Um jeden Preis? – Die dunkle Seite eines Gefangenenaustauschs

Bald sind es 1.000 Tage, seit der israelische Soldat Gilad Schalit in den Gazastreifen entführt wurde. Warum er so lange in der Hamas-Geiselhaft bleiben muss, stellte der erste Kanal des israelischen Fernsehens dar: die dunkle Seite eines Austauschs aus israelischer Sicht.

“Um jeden Preis” kann Israel seine Soldaten nicht “tot oder lebendig” in die Heimat zurückholen. “Nur Noam und Aviva Schalit können eine Rückkehr um jeden Preis fordern. Das ist ihr Recht”, erklärt Jossi Zur, dessen Sohn Assaf bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen ist. “Der Regierungschef aber muss an Sie und an mich und an unsere Kinder denken.”

Die israelischen Entscheidungsträger müssen nicht nur politische Folgen in Betracht ziehen. So haben die beiden letzten Gefangenenaustausche entscheidend dazu beigetragen, dass Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah der gefeierte Held auf den Straßen der arabischen Welt ist. Ein weiterer, wichtiger Aspekt der Entscheidung, die über Leben und Tod des jungen Schalit entscheidet, ist: “Der Preis für seine Freilassung ist das Blut vieler Israelis, die in Zukunft getötet werden!” Davor warnen Kritiker eines weiteren Gefangenenaustauschs.

Fünfzig Prozent der Freigelassenen “rückfällig”

Im Mai 1985 entließ Israel 1.150 arabische Terroristen, um drei Soldaten freizubekommen, die in syrische Gefangenschaft geraten waren. Dieser so genannte “Dschibril-Austausch” wird von vielen als Sündenfall Israels gegenüber seinen Feinden angesehen. Fünfzig Prozent der Terroristen, die von Israel seither freigelassen wurden, kehrten zum aktiven Terror zurück. Das ergab eine Studie der Organisation Magor, gegründet von Familien, die Angehörige in Terroranschlägen verloren haben. Der Preis für eine Freilassung Gilad Schalits wird sehr hoch werden, prophezeien sie.

Die Liste von konkreten Beispielen, die die Realitätsnähe dieser Prognose bezeugen soll, ist lang. Hier können nur einige Beispiele genannt werden: Am Sederabend im März 2002 forderte ein Selbstmordattentat auf das Park Hotel in Netanja 29 Tote und 155 Verletzte. Hinter dem Anschlag stand der Hamas-Aktivist Abbas Mahmud Mustafa a-Sajad, der 1996 aus israelischer Haft entlassen worden war. Die Entführer des Soldaten Nahum Wachsman waren zuvor in israelischer Haft, ebenso die Drahtzieher des Anschlags auf das Café Moment mit elf Toten. Auch im Rahmen der Abkommen von Oslo wurden Terroristen entlassen, die danach Anschläge durchführten, denen viele Israelis zum Opfer fielen.

Rückkauf bringt keinen Frieden

Juval Diskin, der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes, muss über jeden einzelnen gefangenen Palästinenser, der im Austausch für Schalit entlassen werden soll, entscheiden – ob er entlassen werden darf und vor allem auch wohin: Nach Hause, ins Westjordanland, in den Gazastreifen oder nur ins Ausland. Während er mit seinem Kollegen Ofer Dekel in Kairo durch ägyptische Vermittlung mit der Hamas über die Freilassung Schalits verhandelt, wird die israelische Bevölkerung schmerzhaft daran erinnert, dass auch ein Rückkauf Schalits keinen Frieden bringen wird: Im Jordantal werden zwei Israelis von Fatah-Terroristen erschossen. Und dabei gilt die Fatah des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas aus westlicher Sicht doch als gemäßigt.

Doch die Familie Schalit und ihre Anhänger sehen in den letzten Stunden der Regierung Olmert ein “Fenster der Möglichkeit”, das sich bald – und vielleicht für immer – schließen könnte. Deshalb setzen sie alle Hebel in Bewegung, um die Rückkehr ihres Sohnes zu bewerkstelligen. Die Warner oder Gegner einer nachgiebigen Vorgehensweise gegenüber der Hamas sehen betreten das tiefe persönliche Leid der Eltern von Gilad. Und weil das Ganze in aller Öffentlichkeit in den Medien Israels – und damit vor den Augen auch der palästinensischen Nachbarn – ausgetragen wird, ist klar, warum die radikal-islamischen Entführer Schalits offensichtlich keine Eile haben, den israelischen Forderungen nachzukommen, beziehungsweise die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben.

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