Der Fall hat sich während der Demonstrationen zum „Nakba“-Tag am 15. Mai in der Nähe des israelischen Militär-Gefängnisses Ofer bei Beitunia nahe Ramallah zugetragen. Die israelische Armee hatte dazu eine Untersuchung angekündigt (Israelnetz berichtete). Bei den Erschossenen handelt es sich laut DCI um den 17-jährigen Nadim Siam Nawara und um den 16-jährigen Mohammed Mahmud Odeh Abu Daher.
Der Sprecher von DCI, Rifat Kassis, warf auf Facebook der israelischen Armee vor, übermäßig reagiert zu haben. „Keines dieser Kinder stellte eine direkte oder indirekte Bedrohung (der Soldaten) dar, als sie erschossen wurden. Diese Taten der israelischen Soldaten könnten ein Kriegsverbrechen bedeuten.“ Anders als die Deutsche Presse-Agentur (dpa) es vermeldete, erhob DCI gegenüber Israel nicht den Vorwurf der „absichtlichen Exekution“.
Untersuchung nicht abgeschlossen
Die israelische Armee weist den Vorwurf zurück. Das Video sei „tendenziös geschnitten“, sagte der Armeesprecher Peter Lerner laut der Tageszeitung „Jerusalem Post“. Es zeige nicht das Ausmaß der Gewalt der „gewaltsamen und illegalen Störung“ an diesem Tag. Die Militärpolizei untersuche jedoch den Fall, da noch Fragen offen seien. Vorläufig stehe fest, dass die Soldaten allein Gummigeschosse und Tränengas verwendeten hätten, jedoch keine scharfe Munition. Armeesprecher Arje Scharuz Schalicar fügte hinzu, dass den Soldaten vor ihrem Einsatz abgezählte Munition ausgehändigt werde.
Im Namen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sprach Hanan Aschrawi, ein Mitglied im Exekutiv-Ausschuss, von einer „willkürlichen Hinrichtung“. In ihrem Aufruf an die UNO und die EU, wegen dieser Verstöße gegen internationales Recht Israel zur Rechenschaft zu ziehen, verwendete sie noch Begriffe wie „exzessive und willkürliche Gewalt mit scharfer Munition“, „Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit“, sowie „außergerichtliche Tötungen“.
Viele Unklarheiten
DCI Anwalt Brad Parker teilte mit, dass besagtes Video ein Ausschnitt aus sechs Stunden Material privater Überwachungskameras sei. Er schloss nicht aus, dass die getöteten Jugendlichen zuvor in Zusammenstöße verwickelt gewesen seien. „Es ist schwer zu sagen, ob sie Steine geworfen haben, aber zum Zeitpunkt, als sie erschossen wurden, waren sie nicht aktiv.“ Anderes Filmmaterial und Fotos von der Nachrichtenagentur afp zeigen, dass die Jugendlichen tatsächlich an den gewalttätigen Zusammenstößen beteiligt waren. Bei den Videoaufnahmen, die den vermeintlichen Augenblick ihrer Erschießung zeigen, sind weder israelische Soldaten noch der Kontext der Auseinandersetzungen zu sehen.
Wie das israelische Fernsehen berichtet, wurde inzwischen eine Obduktion an den Leichen vorgenommen. Im Rucksack des getöteten Nadim ist eine Kugel gefunden worden. Diese soll den israelischen Behörden zur ballistischen Überprüfung übergeben werden.
Video mit Kommentar
Das zweieinhalb-minütige Video zeigt aus der Perspektive einer Überwachungskamera Menschen, die vor einem Gebäude herumlaufen oder stehen. Das Datum 15. Mai 2014 ist eingeblendet. Einer von ihnen schwingt offenbar eine Steinschleuder. Ein Herbeilaufender ist um 13:45 Uhr zu sehen, der plötzlich vornüber auf die Straße fällt. Andere eilen herbei, scharen sich um den am Boden liegenden, und tragen ihn weg. Gegen 15:00 Uhr erscheint eine weitere Person, die beim Gehen plötzlich zu Boden sinkt. Wieder eilen Menschen herbei, diesmal auch Presseleute mit Kameras. Israelische Soldaten sind während der ganzen Zeit nicht zu sehen. Außerdem hat die Überwachungskamera keinen Ton aufgenommen.
Eingeflochten in die Aufnahmen sind Erklärungen eines nicht näher identifizierten Mannes, mutmaßlich ein Augenzeuge. Das israelische Fernsehen nannte den Namen Facher Siad. Dieser erklärt auf Arabisch, er habe vier Schüsse gehört, drei davon hätten die Jugendlichen getroffen. Die Schüsse seien nicht aus der Richtung gekommen, in die die Jugendlichen zuvor Steine geworfen hätten. Zuvor habe die israelische Armee die Demonstranten mit Tränengas zurückgedrängt. Der Mann weist darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Tötung niemand Steine warf. Vielmehr hätten sich die Jugendlichen zurückgezogen.