Normalisierung mit Israel ist bei den Herrschenden im Gazastreifen unerwünscht

Normalisierung mit Israel ist bei den Herrschenden im Gazastreifen unerwünscht

Hamas bestraft Palästinenser für Videokonferenz mit Israelis

Palästinenser in Gaza tauschen sich via Internet mit Israelis über die Corona-Lage aus. Da die Hamas derlei Aktionen als „Verrat“ wertet, lassen die Festnahmen nicht lange auf sich warten. Eine undurchsichtige Rolle spielt eine ehemalige Mitarbeiterin von Amnesty International.

GAZA (inn) – Für die im Gazastreifen herrschende Hamas ist jegliche „Normalisierung mit Israel“ gleichbedeutend mit „Spionage“ und „Verrat“. Das hat die Terrorgruppe in den vergangenen Tagen erneut deutlich gemacht. Anlass war eine Videokonferenz, bei der sich am 6. April Israelis mit Palästinensern über die Lebensbedingungen angesichts der Corona-Krise austauschten. Sie stand unter dem Motto: „Skype With Your Enemy“ (Skype mit Deinem Feind).

Von palästinensischer Seite waren Friedensaktivisten dabei, aber auch Menschen, die Anstoß an einer Freundschaft mit Israelis nehmen. Insgesamt waren mehr als 200 Teilnehmer über den Videokonferenz-Dienst „Zoom“ zugeschaltet. Fast zwei Stunden währte das Gespräch auf Englisch.

Mehrere Aktivisten festgenommen

Am 9. April nahmen Hamas-Sicherheitskräfte einen der beteiligten Aktivisten aus dem Gazastreifen, Rami Aman, fest. Er gründete vor zehn Jahren das Gaza-Jugendkomitee, das eine neue Generation von Leitern formen will, die an Frieden glauben. Zwei Tage nach ihm wurden sechs weitere Palästinenser in Gewahrsam genommen, wie die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) am Dienstag berichtete.

Der militärische Hamas-Flügel und andere militante Gruppen veröffentlichten eine Erklärung. Darin heißt es: „Normalisierung in all ihren Formen und Aktivitäten ist Verrat, ein Verbrechen sowie religiös, national und moralisch inakzeptabel.“

Das Jugendkomitee organisiert seit fünf Jahren Videokonferenzen mit Israelis. Am 6. April fragte eine israelische Teilnehmerin, wie Menschen im Gazastreifen Hoffnung bewahren könnten, wenn alles so schwierig sei. Aman antwortete, dabei hülfen Projekte – Tanz, oder auch Theaterstücke mit Israelis über eine Onlineverbindung. Zudem habe er vor, Kindern Englisch und Fußballspielen beizubringen.

Eine weitere Frage lautete, ob die Hamas über seine Aktionen Bescheid wisse. Aman erwiderte, er sei oft zum Verhör „eingeladen“ worden. Im vergangenen Jahr habe ihn die Hamas 17 Tage festgehalten. Denn er hatte eine Radtour auf beiden Seiten des Grenzzaunes organisiert, an der auch Israelis teilnahmen. „Sie dachten, dass ich als Spion arbeite, dass ich vielleicht Namen von Kämpfern oder Pläne von Tunneln hinüberschicke“, zitiert die „New York Times“ den Palästinenser. „Ja, es ist gefährlich. Aber wir haben nichts zu verlieren.“

HRW kritisiert Gesetze zum „Normalisierungsverbot“

Auch HRW wies darauf hin, dass der 38-Jährige bereits mehrere Male von der Hamas inhaftiert wurde. So hielt ihn die radikal-islamische Organisation im April 2019 drei Tage lang fest. Er hatte in Sozialen Medien kritisiert, dass Hamas-Sicherheitskräfte Gefangene foltern.

Zum aktuellen Fall und dem „Normalisierungsverbot“ schrieb HRW: „Gesetze, die von den Hamas-Behörden in Gaza erlassen wurden, kriminalisieren alle sozialen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen, sportlichen oder anderen Aktivitäten mit ‚dem zionistischen Feind‘.“

Palästinensische Journalistin: „Ich bin nicht die Hamas“

Indes erhob eine freie Journalistin in Gaza, Hind Chudary, am 9. April auf Facebook schwere Anschuldigungen gegen Aman und seine Genossen. Sie verlinkte die Namen von drei Hamas-Vertretern. Die „New York Times“ sieht darin einen Versuch, deren Aufmerksamkeit auf die Videokonferenz zu lenken – und macht sie indirekt für die Festnahme der Aktivisten verantwortlich.

Chudary verwehrte sich am Montag gegen diese Darstellung. Ihre Posts seien nicht ausschlaggebend dafür gewesen, dass die Friedensaktivisten festgenommen wurden. Sie beklagte sich laut der Zeitung „Jerusalem Post“ über Schikanierung: „Ich habe schon viel Mobbing, Drohungen und Hass erlebt, seit der ‚New York Times‘-Artikel veröffentlicht wurde. Ich möchte ein paar Dinge klarstellen, da niemand kam und fragte, was ich von dem halte, was in dem Artikel erwähnt wurde.“ Sie sei weder darüber informiert noch dazu befragt worden.

Weiter beteuerte die Palästinenserin: „Ich bin nicht der Grund für Rami Amans Festnahme, und das ist nicht das erste Mal, dass er festgenommen wurde. Ich bin nicht die Hamas, und ich unterstütze die Hamas nicht. Ich bin eine Palästinenserin, die seit Jahren arbeitet, um mein Volk zu verteidigen, und jeder weiß das. Ich wurde auch schon von der Hamas festgenommen und weiß, wie es sich anfühlt.“

Auf die Hamas-Vertreter hat Chudary nach eigener Aussage nicht verlinkt, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Vielmehr sei Aman bereits früher „nach den gleichen Normalisierungsaktivitäten“ freigelassen worden. Manche Leute hätten Hamas-Vertretern vorgeworfen, dass sie wussten, was er tat. Sie forderte eine klare Haltung dazu, wie diese Aktivitäten von Gaza aus passieren. „Ich möchte, dass alle Normalisierungsaktivitäten, die er mit Israel von Gaza aus unternimmt, sofort aufhören, weil jegliche gemeinsame Aktivitäten, Zusammenarbeit oder Dialog mit Israelis inakzeptabel sind, selbst Kontakt mit israelischen ‚Friedensaktivisten‘.“

Mitarbeiterin bei Amnesty International?

Chudary weist sich in ihren persönlichen Angaben als Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) aus. Deshalb hat die Beobachtergruppe „UN Watch“ eine sofortige Entlassung der Palästinenserin gefordet: „Eine Menschenrechtsgruppe kann nicht eine Komplizin von Hamas-Terror beschäftigen, jemanden, der verursacht, dass Friedensaktivisten inhaftiert und wahrscheinlich gefoltert werden.“

Durch ihre Posts sei klar, dass „Chudary eine langjährige und offene Unterstützerin von Terrorakten von Hamas und Hisbollah gegen Israelis war“. „UN Watch“ forderte eine unabhängige Untersuchung dazu, „wer in der Organisation von Chudarys Unterstützung für terroristische Gewalt wusste“.

AI teilte als Reaktion mit, die Palästinenserin sei nur im März 2019 als freie Mitarbeiterin für die Organisation tätig gewesen. „Hind Chudary hat nicht länger als ein Jahr für Amnesty International gearbeitet und war nur für kurze Zeit als freie Mitarbeiterin angestellt. Ihre persönlichen Ansichten repräsentieren nicht die der Organisation. Es bietet Anlass zu tiefer Sorge, wenn das Wohl irgendeiner Einzelperson in Gefahr gebracht wurde.“

Chudarys Tätigkeit habe lediglich darin bestanden, Videomaterial zum Großen Marsch der Rückkehr am Zaun zu sammeln, hieß es weiter. Auch habe sie Misshandlungen von Zivilisten, die gegen die schlechte wirtschaftliche Verhältnisse protestierten, durch die Hamas dokumentiert. Die radikal-islamische Organisation habe sie vor dieser Menschenrechtsarbeit gewarnt und ihr damit gedroht, sie als ausländische Agentin anzuklagen.

Von: eh

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