Der israelische Premier Netanjahu bei seiner Rede in der Choral-Synagoge in Vilnius

Der israelische Premier Netanjahu bei seiner Rede in der Choral-Synagoge in Vilnius

Netanjahu erinnert an ermordete Juden in Litauen

Als erster israelischer Premier hat Netanjahu Litauen besucht. Er erinnert an die 195.000 dort im Holocaust ermordeten Juden und spricht über seine eigenen litauischen Wurzeln. Die Reise war nicht unumstritten.

VILNIUS (inn) – Bei seiner Staatsreise ins Baltikum haben der israelische Premier Benjamin Netanjahu und seine Ehefrau Sara am Sonntag die Choral-Synagoge von Vilnius besucht. In der litauischen Hauptstadt ist es die einzige Synagoge, die den Zweite Weltkrieg überdauert hat. In Anwesenheit des litauischen Außenministers Linas Linkevicius sprach der Premier über die dort ermordeten Juden im Holocaust, seine litauische Familengeschichte und aktuelle Gefahren für Israel.

„Meine Familie hat tiefe litauische Wurzeln“, erzählte der Premier laut einer Mitteilung seines Büros. Von beiden elterlichen Seiten sei er ein litauischer Jude. Er sei ins ehemalige jüdische Wilnaer Ghetto als der „Kopf eines stolzen, starken und fortschrittlichen jüdischen Staates“ zurückgekehrt. In den 75 Jahren seither hätten aber nicht die Versuche abgenommen, das jüdische Volk zu zerstören. Der Iran und die Hamas sprächen öffentlich über die Absicht, Israel zu zerstören. „Was sich verändert hat, ist unsere Möglichkeit, uns selbst zu verteidigen“, sagte Netanjahu.

„Am Samstag sind wir durch die Straßen des Wilnaer Ghettos gelaufen“, ergänzte der Premier. „Wir haben die jüdischen Wohnungen gesehen. Sara sagte, sie habe die Gesichter der kleinen jüdischen Kinder von vor 75 Jahren gesehen.“ Sie hätten das jüdische Theater betrachtet und geglaubt, die Violinenmusik von damals hören zu können.

„Wir haben den jüdischen Widerstand im Ghetto wahrgenommen“

Auch die Ruinen der knapp 100 jüdischen Synagogen seien ihnen nicht entgangen. Die Barrikaden seien ihnen aufgefallen, wo Jechiel Scheinbaum und seine Kameraden bis zum Tod gegen die Nationalsozialisten gekämpft hätten. „Wir haben den jüdischen Widerstand im Herzen des Ghettos wahrgenommen“, sagte Netanjahu. Ihren aufgehängten Bildern an den Wänden des Ghettos hätte er gerne zugerufen: „Wir sind hier, wir sind zurück und am Leben.“

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten mehr als 200.000 Juden in Litauen. Vilnius galt als das „Jerusalem des Nordens“. Bei der deutschen Besatzung wurden unter Mithilfe von Kollaborateuren um die 195.000 Juden ermordet. Heute leben rund 3.000 Juden in Litauen.

V.l.n.r.: Der israelische Premier Benjamin Netanjahu mit dem lettischen Premier Maris Kucinskis, dem litauischen Premier Saulius Skvernelis und dem estnischen Premier Juri Ratas

V.l.n.r.: Der israelische Premier Benjamin Netanjahu mit dem lettischen Premier Maris Kucinskis, dem litauischen Premier Saulius Skvernelis und dem estnischen Premier Juri Ratas

Der israelische Premier betonte die Gemeinsamkeit von Israel und Litauen. Die beiden Länder seien kleine Demokratien, die sich Herausforderungen selbstbewusst stellen würden. Diese könnten gemeinsam noch besser gelöst werden.

Ebenfalls zum ersten Mal nahm Netanjahu am Baltischen Gipfel teil. Am Freitag traf er den litauischen Premier Saulius Skvernelis, den lettischen Premier Maris Kucinskis und den estnischen Premier Juri Ratas. Sie sprachen über die Verbesserung ihrer diplomatischen Bündnisse. Sie wollen in der Zukunft vor allem auf dem Hightech- und Sicherheitssektor enger zusammenarbeiten.

Kritik an Netanjahus Besuch

Netanjahus Besuch in Litauen war nicht unumstritten. Der israelische Nazijäger Efraim Zuroff kritisierte die diplomatische Annäherung an das baltische Land. In dessen Augen haben die Litauer nicht genug getan, um ihre Rolle im Holocaust zu hinterfragen. Ein Facebook-Zitat von Zuroff lautet: „Die litauische Regierung zu loben, dass sie der Scho'ah gedenkt, ist so, als ob man den Ku-Klux-Klan für sein Bestreben lobt, die Rassen-Beziehungen in den USA zu verbessern.“

Netanjahu hatte sich bei seiner Rede in Vilnius bei der litauischen Regierung für ihr „Einstehen gegen Antisemitismus und für die Wahrheit“ bedankt. Der Premier besuchte auch mit seiner Frau Sara das Mahnmal für jüdische Opfer in Panerriai, was früher Ponary hieß. Dort wurden bei Massakern mehr als 100.000 Russen, Polen und Litauer von den Nazis umgebracht. Schätzungen zufolge waren darunter bis zu 70.000 Juden.

Ein litauisches Forschungszentrum hat über die vergangenen Jahrzehnte 2.000 Litauer identifiziert, die verdächtigt werden, am Holocaust beteiligt gewesen zu sein. Gleichzeitig sind 900 Litauer von Israel mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden. Diese Auszeichnung erhalten Menschen, die ihr Leben für jüdische Mitbürger während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt haben. Als Litauen Teil der Sowjetunion war, wurde der Holocaust tendenziell verschwiegen oder verdreht dargestellt. Eine richtige Aufarbeitung begann erst, als sich Litauen im Jahr 1990 von Russland löste.

Von: mm

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