Tausende Ultra-Orthodoxe gegen „Frauen an der Klagemauer“

JERUSALEM (inn) – Tausende ultra-orthodoxe Schülerinnen haben am Montagmorgen gegen die Gruppe „Frauen an der Klagemauer“ protestiert. Extra eingesetzte Busse brachten die Strenggläubigen zur Westmauer in Jerusalem. Organisiert hatte den Protest der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Jossi Deutsch (Vereinigtes Torah-Judentum), zusammen mit der Führung der Haredim-Rabbis.
Die protestierenden Schülerinnen bevölkerten den kompletten Frauenbereich an der Klagemauer.

Foto: Elisabeth Hausen, Israelnetz

Die protestierenden Schülerinnen bevölkerten den kompletten Frauenbereich an der Klagemauer.

Insgesamt haben sich bis zu 7.000 Schülerinnen auf dem den Frauen vorbehaltenen Bereich vor der Klagemauer versammelt. Dadurch sei kein Raum mehr für die Anhänger der Initiative „Frauen an der Klagemauer“ gewesen, berichtet die Tageszeitung „Jerusalem Post“. Diese Frauen waren daher gezwungen, ihr monatliches Gebetstreffen an der Klagemauer an einem anderen Ort abzuhalten. Bereits um 5:30 Uhr Ortszeit am Montagmorgen holten die Busse die Mädchen aus ihren Siedlungen in Judäa und Samaria ab, um pünktlich um 7 Uhr zum geplanten Frauengebet vor Ort zu sein. Auch etwa 200 ultra-orthodoxe Jungen erschienen zu den Protesten.
„Verschwinde von hier, Amalek“, riefen sie. Außerdem äußerten sie Wehrufe auf Jiddisch und beschimpften die anwesenden Polizisten mit „Nazis“. Zusätzlich wurden auch Eier und Wasserbomben in Richtung der Frauen geworfen.

Von der Polizei verraten

Die Leiterin der Gruppe „Frauen an der Klagemauer“, Lesley Sachs, zeigte sich verärgert. „Wir sind aufgebracht und frustriert“, sagte sie. „Wir kooperieren immer mit der Polizei, aber wir fühlen uns heute von der Polizei verraten. Denn wo wir heute gezwungen wurden zu beten, war kein Gebetsplatz. Es war der Parkplatz“, erklärte sie.
Die Polizei sei gegen die Massen der Ultra-orthodoxen nicht angekommen und habe die Frauen wieder zurück ihn ihren Bus gedrängt. „Wären wir ohne die Polizeieskorte angereist, dann hätten wir uns einen Punkt in der Nähe der Klagemauer sichern können, so, wie wir es auch die vergangenen 24 Jahre getan haben“, klagte Sachs nach Angaben der Tageszeitung „Yediot Aharonot“.
Laut der „Jerusalem Post“ hatte Deutsch zusammen mit anderen Anhängern seiner Partei die Jerusalemer Polizei in der vergangenen Woche über den bevorstehenden Protest informiert sowie über sein Vorhaben, die Schülerinnen zur Klagemauer zu bringen. Polizeisprecher Schmulik Ben Ruby äußerte sich nicht zu dem Treffen, gab aber zu, seine Kollegen hätten sich „mit beiden Seiten“ getroffen.

Gerichtsbeschluss muss gelten

Der Direktor der „Konservativen Bewegung in Israel“, Jitzhar Hess, bemängelte, dass die Polizei sich nicht an einen Beschluss des Bezirksgerichts gehalten habe, der den Frauen erlaubt, direkt an der Mauer laut zu beten. Der für Frauen eingerichtete Gebetsbereich ist um etliches kleiner und unkomfortabler ausgestattet als der der Männer. Die Mitglieder der Gruppe „Frauen an der Klagemauer“ hatten sich vor Gericht erkämpft, wie die Männer laut beten und einen jüdischen Gebetsschal tragen zu dürfen (Israelnetz berichtete).
„Ohne Zweifel muss die Polizei sich genau überlegen, ob sie wegen ihrer Unfähigkeit, die Freiheit der religiösen Anbetung an der Klagemauer zu schützen, vor Gericht landen will oder nicht“, sagte Hess. „Wenn nicht, dann müssen sie das tun, von dem sie bereits wissen, dass sie es tun sollten: Einen angemessenen, respektablen und zugänglichen Gebetsbereich zu bewahren, sodass die ‚Frauen an der Klagemauer‘ nach ihren Bräuchen beten können, wie sie es auch die vergangenen 25 Jahre getan haben“, erklärte er.
Rabbi Gilad Kariv von der Reformbewegung verurteilte die Proteste. „Die israelische Polizei hat das Gericht bedroht, das eine Regel erlassen hat, die den ‚Frauen an der Klagemauer‘ das Beten erlaubt. Und sie hat eine kleine Gruppe ultra-orthodoxer Provokateure und Rabbis belohnt, sie sich für das Ausbreiten von Hass eingesetzt haben“, empörte er sich. „Die israelische Polizei hat vergessen, dass sie die Pflicht hat, Religionsfreiheit an der Klagemauer zu sichern anstatt die Betenden abzuriegeln“, sagte Kariv.

„Frauen an der Klagemauer“ sind „Provokateure“

Für den stellvertretenden Bürgermeister hingegen sind die Frauen „eine kleine Handvoll Frauen, die nur an Provokation interessiert sind“, berichtet die „Jerusalem Post“.
„Die wirklichen Frauen an der Klagemauer sind die redlichen Frauen, die jeden Tag ernsthaft an der Westmauer beten“, erklärte Deutsch. „Es ist eine Schande, dass am ersten Tag des Monats Av eine Gruppe Frauen hierher kommt und die Menschen spaltet“, fügte er hinzu.
Im Vorfeld des angekündigten Protests hatten die Frauen sich noch wohlwollend geäußert. „Auch wenn das hier darauf zielt, die ‚Frauen an der Klagemauer‘ einzuschüchtern und zu überwältigen, heißen wir die jungen Frauen und ihre Gebete wirklich willkommen“, hieß es auf der Internetseite der Initiative. „Diese Aktion zeigt nur, was wir immer gesagt haben: Es gibt genug Raum an der Kotel für alle Frauen aus allen Hintergründen und Traditionen, um Seite an Seite zu beten. Frauen können sich diesen Platz an der Mauer teilen“, schloss die Mitteilung.
Premierminister Benjamin Netanjahu hat den Chef der „Jewish Agency“, Natan Scharanksy, damit beauftragt, eine Lösung im Streit um das Frauengebet an der Klagemauer zu finden. Scharanskys Plan sieht vor, den Gebetsbereich um mehrere Dutzend Meter zu erweitern und ihn in drei Teile zu teilen: einen für Männer, einen für Frauen und einen, an dem jeder frei beten könne.

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