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„Schlimmer als Muslime“

„Und du bist tatsächlich Christ?“ Die junge Frau starrt mich mit ungläubigen Augen an. An ihrem langen bunten Rock und dem kunstvoll um den Kopf gebundenen Leinentuch ist sie deutlich als religiöse Jüdin zu erkennen.
Religiöse Jüdin beim Gebet

Schauplatz ist der Busbahnhof in Jerusalem. Bevor ich zu meinem Termin fahre, hole ich mir noch ein Stück Pizza und bleibe in dem Schnellimbiss sitzen. Die Frau setzt sich neben mich. Sie ist hochschwanger und sicher nicht älter als 24. Wir teilen unser Pizza-Gewürz und kommen ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie seit einem Jahr verheiratet ist und außerhalb von Jerusalem wohnt, „in einer Siedlung, die von arabischen Dörfern umgeben ist“.

Ihre Reaktion erinnert mich an die Gesichter mancher, vor allem religiöser, Juden, wenn sie hören, dass ich für einen „Christlichen Medienverbund“ arbeite. „Ach, dann bist du gar keine Chilonit, keine säkulare Jüdin?!“ Würde ich sagen: „Ich bin Terrorist“ – das in ihrem Gesicht zu lesende Unbehagen könnte nicht größer sein. Mein Bekenntnis scheint wie eine Drohung zu klingen.

Normalerweise tauscht man nach so einer „Offenbarung“ die üblichen Höflichkeitsfloskeln aus und verabschiedet sich. Die Jahrhunderte lange Verfolgung durch Christen steckt tief im Bewusstsein religiöser Juden.

„Bei Nonnen und Priestern schaue ich weg“

Doch Moriah wendet sich nicht ab. Das Interesse der hübschen Frau mit den feinen Gesichtszügen scheint geweckt. Sie stellt viele Fragen und erklärt nach anfänglicher Skepsis: „Ich habe mich noch nie mit einem Christen unterhalten. Wenn ich in die Altstadt, zur Klagemauer, gehe, schaue ich immer weg, wenn ich Christen sehe. Besonders bei Nonnen und Priestern.“ Die hätten einen bösen Geist. Moriah hält ihre Hand vors Gesicht, der Ekel ist ihr anzusehen. Die Tochter eines Rabbiners scheint überrascht, dass sie sich mit mir normal unterhalten kann: „Aber du bist ganz freundlich.“

Ich kontere: „Die Nonnen sind es sicher auch. Aber du hast ihnen noch nie eine Chance gegeben.“ Das stimmt, sagt sie. Hätte sie gewusst, dass ich aus Deutschland komme und Christ bin, hätte sie sich ja auch nicht neben mich gesetzt, geschweige denn, ein Gespräch mit mir begonnen.

Sie fragt, wo ich hinfahren möchte, und als ich ihr erzähle, dass ich in ein muslimisches Dorf fahre und mit den Bewohnern Arabisch spreche, ist sie erstaunt: „Ich habe mich auch noch nie mit einem Muslim unterhalten.“ Nach einer kurzen Pause fragt sie neugierig: „Wie sind die denn so?“ Ich frage sie, wem sie lieber begegnen würde, einem Christen oder einem Muslim. Die Antwort kommt prompt: „Wenn ich die Wahl hätte? Natürlich dem Muslim. Christen sind doch viel schlimmer als Muslime.“

Moriah ist erstaunt, als ich sage, dass der Glaube an Gott auch für mich eine große Rolle spielt: „Ja, aber welche denn?“, fragt sie: „Du siehst aus wie eine Frau, die nicht an Gott glaubt – du trägst Hosen und hältst nicht die Gebote. Ich hingegen richte meinen gesamten Tagesablauf auf Gott und seine Gebote aus.“ Ich erzähle ihr, dass auch ich mich an biblische Gebote halte und dass ich vor allem meine Gedanken davon bestimmen lassen möchte. Aber irgendwie erscheinen mir alle meine Erklärungsversuche banal. Sie ist so viel frömmer …

Nach der Pizza zieht sie ihr kleines Gebetsbüchlein aus der Tasche und liest den Segen, der zu einem Teiggericht gehört. In meinem stotternden Hebräisch darf ich mit ihr lesen. Bei meinem Lesetempo dauert der Segen mehrere Minuten, doch sie ist eine geduldige Lehrerin.

Als wir uns verabschieden, sind eineinhalb Stunden vergangen. Moriah gibt mir ihre Telefonnummer und stellt fest: „Dieses Treffen war ein Geschenk des Himmels.“ Ich warte auf den nächsten Bus und wünsche mir, dass die Gottesbeziehung auch in meinem Leben sichtbarer wird, dass wir Christen insgesamt gottgefälliger leben. Sodass Menschen wie Moriah irgendwann antworten werden: „Wem ich lieber begegnen würde? Natürlich dem Christen!“ (mh)

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