Anfang September gelang sechs Gefangenen des Gilboa-Gefängnisses eine sensationelle Flucht

Anfang September gelang sechs Gefangenen des Gilboa-Gefängnisses eine sensationelle Flucht

Ein Gefängnisausbruch und viele Pannen

Wie konnte der Ausbruch aus dem angeblich sichersten israelischen Gefängnis gelingen? Inzwischen ist bekannt geworden, dass eine Reihe von Pannen die Flucht ermöglichte. Die damit notwendige Suche nach den Entflohenen war zwar erfolgreich, aber auch teuer.

Der sensationelle Aufbruch von sechs palästinensischen Gefangenen aus dem „absolut ausbruchsicheren“ Gilboa-Gefängnis hat eine Vielzahl von Pannen ans Tageslicht gebracht – sowohl bei den Israelis wie bei den fliehenden Gefangenen. Der gesamte Vorfall wurde zwar inzwischen offiziell untersucht, aber die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die israelischen Medien haben in den letzten Tagen jedoch die teils unglaublichen Pannen veröffentlicht.

Nach dem Verhör der inzwischen allesamt wieder eingefangenen Ausreißer stellte sich heraus, dass sie monatelang den Ausbruch geplant und vorbereitet hatten. Entscheidend war dabei eine erste Panne beim „eiligen“ Bau des Gefängnisses im Jahr 2004. Um das Gebäude möglichst schnell fertig zu stellen, ließ der namentlich nicht genannte Bauherr riesige „Kästen“ aus Stahlbeton gießen und als Basis für das darüber errichtete Gefängnis setzen. Zwischen diesen Kästen blieben Hohlräume, die mit Erde aufgefüllt wurden.

Geduldiges Graben

Als die Gefangenen der Hamas-Organisation in der Toilette ihrer Zelle eine Stahlplatte hochhoben, stießen sie auf einen solchen Hohlraum. Da sie natürlich keine Schaufeln und anderes Werkzeug zur Verfügung hatten, begannen sie, mit ihren Esslöffeln und zurechtgebogenen Kleiderbügeln das Erdreich zu entfernen. Bilder dieser „Werkzeuge“ erschienen in den israelischen Medien. Die Erde entsorgten sie in winzigen Mengen mit der Klo-Spülung, sodass das niemandem auffiel – trotz regelmäßiger Kontrollen der Zellen durch das Gefängnispersonal.

Irgendwie hatte der prominenteste Gefangene, der Mörder Sakaria el-Subeidi vom Islamischen Dschihad aus Dschenin, von den Plänen erfahren. Er bat die Gefängniswärter darum, ihn in die Zelle der Hamas-Leute zu verlegen. Das war ungewöhnlich, denn in israelischen Gefängnissen werden die Inhaftierten gemäß ihrer Zugehörigkeit getrennt eingesperrt. So sollen wohl Prügeleien oder Schlimmeres vermieden werden. Die Gefängniswärter stellten aber keine Fragen und gestatteten ihm den Umzug in die Zelle der Hamas-Leute.

Bequeme Wahl

Am 6. September gelang es schließlich sechs Gefangenen, sich durch das gegrabene Loch ins Freie zu zwängen. Nun standen die Entkommenen vor Problemen. Denn wie sich herausstellte, hatten sie keine Hilfe von außen organisiert. Es stand also kein Fluchtauto zur Verfügung.

Vor ihnen erhob sich der 508 Meter hohe Gilboa-Berg. Den hätten sie erklimmen müssen, um auf dem schnellsten Weg in die palästinensischen Autonomiegebiete zu gelangen. Doch den frisch Entkommenen war das zu steil und anstrengend. Also beschlossen sie, entlang der Hauptstraße in Richtung Nazareth zu laufen. Sowie sich Autos näherten, stürzten sie sich ins Gebüsch am Straßenrand.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Derweil erreichten die israelische Polizei Gerüchte über den Ausbruch. Sie riefen das Gefängnis an, um Einzelheiten zu erfahren. Doch bei der ihnen vorliegenden Telefonnummer hörten sie nur die Schleife: „Die von Ihnen angewählte Nummer ist nicht angeschlossen.“ Was war da passiert? Es stellte sich heraus, dass die Gefängnisleitung ihr Telefonsystem renoviert hatte und bei der Gelegenheit auch neue Nummern erhalten hatte. Doch die Gefängnisleitung hat angeblich „vergessen“, der Polizei ihre neue Telefonnummer mitzuteilen.

Als die Polizei mit Streifenwagen vorbeikam, um zu prüfen, was da los war, hatten die ausgebrochenen Gefangenen schon ein erstes arabisches Dorf erreicht. Sie waren hungrig und durchsuchten Mülltonnen nach Essbarem. Dann verließen sie sich auf die Solidarität der arabischen Bewohner und klingelten an den Haustüren, um um Essen zu betteln und vielleicht eine Mitfahrgelegenheit zu erhalten.

Spitze Ohren

Einer der Araber fragte die „Verdächtigen“, woher sie kämen. Einer erwähnte das benachbarte Dorf Iksa. Doch der Bauer hörte, dass der Entkommene einen anderen Dialekt sprach als im Dorf Iksa üblich. Nachdem sie sein Haus verlassen hatten, rief er die Polizei an und erzählte von „verdächtigen Typen“. So wurden die ersten vier Entkommenen relativ schnell, fünf Tage nach dem Ausbruch, gefasst.

Wegen der Gefahr, die von den verurteilten Terroristen ausging, starteten Polizei, Armee und der Geheimdienst die umfassendste Fahndung in der Geschichte Israels. Im ganzen Land wurden Straßensperren errichtet, während die Beobachtungsposten an den Grenzen nach Jordanien und zu den besetzten Gebieten besonders verstärkt wurden. Es sollte vor allem verhindert werden, dass es ihnen gelinge, in das Flüchtlingslager bei Dschenin zu gelangen. Denn dort gebe es viele Waffen und gewaltbereite Palästinenser. Zusammenstöße wären unvermeidlich gewesen und entsprechend Opfer auf beiden Seiten.

Abwägung von Leben und Tod

Am Ende versteckten sich die beiden letzten noch freien Gefangenen in einem Haus am Rande von Dschenin. Es ist nicht bekannt, wie es dem Geheimdienst gelungen ist, den Gefangenen zu jenem Haus zu folgen und es zu umstellen. Mit Lautsprechern wurde ihnen zugerufen, dass sie sich ergeben sollten. Sonst werde das Haus zum Einsturz gebracht, mitsamt allen sich dort befindlichen Personen. Die Entflohenen wussten, dass die Israelis das ernst meinten. Wie sie später beim Verhör zugaben, wollten die jungen Männer in ihren Mitt-Zwanziger-Jahren nicht sterben und dem Hausbesitzer keinen weiteren Schaden beifügen. Schließlich seien sie aus dem Gefängnis geflohen, um zu leben und nicht um zu sterben. Deshalb beschlossen sie, mit erhobenen Händen das Haus zu verlassen und sich zu ergeben.

So endete das Drama glimpflich und ohne Verluste. Doch in den Medien wurde dann eine Rechnung aufgestellt. Die Jagd nach den sechs geflohenen Gefangenen, der Einsatz der Streitkräfte mitsamt ihren schweren Fahrzeugen und Hubschraubern habe dem Steuerzahler Hunderte Millionen Schekel gekostet. Und das alles nur, weil im Gefängnis niemand richtig kontrolliert hat, so dass eine Panne der anderen folgte.

Von: Ulrich W. Sahm