Zermürbungskrieg ohne Ende

Seit mehr als sechs Jahren leiden die Einwohner der israelischen Grenzstadt Sderot unter der ständigen Bedrohung durch Mörsergranaten und Kassamraketen. Neuerdings hat die Hamas auch Katjuscharaketen, die nach "Hamastan" geschmuggelt wurden, eingesetzt und damit die Küstenstadt Aschkelon erreicht. Tausende von Einwohnern werden nach Einschätzungen von Experten möglicherweise ihr Leben lang unter den traumatischen Folgen des Raketenbeschusses zu leiden haben.

Die politische Führung Israels ist zu dem Schluss gekommen, dass sie mit massiver Gewalt Ruhe erzwingen muss. Sie sieht keine andere Lösung. Verteidigungsminister Ehud Barak hat eine rechtliche Klärung gefordert, die Bombardierung von Bevölkerungszentren erlaubt, von denen aus Raketen abgefeuert werden. Neue Bunker, Schutzräume und verstärkte Dächer auf israelischer Seite sind keine Lösung. Eine ganze Reihe von Politikern aus dem gesamten Spektrum fordert den Einsatz von Artillerie gegen den Gazastreifen. Sie betonen, dass letztendlich der Schutz der israelischen Zivilbevölkerung in ihrer Verantwortung liegt.

Seit der Eskalation im Süden des Heiligen Landes fielen täglich zwischen 40 und 60 Raketen auf Israel. Mehr als einhundert tote Palästinenser und Hunderte von Verletzten sind in weniger als einer Woche zu beklagen. In Israel streiten sich die Experten darüber, ob die Hamas nun einen Waffenstillstand haben möchte, oder nicht. Letztendlich scheint der Waffenstillstand à la Hamas so auszusehen, dass Israel die Kampfhandlungen einstellt, während aus dem Gazastreifen weiter Raketen und Mörsergranaten auf Israel geschossen werden dürfen.

Nicht nur Hamas an Beschuss beteiligt

Problematisch ist, dass eine ganze Reihe von Organisationen, darunter die so genannten Volksbefreiungskomitees, der Palästinensische Islamische Dschihad und nicht zuletzt die Al-Aksa-Märtyrerbrigaden, deren Kommandostruktur letztendlich beim palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas gipfelt, auch gegen den Willen der Hamas immer weiter die israelischen Städte und Dörfer am Rande des Gazastreifens mit Raketen und Granaten beschießen. Selbst wenn sich die Hamas in den vergangenen Monaten an einen Waffenstillstand gehalten hat, ging auf diese Weise aus israelischer Sicht der Beschuss ständig weiter.

So fordert die israelische Armee eine Fortsetzung des militärischen Drucks auf den Gazastreifen. Der Generalstab will weitere Bodenoperationen durchführen, die palästinensischen Raketenspezialisten von der Luft aus jagen und möglicherweise gar die Hamasführung gezielt unter Beschuss nehmen. Dafür braucht er aber mehr Soldaten. Eine groß angelegte Bodenoffensive und eine Wiederbesetzung des Gazastreifens ist nur eine letzte Option, weil das ein Albtraum aller Militärplaner und Politiker ist. Abgesehen von den zu erwartenden hohen Opferzahlen auf beiden Seiten weiß niemand, wie es danach weitergehen soll.

Jedes tote arabische Kind ein Propagandasieg

Die militärische Überlegenheit der israelischen Armee und operative Erfolge bedeuten nicht automatisch, dass ein Sieg der Israelis greifbar ist. Das liegt vor allem daran, dass in Israel jedes einzelne Menschenleben sehr hoch eingeschätzt wird – während für die Palästinenser jedes tote arabische Kind ein Propagandasieg ist. Insofern ist es kein Widerspruch, dass die Hamas trotz der hohen Opferzahlen und der verzweifelten humanitären Lage sofort nach einem Rückzug israelischer Kampfeinheiten einen Sieg verkündet. Hinzu kommt, dass sie an der innerpalästinensischen Front bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen hat. Es gelang den radikalen Islamisten, das gesamte Westjordanland durch einen Generalstreik zu lähmen. Zudem dominieren sie die palästinensischen Medien, während die Fatah zunehmend in die Defensive gerät.

Der langfristige Ausgang dieses Zermürbungskrieges ist trotz der eindeutigen militärischen Machtverhältnisse noch lange nicht klar. Mit sorgenvollem Stirnrunzeln blickt man in Israel auch in Richtung Norden. Die Hisbollah soll heute besser gerüstet sein, als vor dem Krieg im Sommer 2006. Eine weitere Frage ist das Verhalten von Syrien und dem Iran im Falle einer weiteren Eskalation im Gazastreifen. Das Gespenst eines Zweifrontenkrieges und die Angst vor den riesigen Raketenarsenalen, die sich auf den jüdischen Staat richten, sind allgegenwärtig.

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