Reportage: Nichts mehr „yofi“

Fußballfans hängen gern Transparente an die Stadionzäune. „Ribnitz Dammgarten unterstützt Hansa Rostock“ – wenn es sein muß bis in die Bezirksliga. „Gau-Odernheim grüßt den Rest der Welt“ – und ein unbekannter Fan grüßt eine unbekannte Annette: „Schnetti“ – hat er auf sein Transparent gemalt.

Auf der Südtribüne halten begeisterte Fußballanhänger ein großes Pappschild hoch: „www.goisrael.de“. Das Staatliche Israelische Verkehrsbüro (IGTO) wirbt für seine komfortable Website, um den Tourismus im „Land der vier Meere“ anzukurbeln. „Das ist gute Werbung“, strahlt IGTO-Chef Yoram Gilady.

Mittwochabend, 20:30 Uhr – „Fritz-Walter-Stadion“ auf dem Betzenberg in Kaiserslautern: Deutschland spielt vor 25.000 Zuschauern gegen Israel. Kein Länderspiel wie jedes andere. Erstmals treten die blau-weißen Kicker aus dem Heiligen Land in Deutschland an. Das erste Länderspiel zwischen beiden Nationen liegt überhaupt erst fünf Jahre zurück. Jeder Zuschauer hat eine Leibesvisitation hinter sich. Die Polizei stellt rund 200 Gegenstände sicher, vor allem Flaschen und Dosen, die zu Wurfgeschossen werden können.

„Fritz-Walter-Wetter“ am Betzenberg. Es ist kalt, der Rasen glitschig. So liebte es der Weltmeister von 1954 – die Israelis aber nicht. Trotzdem steht das Team des dänischen Trainers Richard Möller-Nielsen kompakt in der Abwehr. Die Gäste haben „ihre Hausaufgaben gemacht“, kennen alle Laufwege der deutschen Stürmer. Vor allem Carsten Jancker muß erkennen, daß die Spieler aus dem Nahen Osten etwas von Gefahrenabwehr verstehen. Ständig steht ihm Adoram Keisi auf den Füßen. Jancker hat zu wenig Haare, um sie sich zu raufen.

Auf der Südtribüne läuft die israelische Tourismus-Delegation zu großer Form auf. IGTO-Vize Danny Neumann feuert seine Landsleute an. Die deutschen Schlachtenbummler hinter ihm wissen nach spätestens 15 Minuten, daß „yofi“ entweder ein hebräisches Lob ist – oder der Vorname sämtlicher israelischer Nationalspieler. Zwischendurch dutzendfach der Griff zum Mobiltelefon. Dann die 26. Minute: Yossi Benayoun klärt auf der Linie für seinen schon geschlagenen Torhüter Dudi Awat. Im Gegenzug zieht Stürmer Idan Tal ab, sein Kracher landet an der Querlatte und mit Hilfe von Deutschlands Torhüter Oliver Kahn findet der Ball den Weg ins Tor. Totenstille im weiten Rund. Nur die rund 300 Anhänger Israels jubeln – die meisten kommen aus Frankfurt vom dortigen jüdischen Sportverein „TUS Makkabi“ . Eine Sensation bahnt sich an. Wieder das „www.goisrael.de“-Banner, wieder der Griff zum „Handy“, noch mehr „yofis“.

Zur Pause meint Yoram Gilady verschmitzt, eine Halbzeit hätten die Israelis schon gewonnen – ob man die zweite auch gewinne sei nicht mehr wichtig. Offenbar sehen das die israelischen Nationalspieler auch so. Jetzt geht nichts mehr. Statt dessen spielt Deutschland wie ein Weltmeister. Miroslav Klose aus Kaiserslautern trifft zwei Mal, dann Didi Hamann, dann wieder Klose. Jetzt ist nichts mehr „yofi“. Als Oliver Bierhoff zum 5:1 trifft, ändern die Kollegen in Tel Avivs Zeitungsredaktionen die Schlagzeilen. „Yediot Ahronot“ schreibt von „Demütigung“. Und „Ha`aretz“ titelt: „Gnadenlose Deutsche zerstörten Israel.“ Zwei weitere Tore für Deutschland sollten da noch folgen. Richard Möller-Nielsen sieht aus als wäre er lieber Trainer beim Boxen. Die dürfen das Handtuch werfen und so den Kampf beenden, wenn es für ihre Schützlinge ganz schlimm kommt. Fußballtrainer dürfen das nicht – und das ist grausam.

Das Transparent mit „www.goisrael.de“ ist verschwunden, es gibt auch keinen Anlaß mehr für „yofi“-Rufe. Auf der Tribüne brabbelt ein Zuschauer im tiefsten pfälzischen Dialekt. „No, mer meint grad die israelisch Delegation hier vorne wär ruhischer worn. Des is e Lehrstund, gelle, ihr Bubbe.“ Der israelische Fernsehkommentator sieht das auch so: „Das ist kein Schlag ins Gesicht – das ist ein Tiefschlag.“

Die israelischen Schlachtenbummler wirken gequält – aber sie sind genauso fair wie die israelischen Spieler auf dem Platz. Am Ende spendieren sie sogar Beifall für eine deutsche Nationalmannschaft, die an diesem Abend nicht zu schlagen war.

Länderspiele zwischen Deutschland und Israel sind auch nach diesem Mittwochabend nicht Spiele wie alle anderen. Aber dieses Freundschaftsspiel hat Israel Freunde eingebracht – nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern wegen der Fairneß. „Des woarn doch ganz symphatische Kerle, die Judde. Se hawwe sich doch bemüht und net getrete wie die Gäul“, sagte ein Zuschauer beim Abmarsch vom „Betze“.

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