüdischer Einheit mit ihm teilte, dabei aber seine Besorgnis über die Gewalt in der Region zum Ausdruck brachte.
Jüdische Einrichtungen, wie etwa die Hebräische Universität Jerusalem, die er für die jüdische Identität als wesentlich erachtete, unterstützte der Physiker hingegen zeitlebens. Er vermachte später seinen Nachlass der Hebräischen Universität.
Sorge vor Gewissenskonflikt
Einer Einladung zu einem Treffen in der israelischen Botschaft mit Botschafter Eban und weiteren Vertretern des Staates Israel folgte Einstein nicht. Nach Erhalt des Briefs sah er sich jedoch zu einer Reaktion gezwungen: „Es ist kein Zweifel, dass ich der Aufgabe, die mich dort erwartet hätte, nicht gewachsen gewesen wäre, obschon das Amt in der Hauptsache nur dekorativen Character [sic] hat. Mein Name allein kann diese Schwächen nicht ausgleichen“, argumentierte Einstein.
Den Ruf in das Präsidentenamt betrachte er als „ehrenvoll und verführerisch“, schrieb er weiter. Er führte jedoch ein weiteres Argument an, um seine Absage zu untermauern: „Ich habe auch daran gedacht, was für eine schwierige Situation entstünde, wenn die Regierung, bzw. das Parlament Dinge beschließen würde, die mich in einen Gewissenskonflikt bringen würden […].“
Die Entscheidung, seine Worte öffentlich zu machen, überließ er Eban. In einem Postskriptum erteilte Einstein explizit die Erlaubnis dafür.
Sein Judentum hatte Einstein mit dem aufkeimenden Antisemitismus für sich wiederentdeckt, Glaubensvorschriften lehnte er aber ab. In seinem Essay „Wie ich Zionist wurde“ schrieb er, er halte die „Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins auch im Interesse eines natürlichen Zusammenlebens mit den Nichtjuden für förderlich“.
Einsteins Definition von Zionismus kann nur im Kontext seines Pazifismus verstanden werden. Seine Sehnsucht nach einer sich transnational entwickelnden Zukunft zieht sich durch viele seiner Schriften, so auch in seinem Briefwechsel mit Kurt Blumenfeld, Generalsekretär des Zionistischen Weltverbandes zwischen 1911 und 1914.
Jede Form von Nationalismus ist Übel
Einstein war überzeugt, dass jede Form von Nationalismus von Übel sei und sagte über sich: „Ich bin ein Zionist, aber kein nationaler Jude.“ Einsteins Vision war ein jüdisches Staatsgebilde, in dem verschiedene Nationen friedlich zusammenleben, eine friedliche Koexistenz mit den Arabern sah er als Voraussetzung dafür.
Als man Einstein klarmachte, dass seine Position mit den politischen Realitäten nicht übereinstimmte, zog er sich vorerst aus der Debatte zurück:
„Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben“, schrieb er einmal. Einstein, der nach der Erfahrung der Schoa vor allem besorgt um das Schicksal vieler aus Deutschland Geflüchteter war, hielt an seinem Ideal fest, dass gerade ein jüdischer Staat an humanistischen Idealen ausgerichtet sein müsse.
Der Physiker spielte eine entscheidende indirekte Rolle bei der Entwicklung der Atombombe durch den berühmten Einstein-Szilárd-Brief von 1939, der US-Präsident Franklin Roosevelt vor der Möglichkeit einer deutschen Atombombe warnte und eine amerikanische Entwicklung anstieß. Der Pazifist Einstein war nicht der „Erfinder“ der Atombombe, aber sein Brief setzte den entscheidenden politischen Impuls, der zu ihrer Entwicklung führte. Das verfolgte ihn zeitlebens motivierte ihn zu seinem Engagement für Frieden und Abrüstung.
Nach dem Abwurf der beiden Atombomben über Nagasaki und Hiroshima setzte sich Einstein sich vehement für Abrüstung und die friedliche Nutzung der Kernenergie ein. 1946 gründete er mit Leo Szilárd und sechs weiteren Wissenschaftlern das „Emergency Committee of Atomic Scientists“, das „Notfallkomitee der Atomwissenschaftler“. Alle waren direkt oder indirekt am Manhattan-Project und damit an der Entwicklung der Atombombe beteiligt.
Auch wenn Einstein kein praktizierender Jude im traditionellen Sinne war, so bewunderte er die jüdische Ethik und schätzte Menschlichkeit, Vernunft und die Ehrfurcht, die wissenschaftliche Entdeckungen hervorrufen. Der Nobelpreisträger lehnte einen persönlichen G´tt ab, er fand seine Spiritualität in den Gesetzen des Universums. Er glaubte an ein „kosmisches religiöses Gefühl“ und identifizierte sich mit Spinozas G`tt. Einstein selbst erklärte: „Ich bin kein Atheist und ich glaube auch nicht, dass ich mich als Pantheist bezeichnen kann … Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie des Bestehenden offenbart, nicht an einen Gott, der sich um das Schicksal und die Taten der Menschen kümmert.“
Tatsächlich hielt Einstein das Gottesproblem für das „schwierigste der Welt“ – eine Frage, die nicht „einfach mit Ja oder Nein“ beantwortet werden könne. Er räumte ein, dass „das Problem zu gewaltig für unseren begrenzten Verstand ist“. Für Spinoza (1632–1677) ist G`tt keine transzendente Person, sondern identisch mit der gesamten Natur und dem Universum (Deus sive Natura), eine unendliche, notwendige Substanz, die alles Sein umfasst. G`tt ist die alles durchdringende Vernunft und Notwendigkeit der Welt, kein persönlicher G`tt mit einem Willen der in die Schöpfung eingreift; alles Existierende sind Attribute oder Erscheinungsformen dieser einen Substanz.
Das G`ttliche ist für Spinoza Teil der Moralphilosophie: G`tt als die vollkommene und zugleich einzige Substanz, die alles Seiende umschließt. Alle Dinge sind in G`tt – damit formulierte Spinoza zum ersten Mal pantheistische Ideen, die der herrschenden dualistischen Lehre – hier die Welt, dort G`tt – widersprachen. Das machte Spinoza in den Augen seiner Gegner zu einem gefährlichen Atheisten. Heftige Anfeindungen und ein Bannfluch, der über ihn ausgesprochen wurde, waren die Folge. Dichter und Denker, wie etwa Lessing, Herder und Goethe, bekannten sich zum Spinozismus.
Ein Bürger vieler Staaten
In seinen Vorlesungen von 1939 und 1941 erläuterte Einstein seine Ansicht zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion: „Denn die Wissenschaft kann nur feststellen, was ist, nicht aber, was sein soll, und außerhalb ihres Bereichs bleiben Werturteile aller Art notwendig. Die Religion hingegen befasst sich ausschließlich mit Bewertungen menschlichen Denkens und Handelns: Sie kann nicht berechtigterweise von Tatsachen und Zusammenhängen zwischen Tatsachen sprechen.“
Albert Einstein war im Laufe seines Lebens Bürger vieler Staaten: Durch Geburt besaß er die württembergische Staatsbürgerschaft. Von 1896 bis 1901 war er staatenlos als Folge seiner Weigerung, in Württemberg Militärdienst zu leisten. Ab 1901 bis zu seinem Tode war er Schweizer Staatsbürger, 1911 bis 1912 aufgrund seiner Tätigkeit in Prag auch Bürger Österreichs. Prag gehörte über Jahrhunderte zu den habsburgischen Ländern und damit zum Vielvölkerstaat Österreich, speziell als Hauptstadt des Königreichs Böhmen innerhalb der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, bis es 1918 Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei wurde.
Von 1914 bis 1932 lebte Einstein in Berlin und war somit Bürger Preußens. Hitlers Machtergreifung veranlasste ihn, den Juden, die Entlassung aus der preußischen Staatsangehörigkeit zu ersuchen. Das NS-Regime entsprach Einsteins Bitte erst 1934 durch eine inzwischen mögliche Ausbürgerung als Konsequenz einer „schweren entehrenden Strafe“: Einstein habe sich „besonders schwer gegen die Volksgemeinschaft vergangen“.
Bereits Ende 1932 hatten Einstein und seine zweite Frau Elsa ihre Vorbereitungen für die dritte Reise nach Amerika getroffen. Während in Deutschland die antisemitische Kampagne gegen den Wissenschaftler weiter anwuchs, nahmen auch in Amerika Proteste gegen ihn aufgrund seines Engagements für den Pazifismus zu.
Die Einsteins trafen Anfang Januar 1933 in Kalifornien ein, wo sie zunächst nach Pasadena gingen, gefolgt von einem ersten längeren Aufenthalt in Princeton. Im Mount-Wilson-Observatorium diskutierte Einstein die Rätsel des Universums mit Edwin Hubble, dem Entdecker der Rotverschiebung des Sternenlichtes.
Mitte März 1933 entschloss sich Einstein, nach Europa zurückzukehren. Noch während der Atlantik-Überfahrt trafen weitere alarmierende Nachrichten aus Deutschland ein. An Bord schrieb Einstein sein Rücktrittsschreiben an die Berliner Akademie.
Nach der Ankunft in Antwerpen entschied sich Einstein, deutschen Boden nie mehr zu betreten. Er und seine Frau verbrachten einige Zeit in Belgien und England. Im Herbst beschloss er, Europa zu verlassen und endgültig in die Vereinigten Staaten auszuwandern.
Am 7. Oktober 1933 reiste Einstein in Begleitung seiner Frau Elsa, seiner Sekretärin Helen Dukas und seines Assistenten Walther Mayer mit dem Dampfer „Westernland“ (Red Star Line) von Southampton in die USA ab. Dort nahm er eine Professur für Theoretische Physik in Princeton an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. Am 8. Dezember 1952 wurde Itzhak Ben-Zvi zum zweiten israelischen Staatspräsidenten gewählt. David Ben-Gurion konnte wieder ruhig schlafen.
Albert Einstein, begnadeter Physiker und Unterstützer des Zionismus – entsprechend seiner persönlichen Interpretation desselben – verstarb am 18. April 1955 in Princeton.
2 Antworten
Albert Einstein ist für mich ein wichtiger Teil des Judentums und des „Anderen Deutschlands“.
Gegen das deutsche Laster, für Einstein, Mann und Lasker !“ Einstein war soviel, er war Philosoph, Physiker, Gegner des 1.Weltkriegs, seine Zeit war vor allem vor der Gründung Israels. Einstein hat schon ca. 1920 prophezeit, es werde bald Konzentrationslager in Deutschland geben. Einstein kann ich nicht in wenige Worte fassen, Einstein ist in jeder Hinsicht GENIAL !
Albert Einstein, Zionist, aber kein nationaler Jude. Ungefähr so wie meine Ehefrau und ich selbst. Mit einem kleinen Unterschied: wenn die Anfrage zu meiner Ehefrau käme, ob sie Präsidentin des Staates Israel werden wolle, dann würde meine Ehefrau nicht Nein sagen.