Seit mehr als 40 Tagen steht Suwaida – die von Drusen dominierte Provinz im Süden Syriens – unter Belagerung. Die humanitäre Krise verschärft sich von Woche zu Woche. Sauberes Wasser, Nahrungsmittel, Medikamente und Elektrizität sind kaum verfügbar. Kaum ein Krankenhaus funktioniert noch, und in der gesamten Provinz sind nur vier Ambulanzen im Einsatz.
Häuser sind weithin niedergebrannt, Geschäfte geschlossen, Kranke bleiben ohne Behandlung, weil es an Ärzten fehlt. Berichte aus der Region sprechen von gezielten Versuchen der syrischen Übergangsregierung, angeführt von der islamistischen Miliz „Hajat Tahrir al-Scham“ (HTS), die Region nach dem gescheiterten militärischen Eroberungsversuch im Juli systematisch zu ersticken.
Der Angriff im Juli
Am 13. Juli griffen Beduinenmilizen aus dem Norden Suwaidas und aus der Region Daraa, unterstützt von Dschihadisten und Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates, drusische Dörfer im Westen Suwaidas an. Binnen weniger Tage rückten syrische Armeekonvois mit Panzern und schwerer Artillerie aus Damaskus an – nicht um das Blutvergießen zu stoppen, sondern um die Milizen zu verstärken.
Ganze Gemeinden wurden ausgelöscht. Mindestens 32 Dörfer sind entweder weiterhin von regimetreuen Milizen besetzt oder durch Minenfelder von der Außenwelt abgeschnitten. Überlebende können weder Tote bergen noch die Zerstörung dokumentieren.
Entgegen der Darstellung in syrischen Staatsmedien und Teilen westlicher Presse, die von „konfessionellen Auseinandersetzungen“ zwischen sunnitischen Beduinen und Drusen sprach, zeichnen Augenzeugenberichte und Menschenrechtsorganisationen ein anderes Bild: Es handelte sich um ein gezieltes, systematisches Massaker.
Es geht um kaltblütige Exekutionen von Alten, Frauen und Kleinkindern; drusische Studenten in Damaskus mussten in den Untergrund gehen; Häuser wurden geplündert und in Brand gesetzt. Kämpfer des syrischen Verteidigungsministeriums posierten mit abgeschlagenen Köpfen. Mindestens 100 drusische Frauen und Mädchen wurden verschleppt – mutmaßlich in die sexuelle Versklavung.
Eine Untersuchung des „Alma Research Centers“ identifizierte mindestens neun syrische Armeedivisionen, die an den Angriffen beteiligt waren.
Die israelische Reaktion
Als sich die Nachricht vom Massaker verbreitete, mobilisierten sich die drusischen Gemeinden in Israel. Reservisten wandten sich direkt an Premierminister Benjamin Netanjahu (Likud) mit der Bitte um militärisches Eingreifen. Tausende handelten selbst: Gruppen von Drusen überschritten illegal die israelisch-syrische Grenze, um ihre „Brüder in Suwaida zu retten“ – trotz Versuchen der israelischen Sicherheitskräfte, sie zurückzuhalten.
In einer historischen und bewegenden Szene vereinten sich israelische Drusen mit Verwandten in syrischen Grenzdörfern. Sogar ein drusischer Knesset-Abgeordneter der Likud-Partei reiste nach Syrien, um in einem Helwe (Gebetshaus) zu beten und die örtlichen Verteidiger zu ermutigen.
Ein Mann wurde dabei beobachtet, wie er ein Neugeborenes über die Grenze nach Israel trug. „Das ist das Kind meiner Schwester“, sagte er. „Sie kam aus Damaskus, um mir das Baby zu geben, damit ich es in Sicherheit bringe. Ich werde es in Israel großziehen, bis die syrische Regierung entscheidet, wie es weitergeht.“
Basisinitiativen für Hilfe
Im Norden Israels gründete der drusische Aktivist und Reservist Rasan Tarif ein großes Hilfszentrum in der galiläischen Stadt Dschulis. Mit dutzenden Freiwilligen organisierte er Abteilungen für Informationsbeschaffung (OSINT), Hilfsgüter-Sammlung und Kommunikation, um die Welt über die Ereignisse in Syrien zu informieren. Trotz ständiger Internetabschaltungen hielten sie den Kontakt zu Familien in Suwaida aufrecht, die unter Bombardements litten.
Die Versorgungslage bleibt jedoch prekär. Jordanien verweigerte die Öffnung seiner Grenze für israelische Hilfslieferungen, sodass Konvois durch die sunnitische Region Daraa geleitet werden mussten, wo sie häufig geplündert wurden. Viele Lastwagen stecken bis heute in Grenzdörfern fest.
Israelische Minister trafen sich mit drusischen Führern, um die Lage besser zu verstehen und Hilfsmöglichkeiten auszuloten. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es dem israelischen Außenministerium, Hilfsgüter im Wert von 2 Millionen Dollar bereitzustellen – am erfolgreichsten über Hubschraubertransporte.
Zudem behandelt Israel verletzte drusische Zivilisten in seinen Krankenhäusern, unter ihnen ein junges Mädchen, das sich in einem Schrank versteckte, während ihre Familie ermordet wurde. Sie wurde mit schweren Gesichtsverletzungen durch eine Kugel nach Israel ausgeflogen.
Ein Bruch in den Loyalitäten
Für viele Drusen in Syrien ist die Hilfe nicht nur lebensrettend, sondern auch symbolisch bedeutsam. In Suwaida wehen bei Protesten inzwischen improvisierte israelische Fahnen neben drusischen – ein Anblick, der in einem seit Jahrzehnten israelfeindlichen Land kaum vorstellbar war. „Wir vergessen nicht, wer zu uns stand“, rufen die Demonstranten. „Danke, Israel!“
Mufaq Tarif, das geistliche Oberhaupt der israelischen Drusen, hielt eine enge Verbindung zum drusischen Religionsführer in Syrien, Hikmat al-Hidschri. Dieser dankte öffentlich Israel, der Armee und den israelischen Drusen für ihre Hilfe in der dunkelsten Stunde seiner Gemeinde – im Gegensatz zu allen anderen Ländern, die sich weigerten, einzugreifen. Arabische Staaten hingegen schwiegen oder begrüßten teilweise sogar die Massaker.
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Auch in Deutschland kam es zu Spannungen zwischen syrischen Flüchtlingen. Während drusische Demonstranten die Massaker verurteilten, feierten pro-syrische Regimeanhänger in Düsseldorf das Blutvergießen, schwenkten die neue syrische Dreisterne-Flagge und skandierten: „Die Männer aus Daraa haben die Drusen verbrannt!“ und „Mit Blut und Seele opfern wir uns für Syrien!“
In Berlin hielten Anhänger von Interimspräsident Ahmad al-Schar‘a Scheren hoch als Symbol für die Demütigung drusischer Männer durch das Abschneiden ihrer Bärte. „Heute befreien wir Suwaida!“, rief ein Demonstrant. „Freies Syrien – raus mit den Drusen!“, skandierten andere.
Eine Gemeinschaft am Scheideweg
Die Belagerung Suwaidas ist mehr als eine humanitäre Tragödie – sie markiert einen Wendepunkt für die drusische Identität im Nahen Osten. Einst fest mit ihrer syrischen Heimat und den arabischen Nachbarn verbunden, stellen viele nun offen die Frage, ob ihre Zukunft woanders liegt.
Vor wenigen Tagen veröffentlichte Hikmat al-Hidschri einen historischen Aufruf zur Gründung eines unabhängigen drusischen Staates mit eigenen Institutionen und einer eigenen Armee – ein Gedanke, der noch vor Monaten undenkbar gewesen wäre.
Das Misstrauen gegenüber der neuen Übergangsregierung wächst, nachdem sie systematisch Minderheiten massakrierte. Die Versuche Interimspräsident Al-Schar‘a, die Syrer hinter einer „vereinigten Nation“ zu versammeln, sind gescheitert. Stattdessen werden die Rufe von Minderheiten wie Drusen, Alawiten und Kurden nach Autonomie in ihren Regionen immer lauter.
Wer sind die Drusen?
Die Drusen sind eine kleine, sehr eng verbundene ethno-religiöse Gemeinschaft mit weltweit etwa 1,5 Millionen Angehörigen. Die meisten leben in den Bergregionen Südlibanons (circa 250.000), im Norden Israels (circa 150.000) und in Südsyrien (circa 700.000). Ihre Religion entstand im 11. Jahrhundert als Abspaltung vom schiitischen Islam, geprägt von Mystik und dem Glauben an Reinkarnation. Übertritte in die oder aus der Glaubensgemeinschaft sind verboten; Loyalität und Ehre gelten als höchste Tugenden.
Zwar erkennen die Drusen alle Propheten der abrahamitischen Religionen an, doch ihre wichtigste prophetische Gestalt ist Jethro. Sein Grab in Nordisrael ist eine zentrale Pilgerstätte.
Aufgrund jahrhundertelanger Verfolgung durch muslimische Herrscher hielten die Drusen ihre Schriften geheim. Weder Außenstehende noch nicht-religiöse Mitglieder haben Zugang zu den heiligen Texten, die ausschließlich von Geistlichen im eigenen Haus oder im Helwe, dem drusischen Gebetshaus, aufbewahrt werden dürfen.
Die drusische Fahne zeigt fünf Farben: Grün für Natur und Ausgleich, Rot für Liebe und Empathie, Gelb für Sonne und Ernte, Blau für Himmel und Wasser, Weiß für Reinheit und Vergebung.
Von Neli Shoifer
13 Antworten
Jahrhundertelange Verfolgung der Drusen durch muslimische Herrscher. Was kann da Israel tun? Hart durchgreifen.
Massaker, Vergewaltigungen, Entführungen, gezielte Angriffe auf Zivilisten, Aushungern ganzer Regionen, Rassistische Angriffe auf Minderheiten, da muss es doch Demonstrationen in der ganzen Welt geben…ja nee, da kann man ja Israel nicht verantwortlich machen, also uninteressant. Noch dazu helfen Israelis den Drusen, da kommt ja das solide antisemi..äh antizionistische Weltbild durcheinander.
Bedeutet das, dass ein Staat, der nach Ethnonationalismus strebt und rechtsextrem ist, sich so sehr um Drusen kümmert?
Oder erleben wir das, was wir seit Jahrzehnten im Libanon, im Irak, im WJL und im Gaza-Streifen erleben.
Man stiftet Chaos, um die Regierungen weiter zu schwächen, und sucht immer nach einem Grund, um mit Gewalt einzugreifen.
Dies ist eine politische Entscheidung, die uns als moralische Entscheidung präsentiert wird.
Syrien braucht Hilfe von jemandem, der nicht den Süden besetzen und mehr Land stehlen will.
Die Drusen brauchen Hilfe, nicht Syrien. Und die Frage ist doch, was wollen die Drusen? Leben oder sich abschlachten lassen? Aber das Leben kümmert Sie nicht? Wie sagte die größenwahnsinne Ahed Tamimi vor ein paar Tagen: die gesamte Welt hat zu schweigen, wenn ein Palästinenser spricht.
@Ludovico
Interessant. Ich lese 2 Botschaften aus Ihrem Post:
1. Die Juden vergiften Brunnen und fressen kleine Babys.
2. Israel hat kein Existenzrecht.
Warum suchen Sie immer einen Grund, Israel „in die Pfanne zu hauen“?
@Ludovico
„Syrien braucht Hilfe von jemandem, der nicht den Süden besetzen und mehr Land stehlen will.“
Du produzierst Phrase, aber keine Idee, wie den Drusen geholfen werden könnte, ist von dir zu hören.
Nur Israel kümmert sich um die Drusen. Alle anderen, ausländische Kräfte, wittern schon wieder Geschäfte (Öl, Wiederaufbau, Handel).
„Ethnonationalismus“ – damit kannst du Israel schwerlich vergleichen, auch wenn Israel von sich sagt, dass es die Heimstätte des jüdischen Volkes ist. Wie übrigens auch Deutschland Land der Deutschen ist.
@Ludovico
Ich lese zum ersten Mal einen Ihrer Kommentare. Bemerkenswert, aber etwas zu sehr aus der Vogelperspektive. Was erleben „WIR“ denn konkret seit 2005 im damals von Israel geräumten Gaza-Streifen? Ich nehme an, Sie sprechen hier von sich im Pluralis Majestatis, denn Sie schreiben ja auch, etwas sei „eine politische Entscheidung, die UNS als moralische Entscheidung präsentiert wird.“
Also, ich bin nur eine Einzelperson, die für sich selber sprechen kann. Sie scheinen über ein festgefügtes Weltbild und umfangreiche Kenntnisse zu verfügen. Deshalb meine Bitte, doch einige Fragen im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar zu beantworten.
Wie gut kennen Sie denn die Geschichte des Gaza-Streifens unter der Leitung des Hamas-Politbüros seit dem Sommer 2007? Ist es wirklich Ihre Meinung, dass die Hamas-Regierung Chaos gestiftet hat? Was hat diese souveräne Hamas-Regierung, unterstützt von arabischen Staaten, dem Iran, zahlreichen anderen Ländern, der UNRWA usw. für das palästinensische Volk im seinem Herrschaftsbereich alles getan seit 2007? Wofür wurde das Geld, das der Hamas-Regierung zur Verfügung gestellt wurde, von dieser Regierung verwendet? Was waren und sind die wesentlichen Ziele der Hamas-Regierung? Gibt es eine Verfassung oder dergleichen? Hat diese Regierung zum Frieden in der Region beigetragen? Wenn ja, in welcher Weise?
Es wäre sehr freundlich, wenn Sie diese Fragen beantworteten. Im Voraus vielen Dank.
Liebe Alida, dies sind genau die Fragen, die Ludovico nie beantwortet.
Unsinn.
In Israel leben Drusen und Juden friedlich zusammen.
Israel tut das einzig richtige und hilft den Drusen.
Alawiten, Drusen, Christen, Kurden, und andere Minderheiten müssen sich zusammenschließen und einen unabhängigen Staat gründen, nur so können Sie in Frieden leben. Alles andere wird in einen Bürgerkrieg enden. Die Kurden werden ihre Waffen nicht abgeben, die Alawiten haben den Fehler gemacht dass Sie Ihre Waffen abgegeben haben. Nur wenn Du stark bist und Waffen hast, wirst Du überleben. Man könnte sich natürlich auch überlegen unter israelischer Verwaltung zu leben, warum auch nicht. Wenn mir von Israel Frieden garantiert wird habe ich kein Problem unter israelischer Verwaltung zu leben.
Es wäre mehr als überfällig, daß die Weltgemeinschaft den Kurden, Drusen, und anderen Minderheiten die Autonomie im eigenen Land zugesteht.
Spätestens nach diesen Massaker an Drusen, Christen, Alawiten dürfte dies doch klar geworden sein, dass in Syrien nichts anderes als ein zweiter IS-Staat entstanden ist. Die Kurden, auf vier arab. bzw. moslem. Länder verteilt, bei denen Jesiden, Christen und nach meiner Erinnerung (ich bin mir nicht sicher) auch Moslems Zuflucht gefunden haben und geschützt wurden.
Trotzdem schaut die Weltgemeinschaft zu, wie die Kurden von der Türkei, und wohl auch von Pals attackiert werden.
Erdogan, der Freund der Terroristen, die auch nur dazu da sind, um seine „Imperiumsphantasien“ zu beflügeln bzw. realisierbarer machen.
Grauselig, was an so vielen Orten der Welt geschieht…
Sorry, aber haben wir die dümmste Regierung der Welt? Wenn Syrer in der BRD feiern, wenn Drusen sterben, gehören sie sofort abgeschoben. Ohne Wenn und Aber. Wobei man an Hassdemos sieht, wie tief unsere Politik gesunken ist. OT: Ich war 2x in einem Drusendorf. Arm und freundlich. Shalom
Wenn die Situation für Drusen und Christen in Suwaida prekär wird sollte sich Israel einen Versorgungskorridor durch Da’ara erzwingen, um an ihre Schützlinge heranzukommen. Und meinethalben mögen unsere zwei oder drei Forumsprovokateure Zeter Mordio schreien, von wegen Landraub, Destabiliserung von eh schon failed States, und eigennütziger Machtausweitung,dann ist es halt so, Hauptsache, es wird nicht noch mehr auf so viehische und barbarische Art gestorben, und an besagte Provokateure noch einmal der Hinweis, das Pogrome etwas anderes sind als Krieg, selbst wenn dieser Krieg viele zivile Tote verursacht. Denn die Waffen machen keinen Unterschied bei der Art des Tötens, die Absicht und die Gesinnung des Tötenden schon. Ja……motzt und und zetert nur, ihr antisemitischen Agents Provocateurs.
Und im Übrigen erwarte ich immer noch Eure
Beurteilung des hitlerschen Genozids an den Juden Europas .Denn der lief unabhängig vom Krieg und hätte auch ohne Krieg stattgefunden, um nur von Nazideutschland zu sprechen.
Was ist also mit eurer Antwort ?
SHALOM