Zwischen Ramallah und Nablus entsteht Rawabi - die erste palästinensische Planstadt.
Zwischen Ramallah und Nablus entsteht Rawabi - die erste palästinensische Planstadt.

Rawabi – die goldene Stadt

Im Westjordanland hat die erste palästinensische Planstadt ihre Tore geöffnet: Rawabi. Hochmodern, grün und futuristisch gilt sie als Vorzeigeobjekt. Hinter dem Projekt steht der Geschäftsmann Baschar al-Masri, einer der reichsten Männer in den Palästinensischen Autonomiegebieten.

Rawabi bedeutet „Hügel“. Warum gerade dieser Name für die auf dem Reißbrett entworfene Stadt gewählt wurde, wird schnell klar: Während palästinensische Ortschaften meist in Tälern liegen oder sich an Hänge schmiegen, so liegt Rawabi direkt auf einem Hügel, zwischen Ramallah und Nablus. Die ersten Bauarbeiten für die neue Stadt begannen im Januar 2010. Fünf Jahre später – im August dieses Jahres – zogen die ersten 600 Familien ein. Insgesamt sollen in Rawabi 6.000 Wohnungen entstehen. Sie bieten Platz für bis zu 40.000 Menschen.

Begonnen hat alles mit dem Wunsch Baschar al-Masris, „beim Aufbau einer Nation zu helfen und Möglichkeiten für mein Volk zu schaffen“. Eine neue Stadt sollte entstehen – mit geringeren Mietpreisen als im benachbarten Ramallah und jeder Menge neuen Arbeitsplätzen. „Wir wollten uns zuerst einmal selbst beweisen, dass wir einen palästinensischen Staat bauen können. [...] und wir wollten der Welt unsere Fähigkeit zu bauen zeigen. Uns geht es um Aufbau, nicht um Zerstörung“, sagte Al-Masri laut der israelischen Tageszeitung „Yediot Aharonot“.

„Schämen uns nicht für Zusammenarbeit mit Israel“

Rawabi liegt in der Zone A des Autonomiegebietes, die vollständig unter palästinensischer Kontrolle steht. An einer Zusammenarbeit mit Israel kommt Al-Masri dennoch nicht vorbei: Für den Bau einer neuen Straße und den Anschluss an die Wasserversorgung benötigte er die Genehmigung der Israelis, da sich diese Bereiche auf Zone C ausweiten. Dieses Gebiet wiederum steht vollständig unter israelischer Kontrolle. Seine Kooperation mit Israel stößt bei einigen Palästinensern auf Ablehnung. Sie sehen darin eine „Normalisierung der Besatzung“. Ein Vertreter der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO), Wasel Abu Jussef, sagte gegenüber der Nachrichtenseite „Al-Monitor“: „Alle palästinensischen Fraktionen und Nichtregierungseinrichtungen, sowie das palästinensische Volk haben die Entscheidung getroffen, die Besatzungsmacht zu boykottieren. Das ist etwas, das für alle gelten sollte, Rawabi eingeschlossen.“

Doch Al-Masri steht zu seiner Zusammenarbeit mit Israel: „Unsere Beziehung mit israelischen Unternehmen ist sehr gut. Wir verstecken sie nicht und wir schämen uns deshalb nicht.“ Eine solche Einstellung hatte der Palästinenser nicht immer. In seiner Jugend saß er unter anderem wegen Steinewerfens auf Israelis mehrmals in israelischer Haft. „Als Kind habe ich an Gewalt geglaubt“, erzählte er dem US-amerikanischen Wochenmagazin „Time“. Während der sogenannten „ersten Intifada“ war er weniger in der Öffentlichkeit aktiv und beteiligte sich mehr an der Planung von Aktionen gegen Israel.

Tausende neue Arbeitsplätze

Al-Masri studierte in Großbritannien und den USA Chemie-Ingenieurswesen und Management. Er arbeitete viele Jahren im Ausland – Marokko, Libyen, Jordanien und Ägypten waren Stationen in seinem Leben. Die Zeit im Ausland habe ihn irgendwann zum Nachdenken über seine Heimat und über seine Landsleute gebracht. „Sie befanden sich in einer jämmerlichen Situation – keine Arbeit, nichts zu tun“, sagte er laut „Time“. Zu einer Rückkehr in die Autonomiegebiete hätten ihn schließlich die Oslo-Abkommen 1994 ermutigt. Seinem Wunsch, die wirtschaftliche Situation für seine Landsleute zu verbessern, ist der 54-Jährige mit dem Bau von Rawabi ein großes Stück näher gekommen: Etwa 10.000 Arbeitsplätze seien dadurch entstanden. Ein Drittel der Ingenieure und Architekten seien Frauen, berichtet das „Time“-Magazin.

Größtes Amphitheater im Nahen Osten

Die Palästinenser haben ihrer neuen Stadt bereits einen Beinamen gegeben. Sie nennen sie „die goldene palästinensische Stadt“. Im Licht der Sonne leuchten die aus weiß-, gelb- und graufarbenen Steinen erbauten Häuser. Überhaupt legen die Planer Wert auf gutes Aussehen: Satellitenschüsseln und die im Süden oft typischen Wassertanks auf den Dächern sind nicht zu sehen. Sämtliche Kabel verlaufen unter der Erde. Auch Umweltfreundlichkeit wird groß geschrieben: Das Regenwasser wird aufgefangen, das Abwasser für die weitere Nutzung wieder aufbereitet. Spezielle Isolierung in den Häusern sorgt für Wärme im Winter und Kühle im Sommer. Bis zu 30 Prozent Energieeinsparung sei gegenüber herkömmlichen palästinensischen Häusern möglich, schreibt „Yediot Aharonot“.

Die Planstadt soll ihren Einwohnern einen Lebensstil ermöglichen, den sie aus westlichen Filmen kennen, heißt es in dem Bericht. Kinos, ein eigenes Krankenhaus, ein eigenes Schulsystem, ein Freizeitbad, ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Einkaufszentrum, in dem weltbekannte Marken geführt werden, eine Moschee und auch eine Kirche soll es in Rawabi geben. Sogar ein Amphitheater im römischen Stil ist im Bau. Mit Platz für 15.000 Menschen soll es das größte im Nahen Osten werden.

Die Kosten für den Bau Rawabis belaufen sich auf mehr als 1,2 Milliarden Dollar. Die Finanzierung erfolgt durch Al-Masris Firma „Massar-Holding“ und die „Diar Real Estate Investment Company“ aus Katar.

Mut zu weiteren Projekten

Einer der ersten Bewohner Rawabis ist die Chemie-Lehrerin Hanadi Abu Sahra. Sie und ihr Mann Bassem haben eine 195 Quadratmeter große Wohnung für sich und ihre drei Kinder gekauft. Von der Modernität und dem Komfort ihrer Wohnung ist die Familie begeistert. Sie hofft, dass nun bald die Schulen in Rawabi fertiggestellt sind. Noch müssen die Kinder für den Unterricht nach Ramallah pendeln.

Auch Chaled al-Nahle gehört mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen zu den ersten Bürgern. Da viele Gebäude noch im Bau seien, fühle es sich manchmal an wie in einer Geisterstadt, sagte der Palästinenser gegenüber dem Nachrichtensender „i24News“. Aber in seiner Wohnung fühle er sich sehr wohl. „Die Kinder können vor der Haustür spielen, alles ist gut. Selbst die Bauarbeiten neben meinem Haus sind in Ordnung.“ Die Kosten für die Wohnung seien zwischen 20 und 25 Prozent niedriger als in Ramallah.

Geht es nach Al-Masri, wird es nicht bei dieser einen Planstadt bleiben: „Wir wollen andere dazu ermutigen, Rawabi 2 und Rawabi 3 und Rawabi 4 und Rawabi 5 zu bauen. Das Land braucht mindestens fünf Projekte wie Rawabi.“ (dn)

Von: Dana Nowak