Von Marek gab es keine Spur

Eine neue Ausstellung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem widmet sich dem Schicksal jüdischer Kinder im Holocaust. Sie soll zeigen, dass die Kinder trotz der furchtbaren Zeit auch Momente der Freude und Kreativität hatten.
Den Teddybären fand die neunjährige Claudine, die aus Paris geflüchtet war, nach dem Krieg wieder.
Den Teddybären fand die neunjährige Claudine, die aus Paris geflüchtet war, nach dem Krieg wieder.
Kuratorin Jehudit Inbar ist sichtlich bewegt, als sie die versammelten Journalisten durch die Ausstellung „Sterne ohne Himmel“ in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem führt. „Der Holocaust hat Vielen ein jähes Ende ihrer Kindheit bereitet. Oft mussten sie die Familie versorgen oder ihre Eltern zum Überleben ermutigen. Trotzdem blieben sie Kinder, die, wann immer sie konnten, spielten, lachten, Geschichten schrieben oder Bilder malten, die ihre Ängste und Hoffnungen ausdrückten.“ Seit vergangenem Sonntag zeigt die neue Sonderausstellung, wie es jüdischen Kindern im Holocaust ergangen ist. Sie soll mindestens ein Jahr geöffnet bleiben und anhand konkreter Beispiele das Schicksal der Kinder illustrieren. Inbar erzählt von Eva Silberstein aus Bratislava, die 15 Jahre alt ist, als sie mit ihrer 13-jährigen Schwester Vera in Auschwitz-Birkenau eintrifft. Ihre Mutter hat ihr aufgetragen, auf die jüngere Schwester aufzupassen. Und so bleibt Eva bei Vera, auch dann, als sie die Möglichkeit hat, zu fliehen. Auf die Frage eines jungen Soldaten „Stimmt’s, du bist nicht jüdisch?“, antwortet sie diesem: „Doch, zweifelsohne bin ich jüdisch.“ Eva hält ihre Schwester auch fest, als ein Soldat die Anweisung gibt, die beiden zu trennen. Vera wehrt sich gegen die große Schwester und beißt sie sogar. Eva erinnert sich: „Der schöne Mann sagte: ‚Sie muss zur Schule gehen und du zum Arbeiten.‘ Darauf drehte sich Vera zu mir um und sagte: ‚Siehst du?‘ Im Bruchteil einer Sekunde riss sie sich von mir los und rannte glücklich davon.“ Jehudit Inbar erzählt: „Vera rannte direkt in den Tod, doch Eva war froh, dass sie ihre Schwester mit einem Lächeln in Erinnerung behalten hat.“

Eineinhalb Millionen getötete Kinder

Die Ausstellung dokumentiert auch die Geschichte von Marek Laub, einem achtjährigen Jungen, der im Mai 1944 in Auschwitz vergast wurde. Als Rega Laub, seine Mutter, ein halbes Jahr später mit dem Frauentransport in Auschwitz ankam, bittet sie eine Freundin, sie zum nahegelegenen Birkenhain zu begleiten: „Lass uns mal schauen, vielleicht hat Marek mir ja ein Zeichen hinterlassen.“ Rega überlebte, von Marek gab es keine Spur. Marek steht stellvertretend für eineinhalb Millionen Kinder, die im Holocaust umgekommen sind. Nur selten haben sie eine Spur hinterlassen, durch die man sich hätte an sie erinnern können. Ausstellungsgestalter Chanan de Lange gibt zu: „Natürlich ist es unmöglich, die persönliche Geschichte von anderthalb Millionen Kindern auf wenigen Quadratmetern auszustellen.“ De Lange ist Professor an der Jerusalemer Kunsthochschule Bezalel. „Jedes Kind stellt seine eigene Geschichte dar. Wir haben versucht, einzelnen Geschichten ein Gesicht zu geben. Wir wollen auch zeigen, dass es im Leben der Kinder trotz dieser furchtbaren Zeit Momente der Freude gab und wie kreativ die Kinder waren.“

Konzentrationslager in Libyen

Der Ausstellungsraum enthält 33 Stelen, die einen Wald aus Bäumen ohne Wurzeln darstellen sollen. Jeder Baum beinhaltet eine Hauptgeschichte, die durch kurze Filme zu anderen Themen ergänzt wird. Nach Kurzfilmaufnahmen im Eingangsbereich über Szenen aus verschiedenen Ländern über die Kindheit vor dem Holocaust bilden folgende Themenblöcke den thematischen Schwerpunkt der Ausstellung: Spiel, Studien, Freundschaft, Wer bin ich?, Arbeit, Zu Hause, Familie und Geburtstag. Eine Stele ist dem Konzentrationslager „Dschadu“ in Libyen gewidmet. Als Italien zum Alliierten der Nationalsozialisten wurde, wurde auch Libyen zum Kriegsgebiet, da es unter italienischer Kontrolle stand. Rassengesetze gegen libysche Juden wurden in Kraft gesetzt. Etwa 2.600 Juden wurden aus Ostlibyen nach Dschadu evakuiert, wo 562 Juden starben. Die Stele in Yad Vashem dokumentiert die Aussage von Hajun Hajun: „Es war Wüste, im wahrsten Sinne des Wortes. Nichts. Leere. Flucht? Niemand wollte fliehen, wohin hätten wir auch fliehen sollen?“

Hintergrund

„Yad VaShem“ bedeutet „Denkmal und Name“. Die Gedenkstätte ist das weltweit größte Museum, das an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie dokumentiert. Der Name stammt aus Jesaja 56,4+5: „Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate halten und erwählen, was mir wohlgefällt, und an meinem Bund festhalten, denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“ Am kommenden Donnerstag wird in Israel der Jom HaScho‘ah begangen, der Tag zum Gedenken des Holocaust. (mh)

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