So reagiert die ARD auf die „Tagesschau“-Kritik

Das ARD-Studio in Tel Aviv hat Vorwürfe zurückgewiesen, es habe verzerrend über die Wasserversorgung der Palästinenser im Westjordanland berichtet. Die Mitarbeiter seien außerdem „traurig, darüber, dass unseren palästinensischen Protagonisten Lügen unterstellt werden“.
Ein Beitrag der „Tagesschau“ und der „Tagesthemen“ vom Sonntag steht in der Kritik. Wurde der israelisch-palästinensische Konflikt verzerrt dargestellt?

Foto: NDR/Thorsten Jander

Ein Beitrag der „Tagesschau“ und der „Tagesthemen“ vom Sonntag steht in der Kritik. Wurde der israelisch-palästinensische Konflikt verzerrt dargestellt?
Nach der Kritik auf den Beitrag über Wasserversorgung in den palästinensischen Gebieten hat die ARD reagiert. In der am Montagabend von den Journalisten Markus Rosch und Susanne Glass veröffentlichten Stellungnahme des ARD-Studios Tel Aviv heißt es, bei dem Thema habe der Sender offenbar einen hochsensiblen Nerv getroffen. Die schwerwiegendste Kritik an dem Beitrag sei, dass Bilder manipuliert worden seien, weil während eines Wasserrohrbruchs gedreht worden war. Diese Mutmaßung habe sich rasch über die sozialen Medien verbreitet. „Diese Unterstellung ist falsch! Als wir gedreht haben, galt der Rohrbruch als repariert“, erklären die Journalisten. „Wir verwahren uns somit dagegen, dass man uns einer solchen Manipulation bezichtigt. Vor allem aber sind wir traurig darüber, dass unseren palästinensischen Protagonisten Lügen unterstellt werden.“ Kritiker wie der Nahost-Korrespondent Ulrich Sahm hatten die Frage aufgeworfen, warum die im Beitrag gezeigten Palästinenser eine Waschmaschine hatten, wenn die Wasserversorgung denn so schlecht und unregelmäßig sei, wie im Beitrag dargestellt. Die ARD-Reporter sagen dazu: „Diese Menschen haben eben noch immer Hoffnung auf Normalität. Sie leiden unter Wassermangel. Dies ist ein Fakt, den sie dem deutschen Publikum erzählt haben. Man sollte sich nicht darüber lustig machen.“

„Schockiert von Angriffen auf Interviewpartner“

Die ARD-Korrespondenten führen Beiträge der Weltbank und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ an, um zu belegen, dass Wassermangel im Westjordanland zum Alltag gehöre. Ein ebenfalls häufig geäußerter Vorwurf gegen den ARD-Beitrag lautet, der zu Wort kommende Interviewpartner Clemens Messerschmid, im Beitrag als Clemens Wasserschmid tituliert, sei ein pro-palästinensischer Aktivist und nicht glaubwürdig. „Auch hier stellen wir uns mit Nachdruck vor unseren Interviewpartner, der wie wir selbst von den Angriffen auf seine Reputation schockiert ist“, so die Journalisten. Messerschmid habe als Hydrologe für internationale Organisationen gearbeitet und berate auch die Landeszentralen für politische Bildung, Abgeordnete und Schulbuchverlage. Die Behauptung von Sahm, Messerschmid habe behauptet, „Israel hätte Staudämme gebaut, um dann Gaza zu fluten“, streite Messerschmid als „fabriziert“ vehement ab. Er distanziert sich auch von anderen, nach eigenen Aussagen, „fabrizierten und nicht belegbaren Behauptungen“.

Auch Fehler werden eingeräumt

Gleichwohl bedauern die ARD-Reporter, für ihren Film nicht auch einen israelischen O-Ton eingeholt zu haben. „Grund dafür war, dass wir wegen eines hohen jüdischen Feiertages nicht in einer der angefragten Siedlungen drehen durften und uns auch die angefragten Experten abgesagt haben.“ Deswegen sei die israelische Seite nur aus einem Beitrag einer Hörfunkkollegin zitiert worden. Aus journalistischer Sicht habe man dies für vertretbar gehalten, weil sich die israelische Argumentation in so kurzer Zeit nicht ändere. „Es ist uns aber bewusst, dass dies für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ein Ungleichgewicht an Experten-Tönen dargestellt hat. Wir haben in diesem Fall der Schnelligkeit den Vorrang gegeben. Wir lernen aus Ihren Anmerkungen, dass wir dies künftig anders handhaben.“ Schließlich weisen Rosch und Glass darauf hin, keine israelischen Swimmingpools gezeigt zu haben, um auf den überproportional hohen Wasserverbrauch in israelischen Siedlungen hinzuweisen.

Weitere Kritik an Messerschmid als Experten

Der Chefredakteur von „Bild.de“, Julian Reichelt, kritisierte die Stellungnahme der ARD. Auf Twitter stellte er unter anderem die Glaubwürdigkeit von Messerschmid als Experten in Frage und wies auf einen Beitrag des Hydrologen von 2002 hin. Darin bezeichnet Messerschmid die „israelische Besatzung“ als Grund für den Nahost-Konflikt und nennt den Kampf der Palästinenser dagegen einen „Befreiungskampf“. „Die palästinensischen Kampfformen sind eine Antwort auf die Besatzung, nicht umgekehrt“, schrieb Messerschmid. Sein Text ist ein Manifest mit 49 Punkten darüber, wie Linke ihre politische Positionierung zum Nahostkonflikt finden können. Mehrfach wird Israel darin Terror gegen die palästinensische Zivilbevölkerung vorgeworfen. Reichelt nennt dies eine „nicht gerade subtile Rechtfertigung von Terrorismus“.

Update: Nahostkorrespondent stellt kritische Fragen

Der Journalist Ulrich Sahm, der den ARD-Bericht zuvor kritisiert hatte, hat seinerseits auf die Erklärung der Korrespondenten reagiert. In einer umfangreichen Erklärung wirft er den ARD-Reportern unzureichende Recherche vor. Beispielsweise hätten diese überprüfen müssen, ob der Ausfall der Wasserversorgung die gesamte palästinensische Stadt oder nur einen Stadtteil betrifft, und ob die im Beitrag gezeigten Protagonisten etwa eine Wasserrechnung zur Überprüfung ihres Verbrauchs hätten vorlegen können. Weitere Fragen Sahms sind, welcher „hohe jüdische Feiertag“ das Einholen israelischer O-Töne verhindert habe. „In dieser fast feiertagslosen Sommerzeit gibt es seit Juni nur Tischa Be‘Av. Und der wurde am 14.8. begangen, am Tag der Aussendung Ihres Beitrags“, schreibt Sahm. „Es ist unvorstellbar, dass Sie den Film ausgerechnet an einem Sonntag recherchiert, gedreht und ausgestrahlt haben, zumal es drei Wochen zuvor schon den Radiobericht gab. Es wäre auch hilfreich zu erfahren, bei welchen israelischen Experten Sie angefragt haben. Nur so könnte man nachforschen, warum die alle abgesagt haben. Der Fastentag wäre kein triftiger Grund gewesen.“ Über den Hydrologen Clemens Messerschmid schreibt Sahm, dass dieser immer wieder äußerst anti-israelische Äußerungen hinterlassen habe, sodass es kein Wunder sei, dass seine Reputation zur Diskussion stehe. Das ARD-Argument, dass Messerschmid auch Schulbuchverlage berate, sage nichts über dessen Glaubwürdigkeit aus. Sahms vollständige, mit zahlreichen Links versehene Antwort auf die Erklärung der ARD ist hier zu lesen. (mb)

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen