Baschar al-Assad auf einem Poster über dem „Suq al-Hamidije" im Winter 2009. Zwei Jahre vor den ersten Protesten in Syrien hätte niemand diese für möglich gehalten. Der Personenkult um den syrischen Diktator war allgegenwärtig.

Baschar al-Assad auf einem Poster über dem „Suq al-Hamidije" im Winter 2009. Zwei Jahre vor den ersten Protesten in Syrien hätte niemand diese für möglich gehalten. Der Personenkult um den syrischen Diktator war allgegenwärtig.

Zehn Jahre „Arabischer Frühling“

Eine Selbstverbrennung in Tunesien löste vor zehn Jahren den „Arabischen Frühling“ aus: eine Reihe von Revolutionen, die sich über den gesamten Nahen Osten vollzog. Bei aller Euphorie über abgesetzte Diktatoren und die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufbruch bleibt ein Jahrzehnt danach vor allem viel Zerstörung.

TUNIS / KAIRO (inn) – Am 17. Dezember 2010 zündete sich der tunesische Gemüsehändler Muhammad Bouazizi in der Kleinstadt Sidi Bouzid an. Es war eine Verzweiflungstat, er konnte die Demütigungen der tunesischen Behörden nicht länger ertragen. Als er zweieinhalb Wochen später seinen Verletzungen erlag, waren Proteste in Tunesien in vollem Gang. Israelis verfolgten aufmerksam und entsetzt das Geschehen über die Nachrichten in ihren Wohnzimmern. „Die Proteste sind eine Revolution! Das kann das politische Gefüge im gesamten Nahen Osten verändern“, sagte ein Israeli seiner Frau.

Und tatsächlich: Die Massenproteste führten schließlich zur Absetzung und Flucht des tunesischen autokratisch regierenden Präsidenten Zine al-Abidine Bin Ali. Die Ereignisse überschlugen sich: Die Proteste griffen auf Ägypten über, 850 Demonstranten kamen ums Leben und der autokratisch regierende Präsident Muhammad Hosni Mubarak trat nach knapp 30 Jahren von seinem Amt zurück.

Auch im benachbarten Libyen führten die Proteste zu einem drastischen Umbruch: Nach mehr als 40 Jahren wurde der Diktator Muammar al-Gaddafi schließlich mithilfe eines NATO-Militäreinsatzes abgesetzt. Seitdem befindet sich das Land im Bürgerkrieg.

Schon im März 2011, weniger als drei Monate nach der Selbstverbrennung in Tunesien, waren die Umwälzungen im Nahen Osten so weitreichend, dass der libysche Schriftsteller Ibrahim al-Koni dem „Tagesspiegel sagte: „Seine Tat war der Funke, der den Flächenbrand entzündet und letztlich die ganze arabische Welt verändert hat“.

„Syrien gibt es nicht mehr“

Noch im Januar 2011 wirkte das Geschehen auf Exil-Syrer sehr weit weg: „Es wäre schön, wenn auch in unserer Regierung etwas in Gang käme, aber Proteste wie in Tunesien oder Ägypten sind in Syrien undenkbar.“ Zwei Monate später war es so weit: Menschen in der südsyrischen Stadt Dara’a, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt, gingen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren. Was alle verwunderte: Obwohl die Regierung mit aller Macht versuchte, die Proteste zu zerschlagen, hielten sie an und weiteten sich auf das ganze Land aus. Als zwei Jahre nach Ausbruch der Proteste in Syrien ein Exilsyrer seine Heimatstadt Homs besuchte, kam er ernüchtert zurück: „Das Syrien, das wir gekannt haben, gibt es nicht mehr.“

In Anlehnung an die Ereignisse des Prager Frühling von 1968 bezeichneten vor allem westliche Beobachter die Ereignisse als „Arabischen Frühling“. Später wurden sie allerdings auch häufig „islamistischer Winter“ oder Arabellion, also eine arabische Rebellion, genannt.

Lage nur in Tunesien verbessert

Die Menschen, die im Winter 2010/11 begannen, auf die Straße zu gehen, hatten große Hoffnungen. Sie wollten bessere wirtschaftliche Bedingungen und hofften auf Demokratie. In Tunesien haben sich die Hoffnungen teilweise erfüllt: Wenn auch die wirtschaftliche Situation immer noch schlecht ist, so gibt es doch wenigstens eine – mehr oder weniger – funktionierende Demokratie.

Doch in den meisten anderen Ländern sieht die Realität zehn Jahre nach Ausbruch der Revolutionen eher nüchtern aus: Auch in Algerien, Bahrain und dem Jemen kam es zu Kriegen. In Ägypten ist der frühere General Abdel Fattah al-Sisi Präsident. Kritiker bemängeln, dass die Unterdrückung noch schlimmer als zu Mubaraks Zeiten sei. In Libyen werden seit einigen Jahren – mit Hilfe der Vereinten Nationen – wieder Gespräche geführt, doch von einem Zustand des Friedens ist das gespaltene Land weit entfernt. In Syrien ist die Bevölkerung müde von den zehrenden Kriegsjahren. Der amtierende Diktator Baschar al-Assad konnte sich gegen die vielen Gegner im Land behaupten und steht bis heute an der Spitze der Regierung.

In Israel hoffen viele auf den Frieden im Nachbarland. Und manche wagen zu träumen: „Wer weiß? Vielleicht gibt es dann sogar Frieden mit Israel im Rahmen der Abraham-Friedensverträge. Ich würde zu gern mal nach Damaskus fahren. Dort soll es den besten Hummus (Kichererbsenbrei) überhaupt geben.“

Von: mh