Waffen für Gaza

Mit allen Mitteln sucht der Iran seinen Einflussbereich auszuweiten. Dabei richtet er sein Augenmerk besonders auf den Irak, den Jemen, Bahrain, den Sudan, Eritrea, Afghanistan, den Libanon und den Gazastreifen, aber auch auf andere so genannte "moderate" arabische Staaten.

Unter direkter Kontrolle der iranischen Führung exportiert die Al-Quds-Brigade der Revolutionsgarden die iranische Revolution. Über ein weit gesponnenes Netzwerk von technologischer, landwirtschaftlicher, finanzieller, wirtschaftlicher und politischer Aktivität fließen Geld, Training, logistische Unterstützung, ideologische Schulung und vor allem Rüstungsgüter. Für den Transport des waffenfähigen Materials nutzt der Iran internationale Speditionen, die sich aufgrund falscher Inhaltsangaben oftmals gar nicht im Klaren sind über den wahren Charakter ihrer Ladung.

Dagegen wehrt sich der jüdische Staat Israel – aber nicht nur er. Der Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens ist in vollem Gange. Deshalb leben dieser Tage nicht nur iranische Atomwissenschaftler gefährlich. Seltsame Internetwürmer behindern die reibungslose Arbeit von Nuklearanlagen. Auf offener See werden Frachtschiffe gekapert, und ihre Ladung erreicht nur teilweise ihren Bestimmungsort.

So enterte am frühen Morgen des 15. März 2011 die Eliteeinheit der israelischen Marine "Schajetet 13" etwa 320 Kilometer westlich der israelischen Küste im offenen Mittelmeer das Frachtschiff "Victoria". Das israelische Militär hatte der Aktion, die von höchster Stelle genehmigt worden war, den Namen "Operation Eisernes Gesetz" gegeben.

Aufgrund von nachrichtendienstlichen Informationen hatten die Israelis den dringenden Verdacht, die Victoria habe illegale Rüstungsgüter an Bord. Sie war auf dem Weg vom türkischen Hafen Mersin ins ägyptische Alexandria. Israelische Militärs deuteten eine Verbindung mit dem Besuch zweier iranischer Schiffe in einem syrischen Hafen einen Monat zuvor an.

Oslo-Abkommen verpflichtet Israel zur Kontrolle

Nach der Aufforderung, sich einer Inspektion durch die israelische Armee zu stellen, leistete die Besatzung der Victoria keinerlei Widerstand. Eigentlich war die Aktion Teil einer Routine, um Waffenschmuggel zu unterbinden. Israel ist gemäß den Abkommen von Oslo verpflichtet, die Außengrenzen Israels und der Palästinensischen Autonomie zu kontrollieren und den Schmuggel von Waffen zu unterbinden, die die Stabilität der Region gefährden könnten.

Ein erster Blick auf die Frachtdokumente und die Befragung der Mannschaft ergab, dass die Victoria ihre Reise im syrischen Hafen von Latakia begonnen hatte. Die Dokumente enthielten keinerlei Hinweis darauf, dass die Ladung Waffen und Rüstungsgüter enthielt. Doch bereits bei einer ersten Inspektion fielen den Soldaten Container mit "ungewöhnlich vielen Schlössern" auf. Die "Bill of Lading" deklarierte Baumwolle und Linsen.

Als die Israelis den Container aufbrachen, sahen sie zunächst tatsächlich nur Säcke mit Baumwolle und Linsen. Doch dahinter verbargen sich Mörsergranaten vom Kaliber 60 und 120 Millimeter. So wurde die Victoria zur näheren Untersuchung in den Hafen von Aschdod geleitet. Die Mannschaft war offensichtlich selbst überrascht darüber, was sich in den Containern befand. Den Israelis war wichtig, dass weder die Türkei noch Ägypten in den Vorfall verwickelt seien. Allerdings unterrichteten sie die deutschen Behörden von dem Vorfall, weil das Schiff in deutschem Besitz ist; die Franzosen, weil es von einer französischen Reederei betrieben wird; und die Regierung von Liberia, weil es unter liberianischer Flagge unterwegs ist.

Am Abend des 16. März gab die israelische Armee eine vorläufige Liste der auf der Victoria gefundenen Waffen heraus: In insgesamt 39 Containern waren

§                     ‪230 Mörsergranaten des Kalibers 120 mm‬
§                     ‪2.270 Mörsergranaten des Kalibers 60 mm‬
§                     ‪sechs C-704 Anti-Schiff-Raketen‬
§                     ‪zwei Radarsysteme aus England‬
§                     ‪zwei Raketenabschusseinrichtungen‬
§                     ‪zwei hydraulische Kräne zum Aufbau der Radarsysteme‬
§                     ‪66.960 Schuss Munition für die Kalaschnikow vom Kaliber 7,62 mm‬

Besonders die beiden Land-See-Raketen vom Typ C-704 erregten große Aufmerksamkeit. Ihre Gebrauchsanweisungen waren in persischer Sprache verfasst und trugen das Emblem der iranischen Regierung. Konteradmiral Rani Ben-Jehuda, stellvertretender Kommandeur der israelischen Marine, erklärte, dass diese chinesischen Raketen eine Reichweite von 35 Kilometern hätten und einen Sprengkopf mit 130 Kilogramm Sprengstoff tragen könnten. Auf einer C-704 stand das Wort "Nasr". So nennen die Iraner diese Rakete.

Vermutlich waren die Rüstungsgüter der Victoria für den Gazastreifen bestimmt, vielleicht aber auch für die Moslembruderschaft in Ägypten. In jedem Falle messen die Israelis dieser Schiffsladung "strategische Bedeutung" bei. Wäre sie an ihrem Bestimmungsort angekommen, so der Militärsprecher, hätte sie das strategische Gleichgewicht des Nahen Ostens entscheidend verändert. Während des Zweiten Libanonkriegs im Sommer 2006 schoss die Hisbollah eine chinesische C-802 Rakete auf die INS Hanit ab. Bei dem Angriff wurden vier israelische Soldaten getötet und das moderne Raketenschiff schwer beschädigt.

Konteradmiral Ben-Jehuda befürchtet, dass die Hamas derartige Raketen auch auf zivile Schiffe richten könnte. Während der israelischen Militäroperation "Gegossenes Blei" zum Jahreswechsel 2008/2009 hatte die Hamas im Gazastreifen noch keine Raketen, die Tel Aviv hätten erreichen können. Heute besitzt sie solche Geschosse. Der Sprecher der israelischen Armee, Brigadegeneral Avi Benajahu, betonte, dass "jede Rakete, die wir von diesem Schiff entladen haben, nicht auf israelisches Territorium fallen" werde.

Waffenschmuggelversuche in der Vergangenheit vereitelt

In der Vergangenheit haben Israels Geheimdienste und Armee bereits mehrfach Versuche vereitelt, Waffen in die Palästinensergebiete zu schmuggeln. Im Rückblick ergibt sich ein klares Bild von der Kooperation zwischen Iran, Syrien, der Hisbollah und der Hamas:

Am 7. Mai 2001 wurde die Santorini auf der Fahrt vom Libanon nach Gaza abgefangen. Das Schiff hatte 40 Tonnen Waffen an Bord, darunter Pistolen, Gewehre, Sprengstoffe, Granaten, Minen, Mörsergranaten, Panzerabwehrraketen, Artillerieraketen und Strela-Flugabwehr-Raketen. Der Kapitän, ein Waffenschmuggler und zwei seiner Verwandten an Bord waren den Israelis von früheren Versuchen her bekannt, Waffen für die Hisbollah und die "Volksfront zur Befreiung Palästinas-Generalkommando" (PFLP-GC) zu schmuggeln.

Am 3. Januar 2002 wurde die "Karine A" mit Kurs auf den Suezkanal im Roten Meer abgefangen. Sie hatte 80 wasserdichte Container mit 50 Tonnen Rüstungsgütern an Bord, darunter Panzerabwehrraketen, iranische Panzerminen, 2.200 Kilo hochexplosiven Sprengstoffs, 735 Handgranaten, verschiedene Handfeuerwaffen, automatische Gewehre, Munition und Taucherausrüstungen. Die Container hätten im Mittelmeer ins Wasser geworfen werden sollen, um dann im Gazastreifen angespült, beziehungsweise von kleineren Fischerbooten aufgesammelt zu werden. Unter der Besatzung waren Mitarbeiter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Der Arafat-Vertraute Fuad Schubaki war aktiv in die Affäre verwickelt. Arafat selbst gab letztendlich zu, dass die PA hinter dem Waffenschmuggel stand.

Am 23. November 2002 explodierte ein mit Sprengstoff beladenes Fischerboot in der Nähe eines Patrouillenbootes der israelischen Marine und am 7. Januar 2003 wurde am Strand nördlich des Gazastreifens ein Rettungsfloß voller Sprengstoff gefunden.

Am 21. Mai 2003 wurde das Fischerboot "Abu Hasan" auf dem Weg vom Libanon in den Gazastreifen westlich der israelischen Hafenstadt Haifa aufgebracht. Auf dem Boot wurden Fernzünder für Bomben, CDs mit Anleitungen zu Selbstmordbombenattentaten und Raketenzünder gefunden.

Humanitäre Luftbrücke missbraucht

In der Zeit zwischen Dezember 2003 und Januar 2004 lieferte alle Welt humanitäre Hilfsgüter für Erdbebenopfer in Bam in den Süden des Iran. Die iranischen Revolutionsgarden nutzten diese Luftbrücke, um Rüstungsgüter via Syrien an die Hisbollah zu liefern.

Im Mai 2007 wurde in der Türkei ein Zug aus dem Iran entdeckt, beladen mit Mörsergranaten, leichten Feuerwaffen, Raketenwerfern und Munition für die Hisbollah.

Im März 2008 brachte das iranische Handelsschiff "Iran Bagheri" der iranischen Spedition IRISL Hunderte Tonnen von Rüstungsgütern aus dem Iran in den syrischen Hafen Latakia. Beim Verlassen des Suezkanals befragte eine NATO-Einheit den Kapitän des Schiffs und forderte eine Inspektion. Nach langem Hin und Her erreichte die Fracht ihren Bestimmungsort ohne Inspektion.

Gegen Ende desselben Jahres deckten ägyptische Sicherheitskräfte ein Netzwerk der Hisbollah auf der Sinaihalbinsel auf. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah gab zu, dass seine Organisation am Waffenschmuggel in den Gazastreifen beteiligt ist. Der Anführer dieses Netzwerks, Sami Schihab, entkam während der Unruhen in Ägypten aus dem Gefängnis und tauchte am 16. Februar 2011 bei einer Hisbollah-Veranstaltung in Beirut auf.

Im Januar 2009 wurden auf Zypern auf dem zypriotischen Frachter "Monchegorsk", der von der iranischen Spedition IRISL (Islamic Republic of Iran Shipping Lines) gemietet worden war, 1.300 Tonnen Panzer-, Artillerie- und Mörsergranaten, sowie Rohmaterialien zur Herstellung von Raketen entdeckt.

Konvois im Sudan beschossen

Dokumente aus dem US-Außenministerium verzeichneten, dass die Sudanesen den Amerikanern zwei Luftangriffe im Osten ihres Landes vorwarfen: einen im Januar 2009, mit 17 zerstörten Fahrzeugen und 43 Toten; einen anderen am 20. Februar 2009. Dabei wurden 14 Fahrzeuge zerstört und 45 Menschen getötet.

Im März 2009 berichteten amerikanische und arabische Medien einen israelischen Luftangriff auf einen Waffenkonvoi im Sudan. Laut "Time-Magazine" soll der Konvoi unter anderem weit reichende Fadschar-Raketen transportiert haben, mit denen man vom Gazastreifen aus Tel Aviv erreichen könnte.

Am 12. Oktober 2009 wurde die "Hansa India", unter deutscher Flagge unterwegs aus dem Iran nach Ägypten mit Munition und waffenfähigen Industriematerialien, aufgrund einer Warnung aus Deutschland nicht in Ägypten entladen. Der Frachter setzte seinen Weg in Richtung Malta fort und wurde dort beschlagnahmt. Ziel der Ladung war Syrien.

Am 3. November 2009 kaperte die israelische Marine vor der Küste Zyperns das deutsche Frachtschiff "Francop" auf dem Weg vom Iran nach Syrien. An Bord befanden sich 500 Tonnen Rüstungsgüter in 36 Containern: 9.000 Mörsergranaten, 3.000 Katjuscha-Raketen, 23.000 Granaten und eine halbe Million Schuss Munition – alles hinter Säcken von Polyethylen versteckt. Israelische Militärs meinten, dieses Material hätte die Hisbollah "für mehrere Wochen Krieg ausgerüstet".

Laut Wikileaks warnten die USA den Sudan, Oman, Saudi-Arabien und Jemen im Jahr 2009, der Transport von iranischen Waffen über sudanesische Fluglinien sei ein ernsthafter Verstoß gegen das UN-Waffenembargo gegen den Iran. Von Jordanien und Ägypten aus wurden die Waffen von Beduinen weiter in den Gazastreifen geschmuggelt.

Ende August 2010 entdeckten Behörden im süditalienischen Hafen Gioia Tauro sieben Tonnen des Sprengstoffs RDX in Säcken, die als "Milchpulver" deklariert waren. Die Hisbollah benutzt RDX für ihre Raketensprengköpfe. Der Container mit dem Sprengstoff stammte aus dem iranischen Bandar und war auf dem Weg ins syrische Latakia. Der Frachter, der den Container transportierte, war die "M/V MSC Finland", die der griechischen Reederei Hinter Marin SA gehörte, von einer schweizerisch-italienischen Spedition gechartert und unter liberianischer Flagge unterwegs war.

Am 26. Oktober 2010 gaben nigerianische Behörden bekannt, sie hätten auf dem Frachtschiff "M/V Everest" 13 Container mit Waffen beschlagnahmt, darunter Granaten und Raketen. Die Everest war auf dem Weg vom Iran nach Gambia gewesen. Der israelische Fernsehsender "Channel 2 TV" berichtete, die Nigerianer hätten die Lieferung aufgrund von geheimdienstlichen Hinweisen beschlagnahmen können. Die Everest wurde von der französischen Spedition CMA-CGM betrieben und hatte die Flagge der Marshall Inseln gehisst. Die Frachtdokumente gaben Baumaterialien als Containerinhalt an.

Praktisch zeitgleich mit der Aktion "Operation Eisernes Gesetz", die die Waffenlieferung auf der Victoria ans Licht brachte, berichteten die Ägypter von der Konfiszierung von fünf Lastwagen an ihrer Südgrenze. Sie sollten Panzerabwehrraketen, Mörsergranaten, Gewehre und Sprengstoff vom Sudan zu den Tunnels auf der ägyptischen Seite der Sinai-Stadt Rafah bringen.

Einen Tag nach der Kaperung der Victoria zwang die türkische Luftwaffe ein iranisches Frachtflugzeug in seinem Luftraum zur Landung, um es zu inspizieren. Die Türken hatten den Verdacht, das Flugzeug habe illegale Rüstungsgüter an Bord.

Iran und Hamas bestreiten Verbindung zur Victoria

Derweil betonte der Generalkommandeur der iranischen Armee, man habe mit den Waffen der Victoria nichts zu tun. Ebenso beteuerte die Hamas, die Waffen seien nicht für Gaza bestimmt gewesen. "Die Speisekarte des zionistischen Regimes ist voller Lügen, Lügen und noch einmal Lügen", sagte der iranische General Amir Ataollah Salehi: "So Allah will, werden sie auf den Grund des Mittelmeeres sinken".

Israelische Sicherheitskreise betonen, dass ihnen die beschlagnahmten Waffen keine Sorgen bereiteten, sondern vielmehr all das Material, das unerkannt seinen Bestimmungsort erreiche. Dabei ist allen Beteiligten klar, dass die Israelis keineswegs alle Waffenlieferungen an die Hamas abfangen können. Der Vorfall mit der Victoria verdeutlicht aus israelischer Sicht, wie verletzbar das Kräftegleichgewicht um den jüdischen Staat ist, und die Macht der Achse Teheran-Damaskus-Gaza.

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