Einem neuen Bericht des Traumazentrums für Terror-Opfer "Natal" zufolge durchleben 50 Prozent der Kinder in Sderot das Trauma noch einmal. Zudem sind 41 Prozent von Übererregung geplagt – sie sind permanent wachsam und wappnen sich für Gefahren, jedes noch so leise Geräusch schreckt sie auf. 20 Prozent der Jungen und Mädchen weisen alle Symptome des posttraumatischen Stresses auf, und 12 Prozent haben ernsthafte Funktionsstörungen.
Dazu erläutert der Leiter der Natal-Forschungsgruppe, Marc Gelkopf, gegenüber der Zeitung "Jediot Aharonot": "Sie hören auf zu spielen, sie sind nicht mehr an ihrer Umgebung interessiert, sie lösen sich von ihren Freunden und der Schule. Einer unserer neuesten und interessantesten Befunde ist, dass eine Verbindung zwischen den Symptomen besteht, die die Eltern erfahren und denen, die ihre Kinder erfahren. Das unterstreicht die Bedeutung der Familientherapie."
Ungefähr 6.4000 Bewohner werden wegen posttraumatischer Störungen im städtischen Zentrum für seelische Gesundheit behandelt. Hinzu kommen 3.500 Kinder sowie 500 Lehrer und Angestellte, die von schulischen Einrichtungen betreut werden. Von den Bewohnern fühlen sich 30 Prozent bedroht. Weitere 23 Prozent nehmen Antidepressiva oder Schlafmittel.
Das Belastbarkeitszentrum kümmert sich jedes Jahr um 400 Menschen, die meisten von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Die Warteliste wächst an. Die Betreiberin Hila Barsilai weist darauf hin, dass vor allem in Zeiten der Ruhe die Leute anfangen, "den inneren Tumult zu spüren". Sie fügt hinzu: "Wir bekommen Kinder mit ernsthaften motorischen Störungen. Kinder, die seit Jahren nicht in Gruppen draußen spielen durften. Die Beziehungen vieler Bewohner haben gelitten." Die Jüngeren seien am schlimmsten dran, weil sie in diese Wirklichkeit hineingeboren worden seien.
Schulische Leistungen beeinträchtigt
Die elfjährige Schaked Harusch hat mit ihrem Zwillingsbruder Maor erlebt, wie eine Rakete aus dem Gazastreifen in ihrer unmittelbaren Nähe explodierte. Sie leidet unter einem besonders schweren Trauma. Ohne ihre Eltern traut sie sich nicht, das Haus zu verlassen. In den Gesprächen der Familie werden Wörter wie "Kassam-Rakete" vermieden. Anders als ihr Bruder schafft sie es nicht, über ihre Ängste zu sprechen. Ihre Schulleistungen haben deutlich nachgelassen, sie kann sich nur schwer konzentrieren.
Die 56-jährige Esther Itiel ist ebenfalls ein Opfer. Sie wohnt seit 30 Jahren in Sderot. Das Leben in der Stadt hat sie als schön empfunden, bis vor zehn Jahren die palästinensischen Angriffe begannen: "Jedes Signalgeräusch von einem Krankenwagen, Bus oder Flugzeug lässt mich aufspringen und löst meine Angstgefühle aus. Ich kann keine Nachrichten hören." Die geplante "Invasion" zahlreicher pro-palästinensischer Aktivisten per Flugzeug etwa habe sie nervös gemacht. "Ich bin nicht froh, ich lache nicht, ich mache keine Witze. Ich bin nicht mehr die Mutter, die ich einmal war." Wenn sie unter die Dusche gehe, beeile sie sich möglichst, weil sie Angst habe, dass gerade in dieser Zeit der Raketenalarm losgeht.
Das Natal-Zentrum hat 518 Erwachsene und 570 Kinder in seine Studie einbezogen.