Der in Tel Aviv neu eingeweihte goldene „Wanderweg der Unabhängigkeit“ hat sich gleich zu einem Touristenmagneten entwickelt

Der in Tel Aviv neu eingeweihte goldene „Wanderweg der Unabhängigkeit“ hat sich gleich zu einem Touristenmagneten entwickelt

Auf dem goldenen Pfad der Unabhängigkeit wandern

Eine Empfehlung für alle Israelreisende ist der neue goldene Wanderweg im Zentrum Tel Avivs. Wer auf einem Kilometer entspannt etwas über die jüngste jüdische Geschichte bis zur israelischen Staatsgründung 1948 lernen will, kann hier keinen falschen Fuß setzen.

Die israelische Küstenstadt Tel Aviv hat zum malerischen Strand, der vom Bauhaus-Stil geprägten Innenstadt, der blühenden Start-up-Szene, der lebendigen Nachtclub-Szene und den zahlreichen Märkten eine weitere touristische Attraktion hinzugewonnen: Seit dem 18. April können die Menschen aus aller Welt einem einen Kilometer langen goldenen Pfad folgen, um spielerisch israelischer Geschichte auf ihrem Weg durch die Stadt zu begegnen.

Der „Wanderweg der Unabhängigkeit“ führt den Interessierten in zehn Stationen von der Gründung der Stadt Tel Aviv im Jahr 1909 bis zu David Ben-Gurions Ausrufung der Unabhängigkeit des israelischen Staates im Jahr 1948. Die große Erkenntnis dieser praktischen, auch mit einem Eis in der Hand zu erledigenden Geschichtsstunde ist, in welcher kurzen Zeit die jüdische Einwanderergeneration des frühen 20. Jahrhunderts diesen Staat möglich gemacht hat.

Im Jahr 1909 gehörte der Erste Kiosk von Tel Aviv zur Grundversorgung. Heute ist er eine mondäne Espresso-Bar.

Im Jahr 1909 gehörte der Erste Kiosk von Tel Aviv zur Grundversorgung. Heute ist er eine mondäne Espresso-Bar.

Der goldene Weg, der durch den vier Kilometer langen Freiheitspfad (Freedom Trail) in Boston zur amerikanischen Revolution inspiriert wurde, startet auf dem Rothschild Boulevard 10. Dort steht die Nachbildung des ersten Kiosks, der im neugegründeten Tel Aviv 1909 errichtet wurde. 66 jüdische Familien riefen damals auf Sanddünen die Stadt ins Leben, die nach dem Roman „Altneuland“ des jüdischen Vordenkers Theodor Herzl benannt ist. Der Gründungsvater der zionistischen Bewegung beschreibt im Buch eine moderne jüdische Gesellschaft. Die ersten Bewohner waren allerdings gar nicht so sehr an dieser Utopie, sondern an ganz praktischen Einrichtungen wie Sanitäranlagen oder eben dem Kiosk interessiert, der sie mit den elementaren Artikeln versorgen konnte.

Auf dem Nahum Gutman Brunnen sind auch die Kreuzfahrer oder die Eroberung Napoleons zu finden, aber ...

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... es gibt auch den geflüchteten Propheten Jona zu entdecken, der gerade während des Sturms über Bord geworfen wird

... es gibt auch den geflüchteten Propheten Jona zu entdecken, der gerade während des Sturms über Bord geworfen wird

Mosaike des Propheten Jona

Eine richtige Pracht ist der zweite offizielle Punkt auf dem Weg, dessen goldener Ton nachts mit Lichtern zum Strahlen gebracht wird. Der Tel Aviver Künstler Nahum Gutman schuf den nach ihm benannten Mosaikbrunnen in den 1970er-Jahren. Da Tel Aviv zunächst ein Wohnviertel der Stadt Jaffa war, zeigen die farbigen Abbildungen Jahrtausende alte Geschichte: Neben dem Propheten Jona, der im Bauch des Wals zu sehen ist, gibt es auch den Hafen zu entdecken, wo Zedern aus dem Libanon für den Bau des Salomonischen Tempels in Jerusalem angeliefert wurden. Die Abbildungen reichen bis zur Unabhängigkeitserklärung Israels.

Der Demokratie-Pavillon erzählt den Besuchern per Videoinstallation in zehn Minuten wichtige Stationen des israelischen Staates in 360 Grad

Der Demokratie-Pavillon erzählt den Besuchern per Videoinstallation in zehn Minuten wichtige Stationen des israelischen Staates in 360 Grad

Wer sich die Zeit nimmt und an den sonnigen Tagen etwas Kühle sucht, ist gut beraten, wenn er sich gleich noch den in Sichtweite befindlichen Demokratie-Pavillon anschaut. Er gehört zwar nicht zu den offiziellen Stationen des Weges. Aber alle zehn Minuten gibt es dort kostenlos auf Hebräisch oder Englisch, je nach Präferenz der Besucher, eine 360-Grad-Videoshow zu sehen. Sie zeigt zu Ehren des 70. Unabhängigkeitstages die Evolution von Israel als demokratischer Staat. Auf den Bögen des Domes stehen Zitate aus der Unabhängigkeitserklärung.

Eines der letzten intakt gebliebenen Häuser des Jahres 1909 ist die Unterkunft von Akiva Arieh Weiss. Er war der erste Vorsitzende des Nachbarschaftsrates von Tel Aviv. Der Wanderweg zeigt den Besuchern als Stationen diverse Einrichtungen, die in den Anfängen den gesellschaftlichen Grundstein für Tel Aviv legten: das hebräische Herzlia-Gymnasium, welches die erste Oberschule des Landes war, auf der Hebräisch unterrichtet wurde; das 1926 errichtete Palatin Hotel, wo das erste Mal gegen das britische Mandat in Palästina demonstriert wurde; die Israel-Bank, auf dessen Gebäude, wo das Amt der britischen Einkommenssteuer saß, 1944 ein Anschlag der jüdischen Untergrundbewegung Irgun verübt wurde.

In der Großen Synagoge in Tel Aviv, die 1925 errichtet wurde, ist fotografieren normalerweise nicht erlaubt. Aber ...

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... für Israelnetz machten die Verantwortlichen eine Ausnahme

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Große Synagoge unterstreicht jüdische Identität

Eine weitere Möglichkeit, sich abzukühlen und einfach mal inne zu halten, bietet die Große Synagoge von Tel Aviv. 1925 sollte der Bau die jüdische Identität der Stadt unterstreichen und religiöse mit säkular lebenden Juden vereinen. Neben dem Gebet oder dem Begehen von Feiertagen diente die Synagoge auch als Schutzraum für Opfer von Angriffen auf Juden.

Zwei kostenpflichtige Museen gibt es auf dem Pfad zu entdecken: Das Hagana-Museum erzählt von der gleichnamigen paramilitärischen Untergrundorganisation, aus der später die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte hervorgegangen sind. Das Museum befindet sich im historischen Zuhause von Elijahu Golomb, der die Hagana gründete. Damals war es das geheime Hauptquartier der Organisation. Das andere Museum ist der Unabhängigkeitssaal, der die letzte Station des Rundgangs darstellt. Der erste Bürgermeister Tel Avivs, Meir Dizengoff, verwandelte sein Zuhause 1930 in das Kunstmuseum der Stadt. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion hier die Unabhängigkeit des israelischen Staates aus. Die Räumlichkeiten waren so bescheiden, dass das Philharmonische Orchester, das anschließend die Nationalhymne einspielte, im Stockwerk über dem Museumssaal untergebracht war.

Großer Andrang vor dem Unabhängigkeitssaal: Eine Schulklasse besucht das Kunstmuseum von Tel Aviv, wo am 14. Mai 1948 David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israels verlesen hat

Großer Andrang vor dem Unabhängigkeitssaal: Eine Schulklasse besucht das Kunstmuseum von Tel Aviv, wo am 14. Mai 1948 David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israels verlesen hat

Deutschsprachiges Erklärheft im Infocenter

„Es sind nicht die Häuser, Straßen oder Gärten, welche eine Stadt darstellen – sondern die Qualität ihrer Bewohner: die Sprache, die Liebe zur Arbeit und für das Schaffen, die Gleichheit, die Freiheit, der Glaube an unsere Kraft und der Wunsch, ein Leben in Würde und Eigenständigkeit zu führe.“ Das sagte Bürgermeister Dizengoff, der insgesamt 25 Jahre dieses Amt inne hatte und dessen Statue eine weitere Station des Weges ist, über seine Hoffnungen zum zukünftigen israelischen Staat. Dieses geglückte Streben lässt sich auf dem Wanderweg durch die Stadt eigentlich an jeder Ecke erfolgreich nachprüfen.

Der erste Bürgermeister Tel Avivs, Meir Dizengoff, darf über den Rothschild Boulevard reiten

Der erste Bürgermeister Tel Avivs, Meir Dizengoff, darf über den Rothschild Boulevard reiten

Am Informationscenter auf dem Rothschild Boulevard gibt es kleine Erklärhefte zum Wanderweg in acht Sprachen, darunter auch Deutsch. Für den Juni ist auch eine interaktive App für Smartphones angekündigt. Zweimal in der Woche gibt es von der Stadt aus organisierte Touren, bei denen die Besucher mitmachen können. Eine Empfehlung ist zum Beispiel auch, die neue Tom-Segev-Biografie über Staatsgründer David Ben-Gurion in den Wanderpausen quer zu lesen. Sie führt nochmal vor Augen, mit welchen Unwägbarkeiten sich die Gründer des späteren jüdischen Staates auseinanderzusetzen hatten. „Diese Stadt war ein Experiment. Sie war eines der wichtigsten Experimente in der 2.000-jährigen Geschichte der jüdischen Diaspora“, sagt der heutige Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai. Die Stadt sei der erste Schritt einer Erneuerung der Souveränität des jüdischen Volkes in seiner Heimat gewesen.

Von: Michael Müller

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