Peres und EU-Ratspräsidentin gedenken litauischer Schoah-Opfer

WILNA (inn) – Der jüdische Staat ist lebendiger Ausdruck des Sieges über die Schoah. Dies sagte Staatspräsident Schimon Peres am Donnerstag bei einer Gedenkzeremonie für Opfer der Judenverfolgung in Litauen.
Peres und die litauische Staatspräsidentin Grybauskaitė an der Gedenkstätte im "Mordtal von Ponar"

Peres nahm mit der litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaitė an der Veranstaltung in Ponar, einem Viertel der Hauptstadt Wilna, teil. In der Landessprache heißt der Ort Paneriai. Dort hatten die Nationalsozialisten während der deutschen Besatzung mehr als 70.000 Juden ermordet. Die beiden Staatsoberhäupter schritten vom Denkmal für die Opfer der Erschießungen zu einem Massengrab. Die Gruben, die dafür dienten, hatte die sowjetische Besatzungsmacht als Kraftstofflager ausgehoben, das aber nie dafür benutzt wurde. Begleitet wurden die Staatschefs von der Überlebenden Fania Kalinski, die ihnen das Schicksal ihrer Familie nahe brachte.
In seiner Ansprache 70 Jahre nach der Auflösung des Wilnaer Ghettos sagte Peres: „Die Farbe der idyllischen Landschaft, die uns von allen Seiten umgibt, ist grün, aber die Erde ist rot von Blut. Im Mordtal von Ponar gab es keine Gaskammern. Nur direkten physischen und gezielten und vorsätzlichen Mord, bei dem die Mörder immer wieder abdrückten. 500-mal pro Tag. Einen Tag nach dem anderen. Ohne Unterlass. Ohne Reue. Ohne noch einmal nachzudenken. Überhaupt ohne einen Gedanken. So dauerte das Morden an. Die Geschichte hatte noch nie eine solche Grausamkeit gekannt.“
Peres fügte laut einer Mitteilung des israelischen Präsidialamtes hinzu: „Der Staat Israel ist der lebende Sieg über die Schrecken der Schoah. Die Festung der Überlebenden. Der Sinn der Hoffnung von sechs Millionen Juden. Die Fortsetzung der abgebrochenen Träume von anderthalb Millionen Kindern, deren Leben gefällt wurde. Das Blut, das im Staub von Ponar aufgesaugt wurde, wird nicht gesühnt werden, bis die Lehre daraus zum Erbe der gesamten Menschheit wird.“ Weiter sagte das Staatsoberhaupt: „Wir verpflichten uns, an den Schatten der Vergangenheit zu erinnern, aber auch die Zukunft zu erhellen.“

„Sie waren unsere Freunde und Nachbarn“

Grybauskaitė würdigte den positiven Einfluss der jüdischen Gemeinschaft auf Litauen: „Wir stehen auf dem Land, wo das Blut Tausender unschuldiger Menschen vergossen wurde“, zitiert sie das litauische Präsidialamt. „Wahrscheinlich wäre es richtig, schweigend hier zu stehen, weil es schwierig ist, die Worte zu finden, die das Übel des Holocaust beschreiben. 100.000 Menschen, die meisten von ihnen Juden, wurden hier während des Zweiten Weltkrieges in einem Massenmord getötet. Alle von ihnen hatten Namen, Familien, ein Zuhause und einen Beruf. Sie waren unsere Freunde und Nachbarn, die in Litauen und für Litauen lebten und arbeiteten.“
Die derzeitige EU-Ratspräsidentin fuhr fort: „Die Zeit wird niemals die schmerzliche Leere ausfüllen, die sich in unseren Herzen aufgetan hat, nachdem wir die fleißige und kreative Gemeinschaft verloren hatten, die das Jerusalem des Nordens aufgebaut hatte. Indem wir an die Vergangenheit erinnern, lasst uns unsere Zukunft bauen. Wir müssen derer gedenken, die umkamen, und sie ehren. Wir müssen auch an diejenigen erinnern, die angesichts der Schrecken des Holocaust Hoffnung und Licht brachten – die Gerechten unter den Völkern, die ihr eigenes Leben riskierten und Hunderte Juden retteten. Ihnen gilt ewiger Respekt.“ Mehr als 830 Litauer haben diesen Ehrentitel erhalten, den das jüdische Volk ausschließlich an Nichtjuden verleiht.
An der Zeremonie nahmen Hunderte Vertreter der jüdischen Gemeinde, Überlebende und der Rabbiner von Wilna teil. Peres sprach das aramäische Gebet für Trauernde, das Kaddisch.
Zuvor hatten die beiden Staatsoberhäupter das Toleranzzentrum des jüdischen Museums besucht. Dort erhielten sie Einblick in das kulturelle Erbe und die zeitgenössische Kunst litauischer Juden. Auch die Bildungsprogramme, die Menschen in dem baltischen Staat über die Schoah informieren sollen, wurden vorgestellt.

Litauen will Beziehungen ausbauen

Bereits am Mittwoch hatte Grybauskaitė bei einem Treffen mit Peres die Verbindungen zwischen den beiden Ländern gelobt: „Gute und enge Beziehungen mit Israel beizubehalten, liegt in Litauens Interesse. Wir haben die Absicht, die schmerzliche Vergangenheit zu bewerten und nach vorne in die Zukunft zu schauen, indem wir bilaterale Beziehungen aufbauen, die auf Freundschaft, gegenseitigem Respekt und Verständnis gründen.“ Dies erhoffe sie sich vor allem in den Bereichen Innovation, Biotechnologie und Forschung. Die Präsidentin begrüßte die Wiederaufnahme der Friedensgespräche in Washington durch die Initiative von US-Außenminister John Kerry.
Peres dankte Litauen für dessen Unterstützung bei der Entscheidung der EU, den militärischen Arm der Hisbollah auf die Terrorliste zu setzen. Hingegen kritisierte er den Beschluss, wirtschaftliche Verträge auf das Gebiet innerhalb der „Grünen Linie“ zu beschränken, als schädlich für die Verhandlungen: „In dieser Zeit sollte man keine Schritte und Pläne unternehmen, die die Gespräche stören. Wenn die Europäische Union den Prozess unterstützen will, den Außenminister Kerry führt, muss sie die Entscheidung vertagen und es den beiden Seiten überlassen, die Grenzen festzulegen.“
Das israelische Staatsoberhaupt fügte hinzu: „Wenn die Europäische Union den Friedensprozess unterstützen will, muss sie es den beiden Seiten ermöglichen, selbst zu einem Abkommen zu gelangen und nicht durch Druck. Ich habe darum gebeten, dass man die Entscheidung zumindest um neun Monate verschiebt, so lange, wie die Verhandlungen andauern.“
Grybauskaitė kündigte an, die Problematik in der nächsten Sitzung der EU-Außenminister zu thematisieren. Litauen hat seit dem 1. Juli die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union inne.

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