Der nun verstorbene Palästinenser hatte sich in den Bereich des Kalandia-Checkpoints begeben, der Autofahrern vorbehalten ist (Archivbild)

Der nun verstorbene Palästinenser hatte sich in den Bereich des Kalandia-Checkpoints begeben, der Autofahrern vorbehalten ist (Archivbild)

Widersprüchliche Aussagen über Todesursache eines gehörlosen Palästinensers

Vier Monate nach einem Zwischenfall an einem Checkpoint stirbt ein gehörloser Palästinenser. Seine Familie macht Schüsse eines israelischen Wachmannes für den Tod verantwortlich. Ein Jerusalemer Krankenhaus widerspricht.

NABLUS / JERUSALEM (inn) – Ein gehörloser Palästinenser aus Nablus ist am Freitag Verletzungen erlegen, die er vor vier Monaten durch Schüsse eines israelischen Wachmannes erlitten hatte. So stellt es zumindest seine Familie dar. Das israelische Krankenhaus, in dem der 56-Jährige behandelt wurde, bezeichnet die Verletzungen hingegen als „nicht lebensgefährlich“.

Am 16. August erschien Abdul-Nasser Walid Halaweh zu Fuß am Kalandia-Checkpoint bei Jerusalem. Er benutzte allerdings den Bereich, der Fahrzeugen vorbehalten ist. Dadurch erregte er nach Angaben der israelischen Polizei den Verdacht der zivilen Sicherheitskräfte. Sie forderten ihn mehrmals zum Anhalten auf, dann schossen sie auf seine Beine. Er sei „leicht bis mittelschwer“ am Unterkörper verletzt worden. Dann stellte das Wachpersonal fest, dass der Palästienser kein Terrorist war. Der Schütze wurde verhört.

Halaweh wurde ins „Scha'arei Zedek“-Krankenhaus nach Jerusalem gebracht. Dort sagte er der israelischen Zeitung „Yediot Aharonot“ mittels Gebärdensprache: „Ich war am Checkpoint, als man plötzlich auf mich schoss. Ich weiß nicht, warum, ich hatte nichts. Ich spreche und höre nicht.“

Bruder will Schuldige verklagen

Der Bruder des Patienten, Anur, erzählte der Zeitung, vor ein paar Wochen habe sich die israelische Klinik an die Familie gewandt. Halaweh sollte in ein palästinensisches Krankenhaus verlegt werden. „Wir baten darum, ihn dort zu lassen, weil sein Gesundheitszustand noch nicht gut war. Aber leider waren sie nicht einverstanden.“ Entgegen der Ankündigung sei er aber auch nicht in ein palästinensisches Krankenhaus aufgenommen worden. „Wir haben mehrere Organisationen angerufen, darunter auch Menschenrechtsorganisationen, aber es half nicht.“

Der Vater von drei Kindern starb zu Hause in Nablus. Der Bruder kündigte an, eine Obduktion zu beantragen. Außerdem werde er jeden verklagen, den er der Nachlässigkeit überführen könne. Dasselbe gelte für den Schützen.

Klinik: In gutem Zustand entlassen

Das „Scha’arei Zedek“-Krankenhaus weist die Vorwürfe zurück: „Wir nehmen Anteil an der Trauer der Familie. Aber wir weisen die lügenhaften Vorwürfe voll und ganz zurück. Es besteht keinerlei Verbindung zwischen dem Scha’arei Zedek und seinem Tod oder der ganzen Verschlechterung seines Zustands. Denn seine Verletzung war eine orthopädische, die nicht lebensgefährlich war. Er wurde vor über einem Monat in gutem Zustand entlassen.“

Die medizinische Behandlung sei erfolgreich gewesen, hieß es weiter. Das Krankenhaus habe den Palästinenser sogar länger behalten als nötig – bis eine Alternative in den Autonomiegebieten gefunden worden sei. Doch Halaweh habe zur Untersuchung und zur weiteren Behandlung am Bein wiederkommen sollen.

Von: eh