Die Drusenstadt Madschdal Schams im Golan an der Grenze zu Syrien

Die Drusenstadt Madschdal Schams im Golan an der Grenze zu Syrien

Kooperation mit Rebellen

Zwischen 2013 und 2018 wurden knapp 5.000 verletzte Syrer in israelischen Krankenhäusern behandelt. Den Transfer ermöglichten Beziehungen, die syrische Freiheitskämpfer und israelische Geheimdienstoffiziere aufgebaut hatten. Im Fernsehen berichten israelische Offiziere über ihre Zusammenarbeit mit den syrischen Aufständischen.

„Mit fortschreitender Zeit sahen wir, wie der Krieg immer näher an unsere Grenze rückte“, erzählt Marko Moreno, Major der israelischen Armee im Reservedienst, im Gespräch mit der israelischen Journalistin Na’ama Perri. Sie moderiert die Fernsehsendung „Uvda – Tatsache“. Die israelischen Soldaten hätten Rauchwolken vor Damaskus aufsteigen sehen. Eines Tages riefen sie über den Zaun. „So begann der Kontakt zu ihnen. Sie kamen über die Grenze zu uns.“ Mit offensichtlichen Zweifeln seien sie gekommen und gut bewacht.

Woher Moreno bei den ersten Treffen gewusst habe, ob sein Gegenüber nicht plötzlich eine Waffe zücken und auf ihn schießen würde, sobald er ihm nahekommt? „Ich hab es nicht gewusst“, antwortet Moreno auf die Frage Perris. „Es war eine komplett neue Situation.“

Schon beim ersten Treffen machten die Oppositionellen deutlich, dass sie nicht gekommen waren, um mit den Israelis zusammenzuarbeiten. „Er fragte mich: ‚Warum leitest du diese Mission als Geheimdienstoffizier?’ Ich sagte ihm, dass wenn in Israel der Premierminister möchte, dass etwas passiert, er dann seine Geheimdienstleute schickt. Natürlich war das Quatsch. Aber in der arabischen Welt denkt man so. Natürlich hatten wir gemeinsame Interessen. Die Frage ist, wie man das zu Beginn präsentiert.“ Moreno erklärt die Schwierigkeit der Mission: „Die Spielregeln waren hier komplett anders als alles, was ich bisher kannte. Dein Gegenüber ist keine Quelle, das seine Seele verkauft. Hier sind Freiheitskämpfer, die an ihre Sache glauben.“

Trotzdem konnten sie sich auf folgenden Deal einigen: Die Israelis würden verletzte Syrer in Empfang nehmen, um sie zu behandeln. Im Gegenzug würden die Rebellen für Ruhe an der Grenze sorgen. Die Verletzten kamen, es wurden immer mehr, fast jede Nacht trafen sich die Nachbarn an der Grenze.

Deal: Unruhen an der Grenze verhindern

In der Fernsehsendung gesteht Moreno seine Unsicherheit: „Ich wusste, wie man mit Menschen arbeiten muss, um von ihnen Informationen zu bekommen. Doch das hier war etwas ganz anderes, die Aufgabe viel größer. Hier gibt es keine Quelle, keinen Spion im klassischen Sinne. Wir wussten nicht mal, wie wir die, mit denen wir es zu tun hatten, definieren sollten. Sie suchten verzweifelt nach Möglichkeiten, ihre Verletzten zu behandeln. Ich schlug einen Deal vor: ‚Wir bieten euch humanitäre Hilfe. Und ihr schützt das Grenzgebiet.‘ Natürlich wollte ich auch, dass sie uns erzählen, was passiert und sich aktiv dafür einsetzen, Unruhen an der Grenze zu verhindern.“ Im Februar 2013 kamen die ersten sieben Verletzten zur Behandlung nach Israel.

Später wurde die Armee auf Abu M aufmerksam. „Als dieser auf dem Radar der Armee erschien, wussten sie, dass er ihr Mann wäre“, kommentiert Perri „Als ich mich auf das Treffen mit ihm vorbereitete, war ich ziemlich aufgeregt“, erinnert sich Moreno. „Ich wusste, dass er ein einflussreicher Anführer war. Ich dachte, da kommt ein großer Kerl, ein Superkämpfer, ein echter Killer. Als ich ihn dann sah, sah ich einen jungen Mann, fast ein Kind, mit Gel im Haar. Er trug Jeans und eine orangene Lederjacke – er war das komplette Gegenteil von dem Bild, was ich im Kopf hatte.“

„Abu M hatte früher ein Bekleidungsgeschäft. Als er hörte und sah, wie syrische Soldaten in der Nähe vom südlichen Dara’a auf Aufständische schossen, entschied er sich, auch am Kampf teilzunehmen“, erzählt Moreno. „Er sammelte Männer aus seinem Dorf und forderte sie zum gemeinsamen Aufstand auf. Der Mann hatte keine militärische Ausbildung. Ich fragte ihn, wie er ohne Erfahrung die Aktionen plane. Er sagte nur: ‚Ich habe doch keine Wahl‘.“

Zum Schluss des Treffens stand erneut die Abmachung fest: Die israelische Armee würde den syrischen Streitkräften medizinische Versorgung geben und diese würden sie mit Informationen beliefern. „Abu M wusste, dass wir unsere humanitäre Hilfe eingestellt hätten, wenn es einen Anschlag am Zaun gegeben hätte. Von da an waren wir fast täglich in Kontakt.“ Die Syrer erzählten von ihrem Alltag, die Israelis hörten sehr genau zu. „Wir versuchten die Lage zu verstehen, wie viele Kämpfer es gibt“, so Moreno. „Und natürlich muss man sich in solchen Gesprächen empathisch zeigen, wir haben unsere Hilfe angeboten.“

Abu M wollte von Israelis lernen

Symptomatisch für diesen ungewöhnlichen Austausch steht für Moreno eine Begegnung mit Abu M. „Er wollte von uns lernen. Einmal saßen wir mit ihm zum Kaffee auf dem Fußboden zusammen. Was ihn beeindruckte, war nicht der Inhalt des Gesprächs. Sondern der Umstand, dass hier Offiziere mit ihm am Boden saßen. Er sagte: ‚In der syrischen Armee wäre das undenkbar. Wenn ich hätte mit einem Offizier reden wollen, hätte ich ihm erstmal die Schuhe putzen müssen.‘ Er wollte viel von uns lernen.“

„Natürlich hatten auch wir Interesse daran, mehr über die Umstände in Syrien zu erfahren.“ Moreno ist überzeugt, dass diese Informationen auch das Leben der Rebellen gerettet haben: „Wir zeigten ihnen, wie sie herausfinden konnten, ob (der syrische Präsident Baschar) Assad chemische Waffen benutzt. Schließlich lieferten sie uns nicht nur die Informationen, sondern brachten uns Beweise. Wir haben ihnen geholfen, sich selbst zu retten. Als (der damalige US-Präsident Barack) Obama erstmals von Giftgaseinsätzen in Syrien sprach, ging das auf Informationen zurück, die wir von den Rebellen erhalten hatten. Bei seinem Besuch im Mai 2013 in Israel legten wir ihm handfeste Beweise vor.“

Im Winter 2013 merkten die Israelis, dass ein Anschlag im Grenzgebiet geplant war. „Wir wussten aber nicht, wo genau der erfolgen sollte.“ Moreno wandte sich an Abu M. „Schließlich brachte er uns die Informationen, in welchem Zelt die Terroristen saßen. Wir konnten den Anschlag verhindern. Die Rebellen verstanden, dass sie ihre Vertrauenswürdigkeit bewiesen hatten und noch mehr medizinische Unterstützung erwarten konnten.“

Immer wieder hatte Moreno schwere Entscheidungen zu treffen. Einmal sollte er entscheiden, einen Säugling an der Grenze in Empfang zu nehmen, dessen Herz außerhalb der Brust gewachsen war. Dass das Kind überhaupt lebe, zumal unter diesen Umständen, sei ein Wunder, sagte der Militärarzt. Es hätte die Überlebenschance von einem Prozent, der Krankenhausaufenthalt würde mindestens ein Jahr dauern, die Behandlung würde Millionen kosten und etwa 200 weiteren Kindern die Möglichkeit zur Aufnahme ins Krankenhaus und damit die Hoffnung auf Heilung nehmen. Moreno sollte entscheiden. „Schweren Herzens entschied ich mich dagegen, das Kind aufzunehmen. Wir konnten doch das Projekt nicht gefährden. Bei solchen Entscheidungen gibt es kein richtig oder falsch.“

Eine offene Rechnung mit Kuntar

„2014 tauchte Samir Kuntar wieder auf unserem Bildschirm auf“, erinnert sich Moreno. Der damals erst 16-jährige Libanese hatte 1979 als Mitglied der säkularen „Palästinensischen Befreiungsfront“ (PLF) eine israelische Familie in der Küstenstadt Naharija überfallen. Bei dem Anschlag kamen der Vater der Familie sowie die beiden Töchter im Alter von zwei und vier Jahren ums Leben. Kuntar hatte den Schädel der einen Tochter mit seinem Gewehrkolben zertrümmert. Im Verlauf des Überfalls töteten die Terroristen auch zwei Polizisten. Der Angriff erfolgte nach Angaben des Leiters der PLF Abu Abbas in Protest gegen den Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten. Israelische Sicherheitskräfte nahmen Kuntar bei der Aktion gefangen. Im Jahr 2008 ließ Israel ihn nach 29 Jahren Haft frei. Kuntar schloss sich der Hisbollah an und übernahm eine Führungsposition, in der er zahlreiche Angriffe auf israelische Soldaten plante.

„Er sollte im Auftrag der Hisbollah eine Infrastruktur in den Golanhöhen schaffen, die Anschläge auf uns und die Grenze ermöglichen sollte“, erzählt Moreno. „Hassan Nasrallah ist ein cleverer, strategisch denkender Mensch. Er hat immer das Potential von Kuntar erkannt. Dieser sollte Terroraktionen ausführen und geheimdienstliche Informationen sammeln. Kuntar wollte auch für die Iraner arbeiten. Er wurde Schiit, die Iraner gaben ihm Geld.“

Im arabischen Nachrichtensender „Al-Majadin“ sprach Kuntar davon, dass die Israelis kranke Syrer in ihren Häusern versorgten, um an geheimdienstliche Informationen zu kommen. Er sagte: „(Verteidigungsminister Mosche) Ja'alon glaubt, dass man in den Golanhöhen keinen Widerstand dulden wird. Doch niemand benötigt dafür seine Genehmigung.“

In anderthalb Jahren plant Kuntar vier Anschläge auf die Grenze. Ja'alon sagt nun: „Kuntar hatte immer Leute hinter sich, ein ganzes Netzwerk. Uns beunruhigte, dass uns die Iraner auf den Golanhöhen gegenübertreten wollten.“

Versuchen, Anschläge zu verhindern

Moreno sagte: „Ich verstand, dass die Uhr zu ticken begann. Die Frage war doch: Wer bekommt wen zu erst? Mir war klar, dass er Anschläge plante und wir diese verhindern mussten. Wir wussten aber nicht, was er plante, welche Waffen er benutzen wollte. Aber wir bereiteten uns vor.“ Als israelische Soldaten im Sommer 2015 eine verdächtige Menschengruppe entdeckten, war es zu spät: Kurze Zeit später hörten sie eine Explosion, bei der es vier verletzte Zivilisten gab.

„Das war ein sehr enttäuschender Moment“, erinnert sich Moreno „der auf der anderen Seite auch Motivation mit sich brachte. Wir wollten das nächste Unglück verhindern und dann offene Rechnungen begleichen.“ Auf einer Veranstaltung der Hisbollah ließ sich Kuntar öffentlich feiern.

„Es war klar, dass man ihn nicht länger schalten und walten lassen konnte.“ Ja'alon erklärt: „Um jemanden wie ihn, der sich in Syrien befand, auszulöschen, sind genaue Informationen nötig. Und dann muss man auf den richtigen Zeitpunkt warten, den richtigen Ort.“ Der Zeitpunkt kam im Dezember 2015, der Ort war der Damaszener Vorort Dscharamana. Zeitungsberichten zufolge waren zwei israelische Flugzeuge in den syrischen Raum eingedrungen und hatten vier Raketen in ein sechsstöckiges Gebäude in Dscharamana geschossen. Das Stadtviertel war in vergangener Zeit Schauplatz von Kämpfen, die den Sturz Assads zum Ziel hatten. Wie die Hisbollah-Zeitung „Al-Manar“ berichtete, hatten Rebellen Israel die Informationen über Kuntars Verbleib zugespielt. Kuntar und neun weitere Hisbollah-Kämpfer kamen bei dem Anschlag ums Leben.

Damals übernahm Israel keine Verantwortung für diesen Luftangriff. Heute erzählt Moreno: „Wer letztlich den entscheidenden Hinweis gab, waren die syrischen Rebellen. Weil sie sich für unsere Hilfe bedanken wollten. Eine Rechnung von fast 40 Jahren war beglichen.“ Ja'alon gibt sich diplomatischer: „Natürlich machen wir unsere Entscheidungen nicht nur von Informationen abhängig, die auf Aussagen von Menschen beruhen.“ Ein leises Lächeln umspielt seine Lippen, als er sagt: „Aber wenn wir solche Aussagen haben, dann hilft das ungemein.“ Moreno ist überzeugt: „Durch seine Auslöschung wurden viele Anschläge verhindert. Von unserer Seite hätte sich der Einsatz schon gelohnt, wenn es auch nur einen einzigen Anschlag verhindert hätte.“

Das Ende der Zusammenarbeit

„Als 2015 Assad weitgehend die Kontrolle an der Grenze übernahm, wusste ich, dass auch die Zusammenarbeit mit den Rebellen zu Ende geht. Sie haben einfach nur noch Kalaschnikows genommen und blind losgefeuert. Ich sagte ihnen: ‚Wozu macht ihr das? Ihr habt doch ohnehin keine Chance und verliert nur Menschen!‘“ Doch sie kämpften erbittert weiter. „In einer schweren Schlacht wurde Abu M durch eine Granate schwer verletzt. Seine Leute riefen uns aufgeregt an. Als wir zur Grenze kamen, sagte der Militärarzt, dass er keine Überlebenschancen hätte.“

Moreno spricht bedächtig, als er die Ereignisse rekapituliert: „Er starb vor unseren Augen. Auf der Stelle verstand ich, dass wir ihm unsere Achtung zollen müssten. Wir alle salutierten, so wie wir es auch vor unseren Kameraden getan hätten. Das war das einzige, was wir tun konnten.“ Die Mission „Gute Nachbarschaft“ ging damit zu Ende.

Von: mh

Sie können sich über Disqus, Facebook, Twitter oder Google+ anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen ein, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen, die unsachliche Formulierungen oder externe Links enthalten. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1.600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungs- bedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei der Christlichen Medieninitiative pro e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus