Der Schweizer Pierre Krähenbühl ist seit März 2014 Generalkommissar des UN-Hilfswerkes für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) in Jerusalem. Drei Monate nach seinem
Amtsantritt begann die israelische Militäroperation „Starker Fels“ gegen die Terrorinfrastruktur im Gazastreifen und die palästinensischen Raketenangriffe. Während des 50-tägigen bewaffneten Konfliktes besuchte er das Küstengebiet dreimal. Die direkte Betroffenheit der Menschen in Gaza und in Südisrael habe ihn in dieser Zeit geleitet, sagte der 49-Jährige nun im Gespräch mit der israelischen Tageszeitung „Yediot Aharonot“.
Während der Operation wurden in mindestens zwei UNRWA-Anlagen palästinensische Kampfmittel entdeckt. „Wir waren diejenigen, die die Waffenlager in unseren Anlagen bei Durchsuchungen, die wir durchführten, entdeckt haben“, hob Krähenbühl hervor. „Der Grund dafür, dass die Welt davon wusste, liegt darin, dass wir diejenigen waren, die alle in Kenntnis gesetzt haben.“
Die Möglichkeit, die Sache zu verschleiern, habe nicht zur Debatte gestanden, ergänzte der Generalkommissar. „Wir wussten, dass es heftige Reaktionen gegen die UNRWA in der israelischen Öffentlichkeit geben würde, wenn wir das veröffentlichen. Aber versuchen Sie sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn wir nicht diejenigen gewesen wären, die es veröffentlichen. Die Veröffentlichung an sich beweist nur, dass wir nicht bereit sind, das zu dulden und uns diesbezüglich zurückzuhalten.“
Auf die Frage, ob im Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen worden seien, entgegnete Krähenbühl: „Ich bin kein Richter, es ist nicht meine Aufgabe, zu urteilen, was ein Kriegsverbrechen war oder eine Verletzung des internationalen Menschenrechtes. Aber als Mensch, der viele Jahre in Konfliktregionen gearbeitet hat, ist es richtig zu sagen, dass die Zerstörung, die ich in Gaza gesehen habe und das Ausmaß der Auswirkungen des Kämpfens auf die Leute mich sehr beeinflusst haben.“
Kritik an Israel und Hamas
Der UNRWA-Generalkommissar äußerte auch Kritik an dem israelischen
Bericht über die Operation „Starker Fels“: „Es ist klar, dass in einer Auseinandersetzung jeder Spieler, ob es ein Staat oder kein Staat ist, dem internationalen Gesetz verpflichtet ist. Zuweilen sagt man, dass Gaza so überfüllt ist, dass man nachgiebig sein muss, wenn Zivilisten getroffen werden. Aber ich sehe das anders. An einem solchen Ort muss man gerade noch vorsichtiger sein, um zu gewährleisten, dass Zivilisten nicht getroffen werden.“
Besonders berührt hat den Schweizer ein
Angriff auf eine UNRWA-Schule mit 20 Toten: „Am Tag nach dem Angriff besuchte ich im Krankenhaus die verwundeten Kinder und sah in den Augen ihrer Eltern, die an ihrer Seite standen, was es heißt, wenn man sein Kind nicht beschützen kann.“ Seine Organisation habe der israelischen Armee ein Dutzend Mal mitgeteilt, wo sich ihre Schulen befanden und dass sich dort Zivilisten aufhielten. Deshalb habe das Hilfswerk solche Angriffe auch öffentlich verurteilt. Zweifel hat Krähenbühl daran, dass die Israelis alles getan haben, um Zivilisten zu schonen.
In dem Interview wies der Generalkommissar aber auch darauf hin, dass er die Hamas vor der Weltpresse kritisiert habe: „Ich war der ranghöchste internationale Vertreter, der den Abschuss der Raketen vom Gazastreifen nach Israel gerügt hat, und das nicht von einem Ort aus, an dem es mir bequem und leicht gewesen wäre, zu sprechen, wie Jerusalem oder Genf, sondern vom Gazastreifen selbst aus. Ich kann für mich selbst bezeugen, dass ich das internationale Recht äußerst ernst nehme, und wenn ich weiß, dass Raketen absichtlich auf Gebiete abgeschossen werden, in denen es eine Bevölkerung gibt, die dadurch getroffen werden könnte, dann verurteile ich das.“
Krähenbühl äußerte seine Bereitschaft, in einer israelischen Universität zu sprechen und die Kritik an der UNRWA anzuhören. Gleichzeitig könne er die Auffassungen der Organisation deutlich machen, die sich nicht als Feind der israelischen Öffentlichkeit sehe. (eh)