Sicherheitsminister Erdan erwägt vollständige Stilllegung

Die Zahl der Corona-Fälle in Israel übersteigt die Tausend. Seit Anfang März verzeichnet der jüdische Staat auch einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Vertreter des Sicherheitsapparates warnen vor einem Zusammenbruch der Palästinensischen Autonomiebehörde.
„Ich bin auf Arbeit, damit Du zuhause bleiben kannst“: Mitarbeiter des Roten Davidsterns bitten die Israelis, sich an die Ausgehsperre zu halten

Foto: Roter Davidstern, Twitter

„Ich bin auf Arbeit, damit Du zuhause bleiben kannst“: Mitarbeiter des Roten Davidsterns bitten die Israelis, sich an die Ausgehsperre zu halten

JERUSALEM (inn) – Israel muss sich auf weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens gefasst machen, „wenn die Öffentlichkeit nicht mitmacht und nicht diszipliniert ist“. Das sagte der Minister für Innere Sicherheit, Gilad Erdan, am Montag dem Radiosender „Reschet Bet“ mit Blick auf die von der Regierung verordnete Ausgehsperre. Sollten sich die Israelis nicht daran halten, könnten weitere hundertausende Menschen gezwungen werden, nicht zur Arbeit zu gehen. Die Polizei behandelt derzeit 126 Fälle von Verstößen gegen die Regeln; in 19 davon geht es um die Verbreitung von Fehlinformationen.

Die Zahl der Corona-Infektionen in Israel ist inzwischen auf 1.238 gestiegen. Das gab das Gesundheitsministerium am Montagvormittag bekannt. Von den Betroffenen befinden sich 24 in kritischem Zustand. Am Freitagabend war erstmals ein Infizierter verstorben. Es handelt sich um den 88-jährigen Holocaust-Überlebenden Arje Even, der eine Woche zuvor mit Vorerkrankungen eingeliefert wurde.

Aktuell bleiben 75.000 in Heimquarantäne, weil sie im Verdacht stehen, mit Infizierten in Kontakt gekommen zu sein. Das Gesundheitsministerium bietet seit Sonntag auch die App „HaMagen“ („Der Schild“) an. Mithilfe der App können Nutzer sehen, ob sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben.

Gedankenspiele und Absagen

Unterdessen erwägen die Verantwortlichen in der Gesellschaft weitere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Einer Verschiebung des Passahfestes, das am Abend des 8. April beginnt, erteilte der Oberste Gerichtshof jedoch eine Absage. Sie wäre möglich gewesen, wenn die Richter dieses jüdische Jahr 5780 zu einem Schaltjahr erklärt hätten. Dann würde ein zusätzlicher Monat, Adar II, eingeschoben, der am Mittwochabend begänne. Ein Schaltjahr kommt alle zwei bis drei Jahre vor; erst im vergangenen Jahr war dies der Fall. Die Richter urteilten, der Oberste Gerichtshof habe nicht die Befugnis wie einst der Sanhedrin, aufgrund einer Notlage ein Schaltjahr auszurufen.

Auch ein anderes Gedankenspiel ist inzwischen abgelehnt: Die Verschiebung der Umstellung auf die Sommerzeit, die in der Nacht zum Freitag ansteht. Der Gedanke hierbei: Am Abend wäre vorerst keine zusätzliche Stunde Sonnenlicht vorhanden; dies würde dazu führen, dass die Israelis eher zuhause bleiben. Die israelische Behörde für Digitales wies darauf hin, dass viele Computer bereits auf die Umstellung programmiert seien und eine Änderung sehr teuer wäre. Innenminister Arje Deri (Schass) ließ seinen Vorschlag daraufhin fallen.

Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau rief die Bevölkerung indessen auf, am Mittwoch zu fasten, sofern dies gesundheitlich möglich ist. „Schwierige Tage treffen Israel und die ganze Welt. In dieser Zeit ist es an uns, in die Gewissensprüfung zu gehen.“ Lau mahnte an, sich mehr als zuvor an die Gebote zu halten. Der Mittwochabend markiert den Beginn des Monats Nisan, der auch als Schöpfungsmonat gilt und in biblischen Zeiten den Jahresbeginn darstellte.

Die Corona-Krise trifft auch das religiöse Leben andernorts: Am Sonntag schloss die für den Tempelberg zuständige jordanische Behörde Waqf das Areal. Israel hatte bereits zuvor den Mughrabi-Zugang für Juden und Touristen gesperrt.

Schaden für die Wirtschaft

Als eine weitere Folge der Pandemie steigt die Arbeitslosenrate in Israel sprunghaft an. Im Februar lag sie noch bei 3,6 Prozent, nun bei 17,8 Prozent. Allein im März sind mehr als 572.000 Arbeitsuchende hinzugekommen. Zu 90 Prozent handelt es sich um Personen im unbezahlten Urlaub, berichtet die Nachrichtenseite „Walla“. Und weitere Arbeitssuchende werden dazukommen: Am Montag kündigte die amerikanische Schnellrestaurant-Kette McDonald’s an, den Betrieb vorerst einzustellen; nur fünf der 180 Filialen sollen geöffnet bleiben. Das bedeutet, dass 4.000 Angestellte in den „unbezahlten Urlaub“ gehen müssen.

Angesichts der Notlage überwies die israelische Regierung umgerechnet etwa 31 Millionen Euro an die Palästinensische Autonomiebehörde (PA). Armeechef Aviv Kochavi und andere Militärs hatten Finanzminister Mosche Kahlon darauf hingewiesen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu einem Zusammenbruch der PA führen könnten. Kahlon genehmigte daraufhin am Donnerstag die Überweisung. In den von der PA verwalteten Gebieten des Westjordanlandes sind 57 Infektionen bekannt. Regierungschef Mohammed Schtaije verhängte am Sonntag eine weitreichende Ausgehsperre, die zunächst zwei Wochen gelten soll.

Am Sonntag bot die Armeebehörde für die Regierungstätigkeiten in den Gebieten (COGAT) für palästinensische Hilfskräfte einen Kurs in der Region Jericho an. Dabei ging es um Methoden der Patientenuntersuchung, um die Einrichtung von Quarantäne-Abteilungen und den Schutz des medizinischen Personals vor Infektionen.

Finanzielle Hilfe erreicht auch den Gazastreifen. In diesem Fall überwies Katar eine Sonderzahlung in Höhe von 150 Millionen US-Dollar. Im Gazastreifen gibt es offiziell zwei Fälle von Corona-Infektionen. Die Behörden empfahlen der Bevölkerung, nach Möglichkeit zuhause zu bleiben.

Von: df

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