Möchte Nachfolger von Staatspräsident Reuven Rivlin werden: Der Vorsitzende der Arbeitspartei Amir Peretz

Möchte Nachfolger von Staatspräsident Reuven Rivlin werden: Der Vorsitzende der Arbeitspartei Amir Peretz

Amir Peretz will Staatspräsident werden

Israels Wirtschaftsminister Peretz will sich als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten aufstellen lassen. Der Sozialist, der vergangenes Jahr mit seinem Schnurrbart für Wirbel sorgte, gilt als Wegbereiter für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“.

Amir Peretz ist in jeder Hinsicht eine imposante Erscheinung. Populär wurde der Vorsitzende der Arbeitspartei (Avoda) auch durch seinen über Jahrzehnte gepflegten Schnurrbart, den er sich im August 2019 in einer hochdramatischen „Lies meine Lippen“-Geste abrasierte: „Ich habe beschlossen, meinen Schnurrbart zu entfernen, damit ganz Israel genau versteht, was ich sage, und meine Lippen lesen kann: Ich werde nicht mit Bibi zusammensitzen.“ Jetzt will der derzeitige Wirtschaftsminister Staatspräsident werden.

Mit der Ankündigung, nicht mit Premierminister Benjamin Netanjahu, zusammensitzen zu wollen, meinte er, dass seine damalige Partei Avoda-Gescher niemals einer von Netanjahu geführten Regierung beitreten würde. Seine Auftritte sind oft von theatralischer Komik. Aber er hat Israel einen entscheidenden Dienst erwiesen, als er im Februar 2007 als Verteidigungsminister „Iron Dome“ als Raketenabwehrsystem der israelischen Armee auswählte.

Die Sache mit dem Schnurrbart

Im marokkanischen Bujad geboren und als Kind nach Israel gekommen, wohnt der 68-Jährige jetzt in Sderot, einer von Raketen der Hamas im Gazastreifen immer wieder beschossenen Grenzstadt. Dort wohnte die Familie auch, als seine Eltern nach Israel kamen. Die heutige Stadt Sderot war damals ein Durchgangslager. Peretz’ Vater, früherer Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Marokko, fand Arbeit in einer Fabrik, seine Mutter arbeitete in einer Wäscherei.

Der derzeitige Wirtschaftsminister war auch schon Verteidigungsminister sowie Umweltminister. Doch Karriere hat er vor allem als Gewerkschafter gemacht, und ja: Der Mann ist jetzt auch ohne Schnauzer Wirtschaftsminister im Kabinett Netanjahus. Doch die Sache mit dem Schnurrbart scheinen ihm seine Fans nicht weiter übel zu nehmen.

Sämtliche israelische Medien berichteten darüber, als sich Peretz vor einem Jahr den Schnurrbart abrasieren ließ und versprach, niemals mit Netanjahu zu koalieren

Sämtliche israelische Medien berichteten darüber, als sich Peretz vor einem Jahr den Schnurrbart abrasieren ließ und versprach, niemals mit Netanjahu zu koalieren

Wenig Glück mit der Arbeitspartei

Große Aufmerksamkeit erhielt der Orientale, als er sich 2019 an die Spitze der traditionell nach Europa ausgerichteten sozialistischen Arbeitspartei stellte. Viel Glück hatte er damit nicht. Diese traditionelle Linkspartei hatte einst den Staat Israel mitbegründet und jahrelang mit absoluter Mehrheit im Parlament die Geschicke des Landes im Alleingang gelenkt. Mit Peretz in der Führung schien ihr Untergang bei den jüngsten Wahlen unausweichlich. Tatsächlich schrammte sie knapp an der Sperrklausel von 3,25 Prozent vorbei und zog mit nur noch drei Abgeordneten in die Knesset ein.

Peretz rasierte übrigens 2002 zum ersten Mal seinen Schnurrbart ab, als die Vereinigung der Gehörlosen des Landes ihn kontaktierte, weil man seine Lippen nicht lesen könne. Zu den Besonderheiten dieses Politikers gehört unbedingt auch seine Masche, lautstark knappe Parolen von sich zu geben.

Vom „Iron Dome“–Minister zum Staatspräsidenten?

Als Vorsitzender der gescheiterten Arbeitspartei gehört Peretz heute zwar nicht zu den Schwergewichten der israelischen Innenpolitik. Gleichwohl ist er im Lande sehr populär. Jedes Kind kennt ihn. Und so verwundert es nicht, wenn er im Rundfunk verkündet, sich als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten aufstellen lassen zu wollen. Im kommenden Jahr endet die siebenjährige Kadenz des derzeitigen Präsidenten Reuven Rivlin. Eine Wiederwahl ist in Israel nicht möglich.

Wer dann gewählt wird, ist natürlich unklar. Ob mit oder ohne Parolen oder Schnurrbart: alberne Komponenten sagen nichts über den Erfolg einer Sache aus. Das von Peretz favorisierte Verteidigungssystem ist das beste Beispiel dafür. Einer der führenden Entwickler des „Iron Dome“ sagte gegenüber der Zeitschrift der Technischen Hochschule (Technion) in Haifa, „Hajadan“, dass aus Zeit- und Budgetgründen einige der Raketenkomponenten des „Iron Dome“ aus einem Spielzeugauto stammen. Dieses habe er für seinen Sohn in einem örtlichen Geschäft gekauft.

Kritiker haben anfangs nicht an den Erfolg des Raketenabwehrsystems „Eisenkuppel“ geglaubt

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Auch das „Iron Dome“-System sei nicht für Schwergewichte ausgelegt. Es wurde laut „Hajadan“ so konzipiert, dass es von einer durchschnittlichen israelischen Soldatin mit einer Größe von 160 Zentimetern problemlos bedient werden kann. Zu Beginn sagten zudem viele Kritiker voraus, dass „Iron Dome“ niemals funktionieren würde. Bis der seltsam aussehende Kasten schon beim ersten Einsatz acht von acht auf Aschkelon und Be'er Scheva gerichtete Raketen zerstörte.

Die Stadt Sderot in Südisrael ist seit Jahren Ziel palästinensischer Raketenangriffe

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Fans? Nicht nur in Sderot

Amir Peretz vereint in seiner Person so ziemlich alle in Israel gängigen negativen Vorurteile – und er ist stolz darauf. Mehr noch, sie begründen seine Popularität: Er ist ein Orientale aus Marokko. Die gelten in manchen Kreisen per se als „ungebildet“. Er scheint unfähig, auch nur einen einzigen vernünftigen Satz auszuformulieren und zudem wohnt er auch noch in Sderot – das ist vom hippen Tel Aviv aus gesehen die allertiefste Provinz, wo nur die Ungebildeten das Sagen haben. Die Krönung des Ganzen ist die Geschichte mit seinem Schnauzbart. Peretz könnte also durchaus den Zuschlag erhalten und der nächste Staatspräsident werden. Seine Fans sitzen jedenfalls nicht nur in seiner Heimatstadt.

Von: Ulrich W. Sahm

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