Mitglieder des Bataillons 890, in das die Einheit 101 eingegliedert wurde. Unter ihnen ist Mosche Dajan (3. v.l.), Armee-Generalstabschef und späterer Außenminister.

Mitglieder des Bataillons 890, in das die Einheit 101 eingegliedert wurde. Unter ihnen ist Mosche Dajan (3. v.l.), Armee-Generalstabschef und späterer Außenminister.

Die Spezialeinheiten der israelischen Armee

Die israelischen Spezialeinheiten sind unter den Feinden Israels gefürchtet und werden von befreundeten Streitkräften hochgeachtet. Sie operieren im gesamten Nahen Osten; ihre aufsehenerregenden Missionen sind – sofern sie überhaupt bekannt werden – unkonventionell, risikobereit und enden in aller Regel erfolgreich.

Sie gilt als die Lebensversicherung des jüdischen Staates: Die israelische Armee. Ihre Schlagkraft übertrifft diejenigen der Region. Für den militärischen Vorsprung Israels einzutreten, ist in den USA sogar ein Gesetz. Doch oftmals ist es nicht „die Armee“, die die Bewohner des Landes schützt, sondern viele kleine, spezialisierte Einheiten, die im Laufe der Jahre gegründet wurden, um sich der jeweiligen Bedrohung entgegenzustellen.

In den Jahrzehnten vor der Gründung Israels im Jahr 1948 kam es bereits zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den zionistischen Siedlern und der arabischen Bevölkerung im britischen Mandatsgebiet Palästina. In den 1930er Jahren weiteten sich die Spannungen zu einem regelrechten Bürgerkrieg aus. Zu dieser Zeit prägte der britische Offizier Orde Wingate die spätere israelische Kriegsführung nachhaltig mit dem Aufbau der „Special Night Squads“ (SNS) – einer jüdischen Spezialeinheit zur Aufklärung und verdeckten Kriegsführung in arabischen Gebieten.

Getreu der Prämisse „Angriff ist die beste Verteidigung“ wurden nächtliche Überfälle tief in feindlichem Gebiet zum Markenzeichen der SNS. Obgleich die Einheit nur etwa ein Jahr lang operierte, begannen viele Schlüsselfiguren der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) ihre militärische Karriere in den SNS, unter ihnen der General und Politiker Mosche Dajan. Daher ist Wingates Erbe bis heute wesentlicher Bestandteil israelischer Militärdoktrin, die sich durch einen Hang zum Unkonventionellen und einem ausgeprägten Offensivdrang auszeichnet.

Der Prototyp: Ariel Scharons Einheit 101

Im August 1953 gründete Ariel Scharon in direkter Anlehnung an die „Special Night Squads“ die berüchtigte Einheit 101. Israels Führung betraute die erste Spezialeinheit der Armee mit riskanten Überfällen in den arabischen Nachbarstaaten, die als Rückzugsraum der arabischen Terror- und Guerilla­organisationen dienten. Scharon und seine Kampfgefährten waren nicht zimperlich, sodass es bei den Operationen teilweise zu erheblichen zivilen Opfern kam. Daher integrierte Israels Militär die Einheit 101 im Januar 1954 in die neu gegründete Eliteeinheit der Fallschirmjäger.

Die Einheit 101 ist der Prototyp der israelischen Spezialeinheit. Sie führte innovative Offensiv- und Infiltrations­taktiken ein und ist bis heute das Vorbild israelischer Kommando-Operationen.

Sajeret Matkal – die Späher des Generalstabs

Sajeret Matkal steht unter der Leitung des Militärgeheimdienstes AMAN. Die Hauptaufgaben liegen in der Aufklärung und Einholung nachrichtendienstlicher Informationen hinter feindlichen Linien. Ab den 1970er Jahren kamen mit der Terrorbekämpfung und Geiselbefreiung im Ausland neue Aufgabenbereiche hinzu. Die Einheit hat großen Einfluss auf die Entwicklung des israelischen Militärs, weil sie als Experimentierplattform für Infiltrations- und Kommandotaktiken sowie Tarn- und Antiterror-Kampftechniken dient.

Größere Bekanntheit erlangte die Einheit durch die „Operation Thunderbolt“ (1976). Dabei befreiten Sajeret-Einheiten unter dem Kommando von Joni Netanjahu, dem Bruder von Israels aktuellem Premierminister Benjamin Netanjahu, mehr als 100 Geiseln aus dem 4.000 Kilometer entfernten Flughafen von Entebbe in Uganda. Tragischerweise überschattete der Tod Joni Netanjahus den Erfolg der Operation.

Anfangs war die Einheit streng geheim. Bis heute dürfen die Mitglieder sich nicht öffentlich zu erkennen geben und tragen keine Abzeichen. Rekruten durchlaufen eine fast zweijährige Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Nahkampf, Navigation, Tarnung, Aufklärung und Überlebenstraining in feindlichem Gebiet.

Sajeret-Matkal-Veteranen gelangen oftmals in einflussreiche Positionen im Militär und der Politik. Ehud Barak, Israels am höchsten dekorierter Soldat, ist später zum Generalstabschef und Premierminister (1999-2001) aufgestiegen. Regierungschef Netanjahu ist ebenfalls Sajeret-Veteran.

Schajetet 13: Israels Marineeinheit

Die Marineeinheit Schajetet 13 ist für Infiltration, Terrorbekämpfung, Sabotage, maritime Aufklärung und Geiselbefreiung sowie die Übernahme feindlicher Schiffe zuständig. Sie ist in Land-, See- und Luftoperationen geübt und hat an fast allen größeren Militäroperationen Israels teilgenommen. Im Jom-Kippur-Krieg (1973) infiltrierten Kommandoeinheiten ägyptische Häfen und versenkten fünf ägyptische Kriegsschiffe. Anfang der 1980er Jahre wurde die Einheit insbesondere im Libanon und dem Kampf gegen die Hisbollah eingesetzt.

Typische Missionen dieser Zeit sind das Abfangen von Versorgungsschiffen der Terror­Organisation, das Sprengen von feindlichen Einrichtungen sowie das Anbringen von Sprengfallen. Größere Bekanntheit erreichte Schajetet 13 durch das Kapern von Schiffen, die während der sogenannten 2. Intifada (2000–2005) Waffen an die Palästinenser lieferten.

Schaldag

1976 gründete der Sajeret-Matkal-Offizier Muki Betzer Schaldag als direkte operative Lehre aus dem Jom-Kippur-Krieg: Die israelische Luftwaffe (IAF) hatte aufgrund der sowjetischen Boden-Luft-Raketen der Ägypter erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Eine Aufklärung und frühzeitige Neutralisierung der Stellungen hätte Israel erhebliche Vorteile verschafft. Schaldag sollte sich dieser Problematik annehmen.

Die erste Bewährungsprobe war der Erste Libanonkrieg 1982. Dabei gelang es Schaldag, die syrischen Luftabwehrstellungen weitgehend zu neutralisieren. In den folgenden Luftkämpfen gegen die syrische Luftwaffe konnte die IAF einen atemberaubenden Erfolg verbuchen und über 80 syrische Kampfflugzeuge über libanesischem Luftraum abschießen. Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich Schaldag zu einer luftgestützten Allzweck-Spezialeinheit, die zunehmend auch Terrorbekämpfungs- und Geiselbefreiungsoperationen übernimmt.

Kommando-Brigade Os

Seit Dezember 2015 fasst die Kommando-Brigade Os weitere Spezialeinheiten zusammen. Darunter befindet sich Duvdevan, die in den palästinensischen Gebieten operiert. Die Einheit ist insbesondere auf verdeckte Operationen spezialisiert und gehört zu den Mista’aravim-Kräften (wörtlich: arabisieren), deren Charakteristikum die Verkleidung als Araber und verdeckte Operationen in arabischen Gebieten sind. In der Ausbildung wird großer Wert auf das Erlernen der arabischen Sprache, Unterricht in den arabischen und islamischen Traditionen sowie typischen Verhaltensweisen gelegt. Darüber hinaus sind Egos (Anti-Guerilla-Einheit), Rimon (Wüstenkampf) und Maglan (Fernaufklärung und Kommandooperationen) in der Os-Brigade organisiert.

Die israelischen Spezialeinheiten genießen ein hohes Prestige innerhalb der Armee und haben Zugriff auf die fähigsten Rekruten. Während die Spezialeinheiten anfangs so geheim waren, dass die Kämpfer lediglich auf persönliche Empfehlungen aufgenommen wurden, stehen sie heute für freiwillige Rekruten offen, die ein mehrtägiges Auswahlverfahren (Gibbusch) durchlaufen müssen. Im Gegensatz zu vielen anderen Spezialeinheiten der Welt rekrutieren sich die Angehörigen der israelischen Spezialeinheiten zum Großteil aus regulären Wehrdienstleistenden.

Schön anzuschauen, aber nicht spielentscheidend

Seit den 1970er Jahren setzt Israel alle seine Spezialeinheiten zunehmend für Operationen in der Terrorbekämpfung ein. Insbesondere gezielte Tötungen von Schlüsselakteuren sind ein Markenzeichen israelischer Terrorbekämpfung. Auch wenn die operativen Anforderungen der Missionen komplexer werden, bleiben Israels Spezialeinheiten den Kernprinzipien von SNS und Einheit 101 treu: offensive, taktisch elegante und wagemutige Überfälle.

Aller taktischen Klasse zum Trotz können die Operationen von Spezialeinheiten aber nur im Rahmen einer durchdachten Strategie ihr volles Potenzial entfalten. „Spezialeinsätze sind wie Dunkings während eines Basketballspiels: Sie sind schön anzuschauen, aber sie entscheiden nicht das Spiel“, gab der frühere stellvertretende Armeestabschef Generalmajor Usi Dajan einst zu bedenken.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 4/2018 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Marcel Serr

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google+ anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein beim Christlichen Medienverbund KEP e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus