Wie bedrohlich ist der Islamische Staat für Israel?

Bis zum Freitagabend hat sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ vor allem zu Raketenangriffen auf Israel vom Sinai aus bekannt. Nun beansprucht sie den tödlichen Messerangriff auf eine israelische Polizistin in Jerusalem für sich – und damit erstmals einen Anschlag auf israelischem Boden. Wie gefährlich ist die Terror-Organisation derzeit für den jüdischen Staat? Eine Analyse von Marcel Serr
Die Terror-Miliz „Islamischer Staat“ hat sich erstmals zu einem Anschlag auf israelischem Boden bekannt (Symbolbild)
Die Terror-Miliz „Islamischer Staat“ hat sich erstmals zu einem Anschlag auf israelischem Boden bekannt (Symbolbild)

Der „Islamische Staat“ (IS) hat sich am Freitagabend zum ersten Mal zu einem Terroranschlag auf israelischem Boden bekannt. Die drei Angreifer aus einem Dorf bei Ramallah attackierten israelische Sicherheitskräfte mit Messern und einer improvisierten Schusswaffe in der Nähe des Damaskustors, vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt. Es gab mehrere Verletzte; die 23-jährige Polizistin Hadas Malka erlag wenig später ihren Stichverletzungen.

Israelische Sicherheitskräfte erschossen die drei palästinensischen Terroristen während ihrer Angriffe. Die Presseagentur des IS, „Amak“, kündigte an, dass dies nicht der letzte Anschlag gewesen sei. Parallel ließ auch die Hamas verlauten, für den Angriff verantwortlich zu sein.

Obgleich Israels Sicherheitsbehörden bislang bezweifeln, ob die lokale Zelle tatsächlich mit dem IS in Kontakt stand, ist die Tatsache, dass die islamistische Terrorgruppe den Anschlag für sich in Anspruch nimmt, bemerkenswert. Bislang bekannte sich der IS zu Raketenangriffen vom Sinai auf Israel. Ein Terroranschlag auf israelischem Boden wäre eine neue Eskalationsstufe. Doch wie gefährlich ist der Islamische Staat eigentlich derzeit für Israel?

Bereits Ende Oktober 2015 veröffentlichte der IS das erste Video auf Hebräisch und verkündete, dass „nicht ein einziger Jude in Jerusalem übrigbleiben wird“. Zwei Monate später drohte Abu Bakr al-Baghdadi, der selbsternannte Kalifen und IS-Anführer, Israel: „Palästina wird nicht euer Land oder eure Heimat bleiben. (…) Es wird zu eurem Friedhof werden.“

Obgleich die Bedrohung durch den IS in Israel bislang eine vergleichsweise geringe Intensität hat, wird die Gruppe von den israelischen Sicherheitsbehörden als schwer kalkulierbare Bedrohung wahrgenommen. Eine Risikoanalyse muss dabei verschiedene Operationsgebiete des IS in den Blick nehmen: (1) die Grenzgebiete, insbesondere den Sinai und die Golanhöhen; (2) das Westjordanland und den Gazastreifen; (3) Israel selbst.

Der IS im Sinai

Ägypten ist seit den politischen Umstürzen ab 2011 mit einem Aufstand auf der Sinaihalbinsel konfrontiert. Die Terrorgruppe „Wilajat Sinai“, die Sinai-Provinz des IS, entstand als Zusammenschluss verschiedener salafistisch-dschihadistischer Gruppen und schwor dem IS im November 2014 Gefolgschaft. Während die Gruppe zunächst ihre Anschläge auf Israel konzentrierte, nahm sie mit dem Militärputsch gegen Präsident Mohammed Mursi 2013 verstärkt ägyptische Sicherheitskräfte auf dem Sinai ins Visier. Derzeit hat Ägyptens Militär bis zu 25.000 Mann im Nordsinai im Einsatz. Dennoch entgleitet Kairo zunehmend die Kontrolle. Seit Ende 2016 nimmt der IS in Ägypten in erster Linie koptische Christen ins Visier, um die religiösen Differenzen im Land anzuheizen.

Die israelische Armee geht davon aus, dass „Wilajat Sinai“ früher oder später auch Israel wieder vermehrt angreifen wird. Die Raketenangriffe auf Israel im Dezember 2016 und im Februar 2017 könnten erste Anzeichen dafür sein. Die militärischen Fähigkeiten, die die Gruppe gegen Ägyptens Militär demonstrieren, sind beträchtlich. Daher kooperiert Jerusalem nicht nur sehr eng mit Ägypten, sondern die israelische Armee hat bereits die Grenzkontrollen verstärkt und ausgeweitet.

Problemzone Golanhöhen

Der syrische Bürgerkrieg konfrontiert Israel mit einer äußerst volatilen Sicherheitslage. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu vereinzeltem Beschuss auf israelisches Territorium und gelegentlich zu gezielten Angriffen auf israelische Militärpatrouillen entlang der Grenze. Angesichts des Chaos jenseits des Grenzzauns ist die Sicherheitslage auf den israelischen Golanhöhen in den letzten Jahren jedoch erstaunlich ruhig.

Im unmittelbaren Grenzgebiet konnte der IS lediglich nahe der südlichen Golanhöhen Fuß fassen. Dort haben sich die „Jarmuk-Märtyrer-Brigaden“ festgesetzt. Im Mai 2016 sind die Brigaden mit anderen salafistischen Dschihadgruppen in der „Chaled Ibn al-Walid-Armee“ aufgegangen, die eng mit dem IS verbunden ist.

Ende November 2016 kam es zur ersten direkten militärischen Konfrontation zwischen der israelischen Armee und IS-Truppen in Syrien. Soldaten der Golani-Brigade wurden von einer Einheit der „Chaled Ibn al-Walid-Armee“ beschossen. Eine israelische Drohne erwiderte das Feuer und neutralisierte die Angreifer. Bislang scheint es sich aber um einen Einzelvorfall zu handeln.

Die palästinensischen Gebiete: eine schwer kalkulierbare Bedrohung

Derzeit gibt es im Westjordanland nur wenig Anzeichen für eine direkte Präsenz des IS. Großen Anteil daran haben die israelischen Sicherheitsbehörden, die IS-Zellen in diesem Gebiet bereits in einem frühen Stadium neutralisieren.

Mit Blick auf Meinungsumfragen bleibt die Unterstützung des IS im Westjordanland gering: Nur 3 Prozent der Palästinenser verstehen den IS als den „wahren Islam“ (9 Prozent im Gazastreifen). Nichtsdestotrotz wirbt der IS offensiv unter den Palästinensern: Im Juli 2015 veröffentlichte die Organisation ein Video, in dem palästinensische Kämpfer in Syrien ihre Landsleute auffordern, dem IS Gefolgschaft zu schwören und den Kampf nach Israel zu tragen. Insofern dürften einige Attentäter der Terrorwelle, die Israel zwischen Oktober 2015 und Frühjahr 2016 heimsuchte, von der IS-Propaganda inspiriert oder angestachelt worden sein.

Den bislang verheerendsten Terroranschlag mit Bezügen zum IS verübten zwei Attentäter aus Jatta. Am 8. Juni 2016 eröffneten sie das Feuer im Tel Aviver Vergnüngungszentrum Sarona; dabei wurden vier Israelis getötet und sechs verwundet. Wie der Inlandsgeheimdienst Schabak betonte, war die Tat von IS-Propaganda inspiriert, allerdings handelten die Terroristen ohne direkte Unterstützung. Insofern besteht die Bedrohung durch den IS im Westjordanland weniger in einer direkten Präsenz; vielmehr bietet die Miliz aus der Ferne eine Identifikationsfläche und Inspiration für gewaltbereite Palästinenser.

Im Gazastreifen sind mit dem IS verbundene Gruppen stärker verankert. Lokale salafistische Gruppen sprachen dem IS ihre Loyalität aus und sind auf Konfrontationskurs mit der Hamas. Sie werfen der Organisation vor, den nationalen Kampf vor die Errichtung und Ausbreitung des Kalifats zu stellen. Die Hamas betrachtet die Salafisten wiederum als Herausforderung ihrer Machtstellung. Seit Ende 2014 verschärfte sich dieser Konflikt: Als die Hamas mit der Festnahme von IS-Sympathisanten begann, beschossen diese das Hauptquartier der „Al-Kassam Brigaden“ in Chan Junis mit Mörsern. 2015 reagierten die Salafisten auf eine Arrestwelle mit der Sprengung von Dienstfahrzeugen der Hamas. Eine weitere Strategie der Salafisten im Gazastreifen besteht darin, durch Raketenangriffe auf Israel Jerusalem zu einer erneuten militärischen Eskalation zu provozieren und die Hamas damit zu schwächen.

Die Heimatfront: das größte Bedrohungspotenzial

Das gefährlichste Szenario im Kontext der IS-Bedrohung sind zweifelsohne Anschläge von Israels arabischen Staatsbürgern. Im Jahr 2015 sind rund 40 Israelis verhaftet worden, weil sie unter Verdacht standen, dem IS anzugehören (die Organisation ist in Israel seit September 2014 verboten). Im Juni 2016 befanden sich 46 IS-Anhänger in israelischen Gefängnissen. Obgleich die Unterstützung für den IS weit von einem Massenphänomen entfernt ist, ist das Spektrum an potenziellen IS-Sympathisanten dennoch bedenklich: Meinungsumfragen unter Israels Arabern zeigen, dass im Jahr 2015 bis zu 16 Prozent dem IS zustimmend gegenüberstanden. Erstaunlich ist dies insbesondere vor dem Hintergrund deutlich niedrigerer Zuspruchsraten in anderen arabischen Staaten wie Jordanien (3 Prozent) oder dem Libanon (0 Prozent).

Obgleich die Unterstützung für den IS unter Israels Arabern begrenzt ist, verzeichnet der Schabak einen steigenden Trend. Die Behörde bezeichnet die Unterstützung des IS als eine ernsthafte Gefahr für Israel. Der religiöse Fanatismus und die Brutalität der Gruppe, die in exzessiven Gewaltvideos im Internet verbreitet werden, beeinflusst die arabischen Jugendlichen. Allerdings ist es den israelischen Sicherheitsbehörden bislang meist gelungen, IS-Zellen in einem frühen Stadium zu stoppen. Daher ist die Anzahl von IS-inspirierten Terroranschlägen gering, bei denen die Linie von Planungen zu konkreten Taten überschritten wurde.

Einige Israelis konnten bereits auf dem Weg nach Syrien gestoppt werden. Im August 2015 wurde beispielsweise die arabische Israelin Iman Chanjo in der Türkei festgenommen und nach Israel überstellt. Die 44-jährige Doktorandin in Islamischen Studien und Mutter von fünf Kindern wollte sich in Syrien dem IS anschließen.

Einigen gelingt es jedoch, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Besonders spektakulär war die Aktion eines 23-jährigen Israelis im Oktober 2015, der mit einem Gleitschirm von den Golanhöhen nach Syrien flog.

Nach Angaben der israelischen Sicherheitsbehörden kämpfen gegenwärtig zwischen 50 und 100 arabische Israelis im syrischen Bürgerkrieg. Einige dutzend haben sich vermutlich dem IS angeschlossen.

Die Rückkehrer stellen die größte Gefahr dar. Schätzungsweise ein dutzend arabische Israelis sind nach dem Kampf im syrischen Bürgerkrieg wieder nach Israel zurückgekehrt und wurden daraufhin inhaftiert. Im September 2016 wurde eine gesamte Familie bei der Rückkehr nach Israel aus dem Kampfgebiet festgenommen. Das Ehepaar mit drei Kindern aus der israelischen Stadt Sachnin war nach dem Familienurlaub in Rumänien im Juni 2015 in die Türkei und von dort nach Syrien gereist. Der Ehemann kämpfte anschließend für den IS im Irak.

Auch unter den Beduinen Israels fällt die IS-Propaganda auf fruchtbaren Boden. In diesem Zusammenhang machte besonders ein Fall aus dem Juli 2015 Schlagzeilen, als sechs Einwohner des Beduinendorfs Hura (davon vier Lehrer) festgenommen wurden, weil sie eine IS-Zelle aufgebaut hatten und Propaganda unter Schülern verbreiteten.

Der sich abzeichnende Trend ist bedenklich: Junge „lone-wolf“-Terroristen treten auf den Plan. Dabei handelt es sich um Individuen, die ohne Angehörigkeit zu einer Organisation agieren, oder kleine Zellen planen und Anschläge ausführen. Diese Anschläge sind von generellen Richtlinien des IS im Internet inspiriert, ohne dass die Attentäter direkten Kontakt zu den Kommandostrukturen des IS haben. Wie die Anschläge in Berlin (Dezember 2016), London (März/Juni 2017), Manchester (Mai 2017) und weitere Attacken auf der ganzen Welt zeigen, handelt es sich dabei um ein globales Phänomen.

Fazit: Keine existenzielle Bedrohung

In Israels vielfältigen Bedrohungsszenarien spielte der IS derzeit eine gewichtige, aber keine erstrangige Rolle. Die militärischen Fähigkeiten der Gruppe in Syrien und im Irak stellen keine existenzielle Bedrohung für Israel dar. Ein größeres Bedrohungspotenzial geht dagegen von den Palästinensern in der Westbank und im Gazastreifen sowie insbesondere von den arabischen Israelis aus. Doch bislang waren die israelischen Sicherheitsbehörden sehr erfolgreich, Anschlagspläne frühzeitig zu verhindern.

Für den IS wäre ein Schlag gegen den jüdischen Staat zweifellos ein großer PR-Erfolg. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen in Israel, wie auch in Europa, je mehr der IS in Syrien und im Irak zurückgedrängt wird. Auch jüdische/israelische Ziele im Ausland könnten dabei zunehmend eine Rolle spielen – wie der verhinderte Angriff auf Israels Fußballnationalmannschaft bei einem Spiel in Albanien im November 2016 zeigte.

Insgesamt ist die Sicherheitslage in Israel derzeit jedoch vergleichsweise ruhig. Die Terrorserie, die Israel 2015/16 in Atem gehalten hatte, ist deutlich abgeflacht. Dies ist auch auf die hervorragende Arbeit der israelischen Sicherheitsbehörden zurückzuführen. Dennoch könnte der „erfolgreiche“ Anschlag vom Freitag Nachahmer ermutigen. Bis zum Endes des Ramadans dürfte die Sicherheitslage daher äußerst angespannt bleiben.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Von: Marcel Serr

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