Rückblick 2003: Die Toten der Intifada

JERUSALEM (inn) – Ende September 2000 ist der seit Jahrzehnten schwelende israelisch-palästinensische Konflikt neu eskaliert. Gewiss scheint mittlerweile, dass der Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführer Ariel Scharon auf dem Tempelberg nicht der Auslöser für diesen neuen Palästinenseraufstand war, er also zu Unrecht als „Al-Aksa-Intifada“ bezeichnet wird.

Wie kaum ein anderer Konflikt wird die „Al-Aksa-Intifada“ von den Medien abgedeckt. Es gibt kaum einen Todesfall, der in den internationalen Medien nicht in irgendeiner Weise erwähnt wird. Trotzdem, und das hat jetzt eine Untersuchung der israelischen Tageszeitung HaAretz neu gezeigt, sind nicht einmal die einfachsten Daten einheitlich.

Altbekannt ist, dass sich die Angaben über die Toten auf palästinensischer Seite widersprechen. Je nachdem, ob man offizielle Regierungsstellen der Palästinensischen Autonomiebehörde, palästinensische Sicherheitskräfte, Menschenrechts- oder Rettungsorganisationen, oder auch israelische Stellen befragt, schwanken die Angaben zwischen 2.635 und 2.864 Palästinensern, die durch die kriegerischen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind.

Neu ist, dass sich selbst offizielle israelische Stellen bei der Zählung der eigenen Opfer unterscheiden. So zählt die israelische Armee zwischen Oktober 2000 und Ende 2003 900 israelische Intifada-Tote, wovon 633 Zivilisten und 267 Soldaten sind. Beim israelischen Außenministerium bekommt man die Zahl von 916 Toten, 647 Zivilisten und 269 Mitglieder der Sicherheitskräfte. Der israelische Inlandsgeheimdienst „Schin Beit“ zählt 907, die israelische Polizei 908 Tote auf israelischer Seite. Und auch das Nationale Versicherungsinstitut bietet seine eigene Zahl von getöteten Zivilisten, nicht 633 wie die Armee, auch nicht 647 wie das Außenministerium, sondern 636.

Verwirrt und verunsichert durch die widersprüchlichen Angaben haben sich HaAretz-Mitarbeiter auf ihre eigenen Archive gestürzt und bieten Zahlen, die mit keiner einzigen offiziellen israelischen Stelle überein stimmen: 944 Israelis, davon 664 Zivilisten und 280 Mitglieder der israelischen Sicherheitskräfte wurden während der 39 Monate alten „Al-Aksa-Intifada“ getötet.

Der Grund für die unterschiedlichen Angaben liegt vor allem darin, dass keine einheitlichen Definitionen vorliegen. So wird weder das Anfangsdatum der „Al-Aksa-Intifada“ noch die geographische Ausdehnung einheitlich festgelegt. Sollen tödliche Unfälle mit eingeschlossen werden? Gehören Ausländer, die für Israelis gehalten wurden, zu den „israelischen Opfern“? Und was ist mit den Tötungen, bei denen kriminelle und nationalistisch-politische Hintergründe verschwimmen? Alle diese Fragen werden in unterschiedlichen Fällen von unterschiedlichen Beobachtern unterschiedlich beantwortet.

Ein weiterer Grund für unterschiedliche Angaben ist die Beurteilung der Stellung der israelischen Araber. Wohin gehören zwei israelische Araber, die versehentlich von der israelischen Polizei für Terroristen gehalten und erschossen wurden? Und was ist mit den 12 israelischen Arabern, die im Oktober 2000 bei Unruhen von der israelischen Polizei erschossen wurden? Die Palästinenser beanspruchen sie als „ihre“ Toten.

Übrigens, und das erwähnt der HaAretz-Artikel nicht, sind die Unterschiede bei den Angaben über die Tausenden von Verletzten noch größer. Zusätzlich zur ganzen bisher angedeuteten Definitionsproblematik stellt sich nämlich hier noch die Frage, was eine Verletzung ist. Israelische Stellen haben seit einigen Monaten wohl nicht zu Unrecht begonnen, auch Schock und seelische Traumata als Verletzungen mit zu zählen.

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