Professor Gersch Geller: “Meine Sprache ist die Musik”

Sechshundert Saxophone - gleich Schofarhörnern - vor der Klagemauer als Abschluss eines internationalen Saxophon-Festivals in Jerusalem, das ist der Traum von Professor Gersch Geller. Er will ihn schon im Frühjahr 2009 verwirklichen. Inspiriert hat ihn das große Saxophonfestival in Dyno in Belgien, dem Geburtsland des Saxophons. Der belgische Professor Alan Crepin hat für das Jerusalemer Saxophon-Festival bereits seine Unterstützung zugesagt. "In Jerusalem haben wir fast keine Musikfestivals", erklärt Geller. "Dabei gibt es viele Städte wie Tel Aviv - aber Jerusalem gibt es nur einmal. Es ist der Nabel der Welt, nicht wahr?!"

Gersch Geller wurde 1945, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in Kasachstan geboren – in einem Land, das “halb Schweiz, halb China” ist. Sein Vater stammte aus Russland und kämpfte als Partisan in Polen und Weißrussland. Die Mutter kam aus der Ukraine. Beide wurden durch Stalins Judenevakuierung nach Kasachstan umgesiedelt und haben sich dort gefunden.

Kindheit: Judentum war kein Thema

Gersch wuchs in einem sehr offenen Haus auf. Man traf sich gerne bei Tante Chawa. Tante Chawa war Kinderärztin und hat vielen geholfen, die an den Folgen von Stalins Transporten in Viehwagen gelitten hatten. Die Nachbarn hatten sehr gute Beziehungen. Über die Nationalität sprach man nicht. Unter Stalin schwieg man darüber, ob jemand jüdisch war oder nicht. Beide Eltern waren Mitglieder der kommunistischen Partei.

Eigentlich wurde er im Elternhaus noch “Garik” genannt. Sein offizieller Name war “Gregorij”. Den Namen “Gersch” – vom biblischen “Gerschon/Gerson” -, den er jetzt als Israeli trägt, hat er von seinem Großvater mütterlicherseits. Der Rabbiner Gersch Friedmann lebte in Kiew und musste sich während des Krieges vor der ukrainischen Polizei in verschiedenen Häusern verstecken. Diese Ukrainer haben mit den Nazis zusammengearbeitet und waren noch schlimmer als die Deutschen, weiß Gersch Geller aus Erzählungen. Als der Großvater sich einmal auf die Straße traute, schlugen ihn Polizisten auf den Kopf, bis er bewusstlos war und begruben ihn dann bei lebendigem Leibe. “Wenn ich in Polen bin”, sagt heute sein Enkel, der Musikprofessor aus Israel, “denke ich an Auschwitz und muss weinen.”

Erster Unterricht mit 14

Mit 14 Jahren hat Gregorij angefangen, Saxophon zu lernen. “Mein Vater arbeitete in einem riesigen Warenlager”, erinnert sich heute “Professor Gersch”, wie er gemeinhin genannt wird. “Diese Waren kamen im Tauschhandel nach Kasachstan. Wir haben beispielsweise Metalle oder andere Rohstoffe geliefert und bekamen dafür von Frankreich Musikinstrumente. So hat mir mein Vater mein erstes Saxophon gekauft.”

Später studierte er an den Musikhochschulen in Moskau und Leningrad. Seit dem Alter von 23 Jahren spielte er in den unterschiedlichsten Ländern auf Musikfestivals, in den USA, Polen, Tschechien, aber auch in Indien. Irgendwann nahm er am Prager Frühling teil und gewann dort den zweiten Preis in Kammermusik. In welchem Jahr das genau war und in welcher Umzugskiste die Auszeichnung heute liegt, kann Gersch Geller auf die Schnelle nicht feststellen.

Als dann unter Gorbatschow die Perestrojka kam, überlegte er, was für seine Frau und die vier Töchter wohl am besten wäre. Auf die Frage, warum er nicht wie viele andere Sowjetjuden nach Amerika ausgewandert ist, wenn das Judentum doch bei ihnen zu Hause kein Thema war, antwortet er: “Ich habe das im Blut! Innerlich bin ich Zionist. Irgendwie habe ich gespürt, dass Israel mein Zuhause ist.”

Einwanderung nach Israel

1990 kam die Familie in Israel an und Gersch Geller bekam sofort ein Arbeitsangebot als Lehrer an der Jerusalemer Akademie für Musik und Tanz. Allerdings konnte er kein einziges Wort Hebräisch. “Meine Sprache ist die Musik”, meint der begeisterte Musiker, dessen Mund das Saxophon zu sein scheint. “Hebräisch habe ich dann so nach und nach von meinen Schülern gelernt”, mit denen er aber, soweit sie das verstehen, noch immer gerne Russisch spricht.

Geller mag alle Arten von Musik, die man mit dem Saxophon spielen kann: Jazz, klassische Kammermusik, aber auch moderne klassische Musik. Seine Spezialität sind Ensembles, in denen die verschiedenen Saxophonstimmen – Sopran, Tenor, Alt, Bariton und Bass – zusammen harmonieren. Selbst Kenner verwechseln das so erzeugte Klangbild mit einem Orgelkonzert oder hören Klarinetten, Trompeten, Oboen, Geigen, Cellos und eine ganze Reihe anderer Instrumente in dem Orchester.

Durchschnittliche Saxophonspieler kennt Gersch Geller nicht. Er macht aus jedem seiner Schüler etwas. Und sie sagen von ihrem Lehrer: “Wenn der Gersch spielt, ist er ein anderer Mensch.” Im Herbst 2008 werden fast dreihundert israelische Saxophonspieler an einem landesweiten Festival teilnehmen. Dieser “Tag des Saxophons” wird gleichzeitig die letzte Phase des israelischen Saxophon-Wettbewerbs sein. Und dort wird dann auch das endgültige Datum für das erträumte internationale Saxophon-Festival in Jerusalem angekündigt werden.

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