Umgangsformen in Israel: Man duzt sich

In den fast acht Jahren, die wir jetzt schon in Israel leben, hat sich mir nur ein einziges Mal jemand mit dem Familiennamen vorgestellt. Das war mein Arzt, der sich am Telefon mit „Doktor Zentner“ meldete. Wenn er aber jemanden in seine Sprechzimmer ruft, redet er ihn immer mit dem Vornamen an.

Wir duzen uns alle. Ob Rechtsanwalt oder Maurer, Psychologe oder Verkäufer im Fahrradladen, ob 60 oder 20 Jahre alt, jeder stellt sich ohne zu fragen mit dem Vornamen vor. Und so wird man auch überall angeredet.

„Ich heiße Gili und bin der Hausbesitzer. Hier ist meine Telefonnummer, falls es in der Wohnung Probleme gibt“, stellte sich unser Vermieter nach dem Einzug vor – seinen Nachnamen wissen wir bis heute nicht. Warum wir die Telefonnummer dann auch wirklich oft gebrauchten, gehört nicht hierher.

Wenn ich ihn dann aber angerufen habe, meldete er sich einfach mit „Hallo!“ Ich antwortete dann: „Schalom, Gili! Wie geht es dir? Der Abfluß von meiner Waschmaschine ist verstopft und ich habe eine Sintflut in der Wohnung.“ Gili schickte dann in der Regel nach ein paar Tagen Mohammed, seine rechte Hand – einen sympathischen Araber vom Ölberg, der sich als Handwerker ausgab. Nur mein deutscher Filterkaffee schmeckte ihm nicht. Bei einem „richtigen“ Kaffee muß nach arabischer Auffassung unten „Schlamm“ drin sein.

Auch die Kinder in der Schule und im Kindergarten rufen ihre Lehrer beim Vornamen und manche Kindergärten unterscheiden sich einfach nur an den Vornamen ihrer Lehrer. So geht ein Kind in den „Kindergarten Ora“ und ein anderes in den „Kindergarten Rivka“.

Ich habe den Eindruck, daß Beziehungen in Israel persönlicher sind und daß hier nicht so große „Klassenunterschiede“ gemacht werden. Der jüdische Schriftsteller Efraim Kischon schrieb einmal: „In diesem Land ist jeder Mensch ein Soldat, aber trotzdem bleibt jeder Soldat ein Mensch.“

„Jo’annes, Jo’annes…“ klang es aus dem Lautsprecher am Ben-Gurion-Flughafen. Mein Mann brauchte einige Zeit, bis er begriffen hatte, daß er damit gemeint war. Aber man gewöhnt sich an alles, auch ans Duzen.

Die erste, für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche, für jüdische Umgangsformen normale Erfahrung in dieser Richtung hatte er schon lange vor unserer Ausreise nach Israel als Student in Deutschland gemacht. „Ich bin Aaron“, hatte sich damals der ältere, würdige Herr vorgestellt, „und wie heißt Du?“ Auf die Frage, warum sich der Rabbiner Prof. Dr. Aaron Poolman van Beusekom einfach nur beim Vornamen nennen ließ, kam die einfache Antwort: „Meinst Du, mein Schöpfer wird mich ‚Rebbe’ nennen, wenn ich einmal vor ihn trete?“

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