WINNIPEG (inn) – Das einzige jüdische Mitglied im Kuratorium des Kanadischen Museums für Menschenrechte hat seinen Rücktritt erklärt. Anlass ist eine geplante Ausstellung zur „Nakba“. In einem Brief an die Bundesregierung und den Museumsleiter erklärte Mark Berlin, die Ausstellung lasse wichtigen historischen Kontext weg. Damit vertiefe sie das Misstrauen zwischen Juden und Muslimen in Kanada.
Berlin gehört seit 2018 dem Kuratorium des Museums an. Von 2006 bis 2010 war er Generalleiter für Internationale Entwicklung im Justizministerium. Dabei leitete er die Bemühungen, Justizeinrichtungen in der Palästinensischen Autonomiebehörde aufzubauen.
Zur geplanten Ausstellung schrieb er, „bei einer Geschichte, die von den faktischen Umständen entkoppelt ist, handelt es sich nicht um Wahrheit, sondern nur um eine Geschichte“. Es fehle etwa der Hinweis, dass fünf arabische Länder dem 1948 gegründeten Staat Israel den Krieg erklärt haben. „Als eine Folge wurden hunderttausende Palästinenser vertrieben, ebenso wie hunderttausende Juden aus arabischen Ländern.“
Museum: Augenmerk auf Erfahrung palästinensischer Kanadier
Das Museum wies die Vorwürfe zurück. Die Ausstellung lege das Augenmerk auf die „gelebte Erfahrung palästinensischer Kanadier und die Auswirkungen der Vertreibung auf die Menschenrechte, mit der sie über Generationen hinweg konfrontiert waren“, hieß es am Montag in einem Beitrag auf Facebook. Verständnis für diese Geschichten aufzubauen, gehöre zum Mandat des Museums.
Indes negiere dieser Fokus nicht die Menschenrechtsverletzungen, mit denen das jüdische Volk konfrontiert war oder die verheerenden Folgen des Antisemitismus heute. Das Mandat umfasse den Kampf gegen Antisemitismus. Zudem habe sich das Museum verpflichtet, zusätzliche Inhalte zur Vertreibung von Juden aus dem Nahen Osten und Nordafrika zu zeigen.
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Staatsgründung als Ursache für Vertreibung dargestellt
Die Ausstellung in dem Museum in Winnipeg soll am Samstag eröffnen. Sie trägt den Titel „Palästina entwurzelt: Nakba damals und heute“. In dem Begleittext dazu heißt es, die Ausstellung erzähle persönliche Geschichten durch Videozeugnisse oder Gegenstände. „Diese Elemente offenbaren ein anhaltendes Muster von Verlust und Widerstand.“
Im Begleittext fehlt wie von Berlin angemerkt der Hinweis auf die Kriegserklärung der arabischen Länder. Er hält zwar fest, dass es auch arabische Führer waren, die die damaligen Einwohner zur Flucht aufriefen. Im zweiten Absatz heißt es allerdings: „Rund 750.000 Palästinenser wurden vertrieben während der Schaffung des Staates Israel.“
B’nai Brith: Brief ist Weckruf
Der kanadische Ableger der Organisation B’nai Brith, die sich für die Förderung des Judentums einsetzt, erhob bereits am Donnerstag Vorwürfe gegen die Ausstellung. Den Brief Berlins sieht Geschäftsführer Simon Wolfe nun als Weckruf. Er forderte die Regierung auf, einzuschreiten.
In ihrem Schreiben vom Donnerstag forderte B’nai Brith das Museum auf, genau darzulegen, wer an der Entwicklung der Ausstellung beteiligt war. Die Organisation beklagte zudem, dass die jüdische Gemeinschaft bei den Beratungen nicht ausreichend eingebunden war und B’nai Brith gar nicht.
Bis derlei Dinge geklärt seien, solle das Museum die Eröffnung der Ausstellung verschieben. Mit ihrer aktuellen Aufmachung gefährde das Museum die jüdische Gemeinschaft in Kanada, die ohnehin schon mit Nachstellungen konfroniert sei.
Zionismus als „Krankheit“
Die Organisation „Zentrum für Israel und Jüdische Angelegenheiten“ (CIJA) beklagte, dass an der Entwicklung der Ausstellung politische Aktivisten in erheblichem Maße beteiligt gewesen seien. Einer von ihnen habe die Identität der jüdischen Gemeinschaft beschrieben als „Krankheit, die zerstört werden muss“.
Die kanadische Zeitung „National Post“ hatte am vergangenen Dienstag berichtet, dass Ramsey Zeid, Präsident der Kanadisch-Palästinensischen Vereinigung von Manitoba, im Oktober 2024 den Zionismus so bezeichnet hatte. Zeid ist Mitglied des Palästinensischen Beratungsausschusses am Museum für Menschenrechte.
CIJA-Geschäftsführer Noah Shack forderte Kulturminister Marc Miller (Liberale) auf, die Museumsführung zur Verantwortung zu ziehen. Miller müsse „sicherstellen, dass nationale Einrichtungen nicht als Waffe gegen Kanadier eingesetzt werden, um einer einseitigen politischen Agenda zu dienen“. (df)
3 Kommentare
Man lässt also eine Seite des Geschehens weg, um die eigene Interpretation als alleingültiges Faktum stehen zu lassen, das andere Geschehen, nicht der eigenen Linie entspechend findet man wohl nur an wenig frequentierten Stellen und im Kleingedruckten.
Keine Ausstellung die ich besuchen würde, wenn nicht beide Seiten gebührend berücksichtigt werden. Aber diese Methode ist hinlänglich bekannt, man findet sie überall.
SHALOM
Ja, Sie haben vollkommen Recht. Auf einer Ausstellung über negative geschichtliche Ereignisse müssen immer beide Seiten wahrheitsgemäß dargestellt werden, sonst ist die Ausstellung eine reine Propaganda.
Meine Schwiegereltern gehörten zu den über 800.000 Juden, die nach der Gründung des Staates Israels aus Nordafrika, dem Yemen, Syrien, Irak, in ihrem Fall Tunesien etc. vertrieben wurden. Diese Vertreibungen waren auch von Massakern begleitet, in allen Fällen mussten die Menschen ihr Hab‘ und Gut zurücklassen und anderswo neu anfangen. Die jüdischen Gemeinden in Tunesien gehen noch auf Karthago und Römerzeit zurück. Nach ihnen kräht kein Hahn, warum ? Weil sie keine Flugzeuge entführt, Schulen überfallen und Bomben in Cafés gelegt haben ? Meine Schwiegereltern waren einfache Menschen, sie haben sich, wie so viele andere, ein anständiges, von Arbeit geprägtes Leben aufgebaut. Ich habe unendlichen Respekt vor diesen Menschen.