Urgestein oben auf: Schimon Peres ist Präsident

“Ab heute ist er kein Mitglied der Knesset mehr“, erklärte die Sprecherin der Knesset, Dalia Itzik, und stellte dem israelischen Parlament ihren politischen Ziehvater Schimon Peres als neunten Präsidenten des Staates Israel vor. Seit 1959 gehört Peres der Legislative des Staates Israel an und war damit der am längsten amtierende Parlamentarier des jüdischen Staates. “In meinen wildesten Träumen hätte ich mir nicht vorgestellt, dass mich Dalia in diese Position einführt“, konterte der Staatsmann in seiner ersten Rede als nominierter Staatspräsident. Itzik bezeichnete den Wahlsieg im zweiten Gang als “dein persönliches Fest – und ein Fest für die Demokratie in Israel“.

Die Wahl des wohl bekanntesten und weltweit beliebtesten Israelis zum Staatsoberhaupt ist die Krönung einer Politkarriere, die sich über sechs Jahrzehnte erstreckt. Premierminister Ehud Olmert, der die Tatsache, dass sich letztendlich 86 von 120 Knesset-Abgeordneten für seinen Kandidaten aussprachen, als persönlichen Sieg verzeichnet, kommentierte: “Die Knesset hat heute ihren Ranghöchsten zum Präsidenten gewählt.“ Letztendlich war aber auch bei dieser Präsidentenwahl der “Königsmacher“ ein ultraorthodoxer Rabbi. Ovadia Josef, das geistliche Oberhaupt der sephardischen Schas-Partei, hatte 2000 gegen Schimon Peres entschieden, weshalb dann auch der rechtsgerichtete Mosche Katzav Präsident wurde. Dieses Mal sprach sich der orientalische Rabbi für den polnisch-stämmigen Sozialdemokraten aus.

Schimon Peres nannte in seiner Dankesrede drei Namen: David Ben-Gurion, Jitzhak Rabin und Ariel Scharon. Drei Männer, mit denen er sich zutiefst verbunden fühlt, mit denen er sich gemeinsam dem Wohl des Staates Israel verpflichtet sah und die gemeinsam mit ihm als Quartett einzigartig die Geschichte des jüdischen Staates Israel verkörpern. Von Anfang an stand Schimon Peres auf der politischen Bühne des Staates Israel, während seine Frau Sonja, geborene Gelman, sich beharrlich im Hintergrund hält, noch niemals neben ihrem Mann ins Rampenlicht der Öffentlichkeit trat. Das Paar hat eine Tochter namens Zvia, sowie zwei Söhne, Jonathan und Nehemia, und sechs Enkel.

Am 2. August 1923 wurde Szymon Perski in Wiszniew, das heute in Weißrussland liegt, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seinen Eltern in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Seitdem er 1948 persönlicher politischer Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion war hat Schimon Peres praktisch alle hohen politischen Ämter des Staates Israel inne. Im Alter von 29 Jahren war er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, zweimal Premierminister, dreimal Außenminister.

Peres wird als “Vater des israelischen Atomprogramms“ gehandelt und zog bei einigen der spektakulärsten Militäraktionen Israels, wie etwa der Befreiungsaktion von Entebbe 1976, im Hintergrund die Fäden. Gleichzeitig ist er der Meister der Geheimdiplomatie, entscheidender Motor des Prozesses von Oslo und erhielt für den Handschlag mit PLO-Chef Jasser Arafat auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus in Washington im September 1993 im Jahr darauf gemeinsam mit Arafat und Jitzhak Rabin den Friedensnobelpreis.

In Israel ist Schimon Peres als notorischer Träumer bekannt und wurde für seinen “Neuen Nahen Osten“ oft von Gegnern verhöhnt. Als frisch gewählter Staatspräsident verkündete er denn auch sofort, dass er in seinen 48 Jahren in der Knesset “keinen Augenblick die Hoffnung verloren“ hätte. Hoffnung zu vermitteln, sieht er als eine der vornehmsten Aufgaben des höchsten Amtes seines Landes.

Dabei ist das beharrlichste Urgestein der israelischen Politik vor allem als “Loser“, als Verlierer, bekannt. Schimon Peres hatte bis zum 13. Juni 2007 noch nie eine Wahl gewonnen. So witzelten Journalisten hinter seinem Rücken: “Wir wissen nicht, was im Jahr 2050 sein wird – außer, dass es Wahlen geben und Schimon Peres verlieren wird“ – was jetzt wohl als Beweis dafür gelten muss, dass Journalisten schlechte Propheten sind und Träumer manchmal auch nach langer Zeit noch einen Erfolg erzielen.

Eine der beharrlichsten Journalistenfragen, die den alten Staatsmann in den vergangenen Jahren begleitet hat, ist wohl die, wann er denn endlich in Rente gehen wolle. In Krisenzeiten hatte er mit nachdenklichem Ernst geantwortet: “Solange ich meinem Volk helfen kann, stehe ich zur Verfügung.“ Als frisch gewählter Präsident meinte er: “Wer etwas gegen mein Alter hat, möge sich bitte an meine Urenkel wenden.“ Die originellste Antwort des so frisch wirkenden Pensionärs war aber wohl: “Keine Angst, ich werde nicht vergessen, zu sterben.“

Die vorrangige Aufgabe des 83-Jährigen ist es jetzt, das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in das Amt des Präsidenten wieder herzustellen. Sein Vorgänger Mosche Katzav muss sich jetzt ohne den Schutz der Immunität gegen Vergewaltigungsvorwürfe verteidigen. Auch wird Schimon Peres in nächster Zeit unter Beweis stellen müssen, dass er tatsächlich schlichtend und überparteilich Einfluss zu nehmen vermag. Wenige Stunden vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten machte Ehud Barak als Vorsitzender der Arbeitspartei sein Comeback – und stellt jetzt den Fortbestand der Regierungskoalition in Frage. Und schließlich verkündete zeitgleich mit der Wahl eines Friedensnobelpreisträgers an die Spitze des jüdischen Staates die radikal-islamische Hamas, den Gazastreifen in ihrer Gewalt zu haben.

Stationen seines Lebens

2. August 1923: Szymon Perski wird in Wiszniew, das früher zu Polen, heute zu Weißrussland gehört, geboren.

1934: Einwanderung nach Palästina; die Jugend verbringt Schimon Peres in Tel Aviv; in der Folgezeit Studium an der Landwirtschaftsschule von Ben Schemen; Mitbegründer des Kibbuz Alumot im Jordantal.

1943: Wahl zum Sekretär der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung “HaNoar HaOved“

1944: Rückkehr nach Alumot, wo Peres als Landwirt und Schäfer arbeitet

1947-1948: während des israelischen Unabhängigkeitskrieges verantwortlich für Waffeneinkäufe und Rekrutierung

1948: Chef der Marine

1949: Leiter der Delegation des Verteidigungsministeriums in den USA; in dieser Zeit Studium an der “New York School for Social Research“ und der Harvard-Universität

1952-1953: stellvertretender Generaldirektor des Verteidigungsministeriums

1953-1959: Generaldirektor des Verteidigungsministeriums; in diese Zeit fällt die Anschaffung von französischen Mirage III-Kampfjets, der Sinaifeldzug (1956), an dessen Planung Peres entscheidend mit beteiligt war, und der Beginn des israelischen Nuklearprogramms

1959-2007: Mitglied der Knesset

1959-1965: Stellvertretender Verteidigungsminister

1965: gemeinsam mit David Ben-Gurion verlässt Peres die regierende Mapai-Partei und wird Generalsekretär von Rafi (Liste israelischer Arbeiter)

1968: gemeinsam mit Mapai wird Rafi zur israelischen Arbeitspartei

1969: Ernennung zum Einwanderungsminister mit besonderer Verantwortung für die Entwicklung der besetzten Gebiete

1970-1974: Transport- und Kommunikationsminister

1974: Informationsminister unter Golda Meir

1974-1977: Verteidigungsminister. In diese Zeit fällt das 2. Interim-Abkommen mit Ägypten (1975), die Befreiungsaktion von Entebbe/Uganda (1976) und das Konzept des „Guten Zauns“, das Südlibanesen Arbeitsmöglichkeiten in Israel schuf.

1977: kurze Zeit amtierender Premierminister nach dem Rücktritt Jitzhak Rabins

1977-1992: Vorsitzender der Arbeitspartei

1978: Wahl zum Vizepräsidenten der Sozialistischen Internationalen

1984-1986: Premierminister im Rahmen einer nationalen Einheitsregierung; in dieser Zeit zog sich Israel aus dem Libanon zurück (1985)

1986-1988: Außenminister und Vizepremier unter Jitzhak Schamir

1988-1990: Finanzminister und Vizepremier in der nationalen Einheitsregierung

1990-1992: Oppositionsführer in der Knesset

1992-1995: Außenminister. In diese Zeit fällt die Unterzeichnung der “Prinzipienerklärung“ mit der PLO (September 1993) und der Friedensvertrag mit Jordanien (Oktober 1994)

1994: Friedensnobelpreis gemeinsam mit Jitzhak Rabin und Jasser Arafat

1995-1996: amtierender Premier- und Verteidigungsminister – nach der Ermordung von Jitzhak Rabin am 4. November 1995. Trotz einer Welle von Selbstmordattentätern bemüht sich Peres, den Friedensprozess mit den Palästinensern am Leben zu erhalten.

1996-1999: Mitglied im Außen- und Verteidigungskomitee der Knesset

Oktober 1997: Gründung des “Peres-Zentrums für Frieden“ zur Förderung gemeinsamer arabisch-israelischer Initiativen

1999-2001: Minister für regionale Kooperation

2001-2002: Außenminister und Vizepremier in der nationalen Einheitsregierung unter Ariel Scharon

Januar-November 2005: Vizepremier unter Ariel Scharon

Mai 2006: Ernennung zum Vizepremier unter Ehud Olmert und Entwicklungsminister für den Negev und Galiläa

13. Juni 2007: Wahl zum 9. Präsidenten des Staates Israel

(Foto: Johannes Gerloff)

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