Drei Jahre vor seinem Tod wurde dem Jahrhundertphysiker Albert Einstein eine große Ehre zuteil: Er erhielt die Anfrage, ob er Präsident des Staates Israel werden wolle, falls sich die Knesset, das israelische Parlament, dafür ausspricht.
Der israelische Botschafter in den USA, Abba Eban (1915–2002), übermittelte die Anfrage im Namen von Premierminister David Ben-Gurion (1886–1973) in einem auf den 17. November 1952 datierten Brief. Eban versicherte dem 73-jährigen Physiker, dass Ben-Gurion ihm die volle Freiheit zur Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Arbeit gewähren würde, finanziert vom Staat Israel. Es gebe jedoch eine Bedingung: Einstein müsse nach Israel ziehen und die israelische Staatsbürgerschaft annehmen.
Ben-Gurion hatte Einstein bereits ein Jahr zuvor, am 13. Mai 1951, in Princeton besucht, um mit ihm über die Offerte zu sprechen. Begeistert war er persönlich nicht von der Idee, Einstein die Präsidentschaft anzutragen. Einstein galt als politisch unerfahren und sozial wenig umgänglich. Legendär wurde Ben-Gurions Befürchtung: „Wenn er annimmt, sind wir in Schwierigkeiten.“
Trotz massiven Drucks von vielen Seiten, Ben-Gurion unbedingt zuzusagen, schrieb Einstein: „Ich bin tief bewegt über das Anerbieten unseres Staates Israel, freilich auch traurig und beschämt darüber, dass es mir unmöglich ist, dies Anerbieten anzunehmen.“ Seine Formulierung „unseres Staates“ ist aufschlussreich.
Zionismus als spirituelles Unterfangen
Einstein war zwar kein gläubiger Jude. Doch als Sohn einer jüdischen Familie fühlte er sich dem Judentum verbunden und unterstützte den Zionismus als kulturelle Bewegung für jüdische Identität und eine Heimstätte in Palästina. Es sah darin eine Möglichkeit, das erlittene Unrecht gegenüber den Juden und Jüdinnen wiedergutzumachen.
Der Physiker verstand wahren Zionismus als ein spirituelles, nicht aber als ein politisches Unterfangen. Er plädierte für einen binationalen Staat und betonte die Zusammenarbeit mit Arabern. Die Gründung eines separaten jüdischen Staates mit militärischer Macht lehnte er ab. Einstein warnte vor extremistischen Elementen innerhalb der zionistischen Bewegung, denn diese hätten sich weit von den spirituellen jüdischen Wurzeln entfernt.
In seinem Brief vom 21. Januar 1946 an Henry J. Factor teilt er seine Auffassung und Einwände:
Sehr geehrter Herr,
A. Einstein [handschriftlich]
ich habe vor der Anglo-Amerikanischen Untersuchungskommission für Palästina als Zeuge ausgesagt, einzig und allein um unsere gerechte Sache zu vertreten. Es ist jedoch natürlich unmöglich, Verzerrungen durch die Presse zu verhindern. Ich befürworte die Entwicklung Palästinas zu einer jüdischen Heimstätte, aber nicht zu einem separaten Staat. Es erscheint mir selbstverständlich, dass wir nicht die politische Herrschaft über Palästina fordern können, wo zwei Drittel der Bevölkerung nicht jüdisch sind. Was wir fordern können und sollten, ist ein gesicherter binationaler Status für Palästina mit freier Einwanderung. Wenn wir mehr fordern, schaden wir unserer eigenen Sache, und es fällt mir schwer zu begreifen, dass unsere Zionisten eine so unnachgiebige Haltung einnehmen, die unserer Sache nur schaden kann.
Hochachtungsvoll,
Albert Einstein.
Henry J. Factor war Mitglied der jüdischen Gemeinde in Indianapolis und glühender Zionist. In den 1940er Jahren pflegte er mit Albert Einstein eine intensive Korrespondenz. In ihrem Briefwechsel diskutierten Factor und Einstein über Zionismus, jüdische Identität und die Situation in Palästina/Israel, wobei Einstein seine differenzierten Ansichten zum Zionismus und zur Notwendigkeit jüdischer Einheit mit ihm teilte, dabei aber seine Besorgnis über die Gewalt in der Region zum Ausdruck brachte.
Jüdische Einrichtungen, wie etwa die Hebräische Universität Jerusalem, die er für die jüdische Identität als wesentlich erachtete, unterstützte der Physiker hingegen zeitlebens. Er vermachte später seinen Nachlass der Hebräischen Universität.
Sorge vor Gewissenskonflikt
Einer Einladung zu einem Treffen in der israelischen Botschaft mit Botschafter Eban und weiteren Vertretern des Staates Israel folgte Einstein nicht. Nach Erhalt des Briefs sah er sich jedoch zu einer Reaktion gezwungen: „Es ist kein Zweifel, dass ich der Aufgabe, die mich dort erwartet hätte, nicht gewachsen gewesen wäre, obschon das Amt in der Hauptsache nur dekorativen Character [sic] hat. Mein Name allein kann diese Schwächen nicht ausgleichen“, argumentierte Einstein.
Den Ruf in das Präsidentenamt betrachte er als „ehrenvoll und verführerisch“, schrieb er weiter. Er führte jedoch ein weiteres Argument an, um seine Absage zu untermauern: „Ich habe auch daran gedacht, was für eine schwierige Situation entstünde, wenn die Regierung, bzw. das Parlament Dinge beschließen würde, die mich in einen Gewissenskonflikt bringen würden […].“
Die Entscheidung, seine Worte öffentlich zu machen, überließ er Eban. In einem Postskriptum erteilte Einstein explizit die Erlaubnis dafür.
Sein Judentum hatte Einstein mit dem aufkeimenden Antisemitismus für sich wiederentdeckt, Glaubensvorschriften lehnte er aber ab. In seinem Essay „Wie ich Zionist wurde“ schrieb er, er halte die „Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins auch im Interesse eines natürlichen Zusammenlebens mit den Nichtjuden für förderlich“.
Einsteins Definition von Zionismus kann nur im Kontext seines Pazifismus verstanden werden. Seine Sehnsucht nach einer sich transnational entwickelnden Zukunft zieht sich durch viele seiner Schriften, so auch in seinem Briefwechsel mit Kurt Blumenfeld, Generalsekretär des Zionistischen Weltverbandes zwischen 1911 und 1914.
Jede Form von Nationalismus ist Übel
Einstein war überzeugt, dass jede Form von Nationalismus von Übel sei und sagte über sich: „Ich bin ein Zionist, aber kein nationaler Jude.“ Einsteins Vision war ein jüdisches Staatsgebilde, in dem verschiedene Nationen friedlich zusammenleben, eine friedliche Koexistenz mit den Arabern sah er als Voraussetzung dafür.
Als man Einstein klarmachte, dass seine Position mit den politischen Realitäten nicht übereinstimmte, zog er sich vorerst aus der Debatte zurück:
„Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben“, schrieb er einmal. Einstein, der nach der Erfahrung der Schoa vor allem besorgt um das Schicksal vieler aus Deutschland Geflüchteter war, hielt an seinem Ideal fest, dass gerade ein jüdischer Staat an humanistischen Idealen ausgerichtet sein müsse.
Der Physiker spielte eine entscheidende indirekte Rolle bei der Entwicklung der Atombombe durch den berühmten Einstein-Szilárd-Brief von 1939, der US-Präsident Franklin Roosevelt vor der Möglichkeit einer deutschen Atombombe warnte und eine amerikanische Entwicklung anstieß. Der Pazifist Einstein war nicht der „Erfinder“ der Atombombe, aber sein Brief setzte den entscheidenden politischen Impuls, der zu ihrer Entwicklung führte. Das verfolgte ihn zeitlebens und motivierte ihn zu seinem Engagement für Frieden und Abrüstung.
Nach dem Abwurf der beiden Atombomben über Nagasaki und Hiroshima setzte sich Einstein vehement für Abrüstung und die friedliche Nutzung der Kernenergie ein. 1946 gründete er mit Leo Szilárd und sechs weiteren Wissenschaftlern das „Emergency Committee of Atomic Scientists“, das „Notfallkomitee der Atomwissenschaftler“. Alle waren direkt oder indirekt am Manhattan-Project und damit an der Entwicklung der Atombombe beteiligt.
Auch wenn Einstein kein praktizierender Jude im traditionellen Sinne war, so bewunderte er die jüdische Ethik und schätzte Menschlichkeit, Vernunft und die Ehrfurcht, die wissenschaftliche Entdeckungen hervorrufen. Der Nobelpreisträger lehnte einen persönlichen G’tt ab, er fand seine Spiritualität in den Gesetzen des Universums. Er glaubte an ein „kosmisches religiöses Gefühl“ und identifizierte sich mit Spinozas G’tt. Einstein selbst erklärte: „Ich bin kein Atheist und ich glaube auch nicht, dass ich mich als Pantheist bezeichnen kann … Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie des Bestehenden offenbart, nicht an einen Gott, der sich um das Schicksal und die Taten der Menschen kümmert.“
Tatsächlich hielt Einstein das Gottesproblem für das „schwierigste der Welt“ – eine Frage, die nicht „einfach mit Ja oder Nein“ beantwortet werden könne. Er räumte ein, dass „das Problem zu gewaltig für unseren begrenzten Verstand ist“. Für Spinoza (1632–1677) ist G’tt keine transzendente Person, sondern identisch mit der gesamten Natur und dem Universum (Deus sive Natura), eine unendliche, notwendige Substanz, die alles Sein umfasst. G’tt ist die alles durchdringende Vernunft und Notwendigkeit der Welt, kein persönlicher G’tt mit einem Willen der in die Schöpfung eingreift; alles Existierende sind Attribute oder Erscheinungsformen dieser einen Substanz.
Das G’ttliche ist für Spinoza Teil der Moralphilosophie: G’tt als die vollkommene und zugleich einzige Substanz, die alles Seiende umschließt. Alle Dinge sind in G’tt – damit formulierte Spinoza zum ersten Mal pantheistische Ideen, die der herrschenden dualistischen Lehre – hier die Welt, dort G’tt – widersprachen. Das machte Spinoza in den Augen seiner Gegner zu einem gefährlichen Atheisten. Heftige Anfeindungen und ein Bannfluch, der über ihn ausgesprochen wurde, waren die Folge. Dichter und Denker, wie etwa Lessing, Herder und Goethe, bekannten sich zum Spinozismus.
Ein Bürger vieler Staaten
In seinen Vorlesungen von 1939 und 1941 erläuterte Einstein seine Ansicht zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion: „Denn die Wissenschaft kann nur feststellen, was ist, nicht aber, was sein soll, und außerhalb ihres Bereichs bleiben Werturteile aller Art notwendig. Die Religion hingegen befasst sich ausschließlich mit Bewertungen menschlichen Denkens und Handelns: Sie kann nicht berechtigterweise von Tatsachen und Zusammenhängen zwischen Tatsachen sprechen.“
Albert Einstein war im Laufe seines Lebens Bürger vieler Staaten: Durch Geburt besaß er die württembergische Staatsbürgerschaft. Von 1896 bis 1901 war er staatenlos als Folge seiner Weigerung, in Württemberg Militärdienst zu leisten. Ab 1901 bis zu seinem Tode war er Schweizer Staatsbürger, 1911 bis 1912 aufgrund seiner Tätigkeit in Prag auch Bürger Österreichs. Prag gehörte über Jahrhunderte zu den habsburgischen Ländern und damit zum Vielvölkerstaat Österreich, speziell als Hauptstadt des Königreichs Böhmen innerhalb der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, bis es 1918 Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei wurde.
Von 1914 bis 1932 lebte Einstein in Berlin und war somit Bürger Preußens. Hitlers Machtergreifung veranlasste ihn, den Juden, die Entlassung aus der preußischen Staatsangehörigkeit zu ersuchen. Das NS-Regime entsprach Einsteins Bitte erst 1934 durch eine inzwischen mögliche Ausbürgerung als Konsequenz einer „schweren entehrenden Strafe“: Einstein habe sich „besonders schwer gegen die Volksgemeinschaft vergangen“.
Bereits Ende 1932 hatten Einstein und seine zweite Frau Elsa ihre Vorbereitungen für die dritte Reise nach Amerika getroffen. Während in Deutschland die antisemitische Kampagne gegen den Wissenschaftler weiter anwuchs, nahmen auch in Amerika Proteste gegen ihn aufgrund seines Engagements für den Pazifismus zu.
Die Einsteins trafen Anfang Januar 1933 in Kalifornien ein, wo sie zunächst nach Pasadena gingen, gefolgt von einem ersten längeren Aufenthalt in Princeton. Im Mount-Wilson-Observatorium diskutierte Einstein die Rätsel des Universums mit Edwin Hubble, dem Entdecker der Rotverschiebung des Sternenlichtes.
Mitte März 1933 entschloss sich Einstein, nach Europa zurückzukehren. Noch während der Atlantik-Überfahrt trafen weitere alarmierende Nachrichten aus Deutschland ein. An Bord schrieb Einstein sein Rücktrittsschreiben an die Berliner Akademie.
Nach der Ankunft in Antwerpen entschied sich Einstein, deutschen Boden nie mehr zu betreten. Er und seine Frau verbrachten einige Zeit in Belgien und England. Im Herbst beschloss er, Europa zu verlassen und endgültig in die Vereinigten Staaten auszuwandern.
Am 7. Oktober 1933 reiste Einstein in Begleitung seiner Frau Elsa, seiner Sekretärin Helen Dukas und seines Assistenten Walther Mayer mit dem Dampfer „Westernland“ (Red Star Line) von Southampton in die USA ab. Dort nahm er eine Professur für Theoretische Physik in Princeton an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. Am 8. Dezember 1952 wurde Jizchak Ben-Zvi zum zweiten israelischen Staatspräsidenten gewählt. David Ben-Gurion konnte wieder ruhig schlafen.
Albert Einstein, begnadeter Physiker und Unterstützer des Zionismus – entsprechend seiner persönlichen Interpretation desselben – verstarb am 18. April 1955 in Princeton.
23 Kommentare
Albert Einstein ist für mich ein wichtiger Teil des Judentums und des „Anderen Deutschlands“.
Gegen das deutsche Laster, für Einstein, Mann und Lasker !“ Einstein war soviel, er war Philosoph, Physiker, Gegner des 1.Weltkriegs, seine Zeit war vor allem vor der Gründung Israels. Einstein hat schon ca. 1920 prophezeit, es werde bald Konzentrationslager in Deutschland geben. Einstein kann ich nicht in wenige Worte fassen, Einstein ist in jeder Hinsicht GENIAL !
Albert Einstein, Zionist, aber kein nationaler Jude. Ungefähr so wie meine Ehefrau und ich selbst. Mit einem kleinen Unterschied: wenn die Anfrage zu meiner Ehefrau käme, ob sie Präsidentin des Staates Israel werden wolle, dann würde meine Ehefrau nicht Nein sagen.
Ach übrigens Antonia ich bin auch katholischer Zionist und Adenauer war Mitglied eines katholischen Vereins, der Juden die Heimkehr nach Palästina ermöglichte (dafür wurde Geld gesammelt). Er war also auch ein Visionär im Sinne von Theodor Herzl. Beiden hat die Geschichte Recht gegeben! Im Neuen Testament steht klar (Römer 11) , dass Gott noch nie den Segen an Israel zurückgenommen hat. Nur wie soll man diesen Segen verstehen??? Das bleibt geheimnisvoll. Allen einen schönen Shabbat!
Römer 11 ff.
6 Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aufgrund von Werken; sonst wäre Gnade nicht Gnade……11 So frage ich nun: Sind sie (Israel) gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne! Sondern durch ihre Verfehlung ist den Heiden das Heil widerfahren; das sollte sie eifersüchtig machen.
Auch Ihnen und allen Foristen und IN-Mitarbeitern einen schönen Shabbath und Sonntag.
Einstein – als genialer Physiker und Mathematiker bewundernswert. Seine Einstellung zu Gott teile ich indessen nicht:
„Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der geordneten Harmonie des Bestehenden offenbart, nicht an einen Gott, der sich um das Schicksal und die Taten der Menschen kümmert.“ Das wäre mir viel zu unpersönlich und ich habe auch ganz andere Erfahrungen mit Gott gemacht. Er ist ein Gott, der liebt und seinen Sohn gesandt hat zur Erlösung für jeden, der an ihn glaubt. Das gilt der ganzen Menschheit, auch den Juden.
Ich sage dazu einfach Danke Allmāchtiger fŭr DeineLiebe zu Allen Menschen.
Gerold
Ich habe hohe Achtung und grossen Respekt vor den jüdischen Menschen, die traditionell der Bildung und dem Wissen hohe Priorität einräumen. Bildung, Wissenschaft, Fortschritt – das sind fuer die Menschheit bleibende und somit wertvollste geistige Schätze.
Das Interessante ist, Adenauer war Mitglied dieses Vereins VOR dem Putsch Hitlers!
Interessant, das ist mir neu.
Ich wusste zwar, daß Einstein eine zeitlang mit einem politischen Amt geliebäugelt hat, aber daß Ben Gurion ihm die Staatspräsidentschaft anbot, war mir nicht bekannt.
Gut, daß er dankend abgelehnt hat, die beiden
wären wohl des öfteren mehr oder weniger heftig aneinandergeraten.
SHALOM
@Klaus
„Ich wusste zwar, daß Einstein eine zeitlang mit einem politischen Amt geliebäugelt hat . . .“ – Wie unwissend ich bin! Könnten Sie denn eine Quelle nennen für Ihr Wissen? Steht das in irgendeiner Einstein-Biografie? – Ich hatte bisher gedacht, Einstein sei ein Pazifist, der keinerlei Neigung verspürte, jemals ein politisches Amt auszuüben.
@ Alida
Es würde mich überraschen, wenn jemand zweifelsfrei nachweisen könnte, Albert Einstein habe irgendwann in seinem Leben „mit einem politischen Amt geliebäugelt“.
Sie sollten einen Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 04.10.2022, verfasst von G. Wolfram (online abrufbar), lesen. Gernot Wolfram berichtet über ein Symposium, veranstaltet vom Jüdischen Museum Berlin.
Im Mittelpunkt steht ein Brief Einsteins: Antwort auf die Frage Hans Kaufmanns, ob der Physiker sich vorstellen könne, eine führende Rolle in der zionistischen Bewegung zu spielen, deren Ziel es sei, auf dem Boden des britischen Mandatsgebiets einen jüdischen Staat zu gründen.
Einstein antwortet am 12.09.1942. Er schreibt z.B.: „Was nun meine Person anlangt, bin ich politisch unbegabt, unfähig, andere zu überreden (kurz, kein ‚Führer‘). Ich muss Ihnen auch sagen, dass ich kaum zu hoffen wage, dass es möglich sein wird, das jüdische Volk zu so einem Unternehmen zu bringen, indem sich die verschiedenen Gruppen unversöhnlich gegenüberstehen.“
Frau Tegtmeyer zitiert in ihrem Bericht aus einem Schreiben Einsteins: „Ich bin tief bewegt über das Anerbieten unseres Staates Israel, freilich auch traurig und beschämt darüber, dass es mir unmöglich ist, dies Anerbieten anzunehmen.“
Einstein schreibt weiter: „Mein Leben lang mit objektiven Dingen beschäftigt, habe ich weder die natürlichen Fähigkeiten noch die Erfahrung im richtigen Verhalten zu Menschen in der Ausübung offizieller Funktionen.“
Meiner Ansicht nach wusste Einstein um seine Grenzen und schrieb zu Recht, er sei „politisch unbegabt“.
Immer wieder faszinierend.
Danke für den Bericht.
Ich denke, er ist seinen Weg bestmöglich gegangen. Ja, er glaubte an keinen persönlichen Gott. Aber, wie er sich mit dem Thema beschäftigte, zeigt, dass er sicher kein Atheist war.
Auf „richarddawkins.net“ gibt es einen interessanten Artikel „Glaubte Albert Einstein an einen Gott oder nicht?“, der zu interessanten, auch entgegen gerichteten Kommentaren führte. Wenn, dann ganz lesen.
Es geht da um eine Sammlung von Briefen, die von Albert Einstein verfasst wurden.
Danach soll er laut einem Kommentar Folgendes geschrieben haben:
„Ich bin ein Jude, aber das strahlende Bild des Nazareners hat einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Es hat sich keiner so göttlich ausgedrückt wie er. Es gibt wirklich nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt. Niemand kann die Evangelien lesen, ohne die tatsächliche Gegenwart Jesu zu spüren. Seine Persönlichkeit pulsiert in jedem Wort. Kein Mythos ist von solchem Leben erfüllt. Wie anders ist zum Beispiel der Eindruck, den wir von einem Bericht über legendäre Helden des Altertums wie Theseus erhalten. Theseus und anderen Helden seiner Art fehlt die authentische Vitalität Jesu.”
Wenn dem so war, wäre das eine ganz gewaltige Aussage, wenngleich er aus bekannten Gründen „Jesus“ als Erlöser (noch) nicht erkennen konnte.
Denn auch damit war er dem „Alten“ * bereits auf der „Spur“ .
*(Im Zusammenhang mit der Quantenmechanik: “Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des „Alten“ bringt sie uns nicht näher“).
Einstein wird es jetzt wissen.
@Lothar
Hey Lothat, mein Englisch ist dafür nicht gut genug, aber das, was du schreibst, konnte ich auch woanders lesen. Nur meine ich, dass Einstein mit diesen Worten Jesus nicht als Gottes Sohn anerkennt oder ihn als göttlich ansieht. Für ihn war Jesus eher eine historische Person und die Evangelien eher ein Mythos. Ich tue mich schwer, ihn in Bezug auf Glaube und Religiosität irgendwie einzuschätzen. Er sagt über sich, „tiefreligiös ungläubig“ zu sein.
Für mich war er weder Jude, wenn er sagt: „Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens.“
Noch war er Christ: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern.“
Und er war auch kein Moslem: „Wenn ich rechne und sehe so ein winziges Insekt, das auf mein Papier geflogen ist, dann fühle ich etwas wie ‘Allah ist groß’, und wir sind armselige Tröpfe mit unserer ganzen wissenschaftlichen Herrlichkeit.“
Es ist für mich nicht einzuordnen, was er glaubte. Er bleibt für mich ein genialer Physiker und Wissenschaftler, mehr aber auch nicht.
Ella, das Judentum definiert sich nicht nur über den Glauben, sondern umfasst auch seine Zugehörigkeit zu Volk, Kultur und Tradition. Viele Juden inklusive mir bezeichnen sich als Säkular, atheistisch oder kulturell Jüdisch, bleiben aber Teil der jüdischen Gemeinschaft, da das Judentum eine „Ethno-Religion“ ist.
Jude zu sein, ist somit eine Frage der Identität und Herkunft, die unabhängig vom persönlichen Gottesglauben bestehen bleibt.
Einmal Jude, immer Jude. Selbst ein formaler Kirchenaustritt oder Atheismus hebt die jüdische Identität aus Sicht des jüdischen Gesetzes nicht auf. Das steht alles auf der Halacha drauf.
@Gideon Lahav
Ja okay Gideon, ich habe das nicht bedacht, sorry. Deinem Kommentar nach ist er natürlich Jude. Ich will niemandem das Judentum absprechen. Einstein, ein säkularer Jude, das ist richtig.👍🏻
Ella, in dem Falle gälte das auch für mich, denn meine Denkrichtung, den Ewigen betreffend, geht durchaus in die Nähe von Einstein oder Hawking
auch wenn ich aus Gewohnheit diese Macht als den ,,ALTEN“ personifiziere.
Es gibt einem den nötigen Bezugspunkt und bewahrt davor, angesichts der möglichen metaphysischen Implikationen völlig
meschugge zu werden.
SHALOM
@Ella.
Hallo Ella, richtig was Gideon sagt, er war trotzdem Jude. Und was die Quellen angeht, hatte ich unten noch 2 Nachträge. Deine Stellen fand ich auch schon. Auf Wikipedia findet man auch Einiges.
Gerade aufgrund seiner Skepsis ist es umso bemerkenswerter, wie hervorstechend bestimmte Aussagen von ihm waren (u. a. „Niemand kann die Evangelien lesen, ohne die tatsächliche Gegenwart Jesu zu spüren. Seine Persönlichkeit pulsiert in jedem Wort“ /// „No one can read the Gospels without feeling the actuell presence of Jesus. His personality pulsates in every word“ aus dem Interwiew in Englisch).
Als Gottes Sohn hat er ihn nicht gesehen, richtig. Denn das wäre ja schon der Glaube oder das Anerkennen eines persönlichen Gottes, der sich um uns kümmert, was er ja eben nicht glauben konnte.
Aber wir müssen ihm zugestehen, dass ihm dies ganz einfach verborgen geblieben sein könnte. Sonst sind wir schnell in der Deutung gemäß UT.
Noch zwei interessante Auszüge seiner Aussagen aus Wikipedia:
„Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“
„Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Die tiefe, emotionelle Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum öffnet, bildet meine Vorstellung von Gott.“
Wir bleiben dran und Alles Gute. Lothar.
Nachtrag/Korrektur zu meinem Kommentar:
Einstein hat das Zitat „Ich bin ein Jude, aber das strahlende Bild des Nazareners …“ nicht geschrieben, sondern die Aussagen sollen aus einem mit ihm geführten Interwiew (Englisch) mit dem Publizisten „George Sylvester Viereck“ vom 26. Oktober 1929 in „THE
SATURDAY EVENING POST“ stammen.
Nachtrag:
Wobei die Aussage
„Es gibt wirklich nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt“
in dem Interwiew (pdf) nach meiner Durchsicht nicht zu finden ist.
Zumindest ich habe speziell für diese „Aussage“ von Einstein im Netz keinen Beleg gefunden, obwohl sie ihm zugeschrieben wird.
Das schmälert jedoch nicht die starke Aussagekraft seiner anderen Aussagen zu Jesus, zumal er das Wort Gottes u. a. als das Produkt menschlicher Schwächen bezeichnete.
EINSTEIN, ein kluger Mann, er sah das Problem eines eigenen Staates und plädierte für einen binationalen Staat und Zusammenarbeit mit den Arabern.
Ob es geklappt hätte lässt sich leider nicht mehr sagen.
Ja, auch das ist richtig.
Für diesen Artikel von Frau Tegtmeyer bedanke ich mich sehr.
Als mein Religionsunterricht in der Oberterzia in den Bereich Philosophie glitt, machte ich endlich, Sinn bringend, mit dem jüdischen Philosophen Baruch Spinoza (1632-1677) Bekanntschaft.
Mit den Maurern wurden Juden aus Spanien vertrieben und Juden zogen u.a. in d. Niederlande/Amsterdam, wo auch die Spinoza-Familie einen Handel betrieb.
Baruch hat sich in langen religiösen Auseinandersetzungen von seinem Vater „emanzipiert“.
Als sich das in der jüdischen Gemeinde herumsprach (Einfügung M. Tegtmeyer)
„Das machte Spinoza in den Augen seiner Gegner zu einem gefährlichen Atheisten. Heftige Anfeindungen und ein Bannfluch, der über ihn ausgesprochen wurde, waren die Folge“ – und die sahen so aus: Man mied Spinoza’s Handelgeschäft, man wechselte die Straßenseite, als wäre Spinoza ein Leprakranker, es war verboten mit ihm zu reden und jeglicher Umgang mit ihm. Er wurde geächtet, verbannt, verarmt.
Bei Interesse empfehle ich das Buch des amerik. jüdischen Psychoanalytikers
Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem.
Darin erklärender Weise, warum sich der „Rasse-Hygeniker“ Alfred Rosenberg in Amsterdam 1940-ziger Jahre, brennend für die Person Spinoza interessierte.