Das neue Schild in drei Sprachen – unter der hebräischen Zeile gibt es eine kurze Erklärung zu Sugihara

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Platz zu Ehren eines japanischen Judenretters eingeweiht

Ein Platz in Jerusalem erinnert seit Montag an einen japanischen Judenretter. Dieser stellte 1940 gegen den Willen seiner Regierung jüdischen Flüchtlingen Visa aus – aus Mitleid.

JERUSALEM (inn) – Die Stadt Jerusalem hat am Montag einen Platz zu Ehren des japanischen Diplomaten Chiune Sugihara eingeweiht. Er hatte während des Zweiten Weltkrieges in Litauen Transitvisa an Juden ausgestellt und dadurch zahlreiche Menschenleben gerettet. Da er sich dem Willen seiner Regierung widersetzte, bedeutete die Aktion das Ende seiner diplomatischen Karriere.

Bei der Einweihung war der 72-jährige Sohn des Judenretters, Nobuki Sugihara, zugegen. Er lebt in Belgien. Ende der 1960er Jahre hatte er an der Hebräischen Universität studiert und nahe des Platzes im Südwesten Jerusalems gelebt. Die Gegend von Ir Ganim und Kiriat Jovel habe sich so entwickelt, dass sie fast nicht mehr wiederzuerkennen sei, sagte er. „Der Anblick ist anders, die Bäume sind größer, die Leute sind gewachsen, Überlebende haben Kinder und Enkel bekommen.“

Sein Vater hätte „sich nie vorgestellt“, dass so viele Empfänger der Visa überleben würden, ergänzte der Sohn laut der Onlinezeitung „Times of Israel“. Mittlerweile gebe es mehrere Hunderttausend Nachkommen der Geretteten. Auf seine Frage, warum er damals geholfen habe, sei die Antwort des Vaters gewesen: Er habe Mitleid mit den Menschen gehabt, die sich vor dem Konsulat in Kovno – dem heutigen Kaunas – versammelten. Sie hätten sonst nirgendwo hingehen können. „Er mochte nichts von ‚gerettet‘ hören. Er tat einfach, was er tun konnte.“

Der japanische Botschafter in Israel, Koji Tomita, bekundete bei der Zeremonie seinen Stolz, „einen so entschlossenen älteren Kollegen zu haben“. Bürgermeister Mosche Leon bezeichnete die Feier als emotionalste Einweihungszeremonie seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren. Dies liege an der Zahl der Nachkommen, die dank Sughiharas Handeln leben könnten. Der Familie des Diplomaten sagte er: „Wir lieben Sie. Wir werden immer wertschätzen, was Sie getan haben – und mit ‚wir‘ meine ich die Bewohner Jerusalems und das Volk Israel.

Visa auch ohne nötige Dokumente

Chiune Sugihara diente in Kovno als stellvertretender japanischer Konsul. Nachdem Nazideutschland im September 1939 Polen überfallen hatte, flohen zahlreiche Juden ins damals unabhängige Litauen. 1940 versammelten sich Flüchtlinge vor dem Konsulat und baten um Transitvisa, um über die Sowjetunion nach Japan gelangen zu können. Der Diplomat fragte bei seiner Regierung an, erhielt aber keine Erlaubnis.

Die Webseite der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zitiert ihn mit den Worten: „Etwa am 10. August entschied ich, dass es keinen Sinn mehr hatte, weiter mit Tokio zu verhandeln. Am folgenden Tag begann ich aus eigenem Antrieb, mit voller Verantwortung von meiner Seite, den Flüchtlingen japanische Transitvisa auszustellen. Dabei achtete ich nicht darauf, ob Soundso die nötigen Dokumente hatte oder nicht.“

Sugihara gab mehr als 3.000 Visa an jüdische Familien und Einzelpersonen aus. Dazu gehörten etwa 300 Lehrer und Schüler der Mir-Jeschiva. Diese wurde nach einer Zwischenstation in der chinesischen Stadt Schanghai nach Jerusalem verlegt, wo sie bis heute im Viertel Beit Israel existiert. Yad Vashem merkt an, es sei der einzige Fall, in dem eine Talmudschule komplett vor den Nationalsozialisten gerettet wurde.

Amtlichen Stempel an Flüchtling übergeben

Der Konsul indes schrieb alle Visa per Hand, er arbeitete Tag und Nacht. Seine Ehefrau Yukiko massierte ihm zwischendurch die schmerzenden Finger. Als er ausreisen musste, begleiteten viele Juden ihn und die Familie zum Abschied an den Bahnhof. Noch im Zug stellte er die lebenswichtigen Dokumente aus und reichte sie den Verfolgten durch das Fenster. Den Stempel des Konsluates übergab er einem der Flüchtlinge, der damit weitere Juden retten konnte.

Zum Ende des Krieges wurde die Familie von den Russen für 18 Monate in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager interniert. Nach seiner Rückkehr nach Japan wurde Sugihara aus dem diplomatischen Dienst entlassen. Das kam für ihn nicht überraschend: „Ich hatte keinen Zweifel, dass ich eines Tages von meiner Arbeit im Außenministerium gefeuert werden würde.“

Im Jahr 1984 erkannte Israel die Taten des Japaners an, er wurde als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. 1985 starb er im Alter von 86 Jahren. Japan würdigte sein Handeln 2000 posthum.

An der Einweihung nahmen auch Überlebende und deren Nachkommen teil. Manche hatten Listen von Empfängern der Visa und gerahmte Kopien der Dokumente dabei, schreibt die Nachrichtenseite „Japantimes“. Ein 94-jähriger Jude dankte dem Sohn dafür, dass dessen Vater ihm ein Transitvisum ausgestellt hatte. Dieser habe das Leiden und die Probleme der Juden verstanden und entsprechend gehandelt. Da viele Visa für Familien galten, ist anzunehmen, dass der als „japanischer Oskar Schindler“ bekannte Diplomat etwa 6.000 Juden vor der NS-Verfolgung gerettet hat.

Gott mehr gehorcht als den Menschen

Sugihara selbst drückte es einmal so aus: „Jene Menschen erzählten mir, was für einem Horror sie ausgesetzt würden, wenn sie nicht von den Nazis wegkamen, und ich glaubte ihnen. Es gab keinen anderen Ort, wo sie hätten hingehen können. Sie vertrauten mir. Sie erkannten mich als legitimen Funktionär des japanischen Ministeriums an. Wenn ich länger gewartet hätte, selbst wenn die Erlaubnis gekommen wäre – es hätte zu spät sein können.“

Ein weiterer Beweggrund für sein Handeln findet sich in einem Zitat, das Yad Vashem dokumentiert: „Ich mag meiner Regierung den Gehorsam verweigert haben, aber hätte ich es nicht getan, dann hätte ich Gott den Gehorsam verweigert.“

Von: eh