Per Satellitensender und Radar – Knotenpunkt der Vogelmigration

Kapital will Dr. Jossi Leschem aus der weltweiten Vogelgrippenpanik schlagen. Das gibt der israelische Zoologe ganz unumwunden zu. Als Gründer und Leiter des Internationalen Studienzentrums für Vogelmigration in Latrun – auf halbem Wege zwischen Tel Aviv und Jerusalem gelegen – bietet Leschem seiner Regierung Daten über den Gesundheitszustand der osteuropäischen Zugvogelbevölkerung, wenn sie dafür bezahlt. Umgerechnet 400.000 Euro erhofft er sich vom Gesundheitsministerium für seinen Beitrag im Kampf gegen die Vogelgrippe.

Israel liegt am Schnittpunkt dreier Kontinente. „Aus politischer Sicht ist das ein Desaster“, witzelt Jossi Leschem, „aus ornithologischer Sicht eine Sensation.“ Zweimal im Jahr ziehen 500 Millionen Vögel auf dem Weg von Eurasien nach Afrika und zurück über das Land hinweg. Tagsüber sind es die großen Vögel: Kraniche, Pelikane, Störche und Greifvögel. Im April 2005 passierte beispielsweise ein Schwarm von 105.000 Weißstörchen in nur fünf Stunden das Land in Richtung Norden – fast 25 Prozent der Störche, die Israel pro Saison überfliegen, auf einmal. Nachts sind riesige Schwärme von Singvögeln unterwegs, die nicht auf die Thermik angewiesen, aber lieber in der Kühle der Nacht unterwegs sind.

Auch die Dichte der Kampfflugzeuge im israelischen Luftraum ist ein Weltrekord – die genaue Anzahl der israelischen Kampfflugzeuge ist ein Militärgeheimnis. Ganz „un-heimlich“ dagegen ist, dass Israel in 25 Jahren neun Flugzeuge durch Zusammenstöße mit Vögeln verloren hat. Drei Piloten kamen dabei ums Leben. Allein zwischen 1972 und 1982 – noch bevor die Luftwaffe aus dem riesigen Übungsgebiet des Sinai nach Israel zurück verlegt werden musste – gab es 75 Kollisionen, bei denen jeweils mehr als eine Million Dollar Sachschaden entstand. Der Konflikt mit den Zugvögeln ist ein ernsthaftes Problem für die israelische Armee.

In Zusammenarbeit mit Leonid Dinewitsch, einem Radarspezialisten und ehemaligen General der Roten Armee, der nach Israel eingewandert ist, brachte Jossi Leschem ein Wetterradar von Russland nach Israel. Genau verfolgen die Vogelfreunde das Verhalten der Vogelschwärme, ihre Flugroute, Geschwindigkeit und die Höhe, in der sie sich fortbewegen, und wo sie rasten. Diese Daten geben sie an die Armee weiter. Resultat: Die Kollisionen der so verschiedenartigen Luftwegsbenutzer konnten um 76 Prozent reduziert werden. Wenn die Pelikangeschwader vom Donaudelta in den Sudan fliegen, bleiben die Verteidigungsgeschwader am Boden, oder nutzen einfach eine andere Luftschicht.

„Die Vögel sollten als Potential wahrgenommen werden“, meint Dr. Leschem, „das genauso wichtig ist, wie die Geschichte und Archäologie des Landes.“ Heute schon hat das Huletal im äußersten Norden Israels 30.000 Besucher pro Vogeldurchzugssaison, und 115.000 Deutsche kommen jährlich als „Birdwatchers“ in das Vogelparadies zwischen Metulla und Eilat.

Außerdem haben die Vögel Macht, Menschen zu verbinden. Jossi Leschem weiß, wovon er redet. Im Rahmen seiner Arbeit hat er nicht nur Palästinenser zu Vogelspezialisten ausgebildet, sondern auch Generäle der jordanischen Luftwaffe in Latrun begrüßt und sie salutieren sehen – wo sich Israelis und Jordanier im israelischen Unabhängigkeitskrieg eine ihrer verlustreichsten Schlachten geliefert haben.

Große Vögel haben die Vogelexperten mit Satellitensendern ausgerüstet. Auf diese Weise kann heute jeder über die Webseite Jossi Leschems,
www.birds.org.il, mit verfolgen, wie der Gänsegeier Salam von Gamla in den Golanhöhen aus seine Runden bis in den Jemen an der Südspitze der Arabischen Halbinsel zieht. Seit einem Jahrzehnt verfolgen die Ornithologen im Rahmen eines deutsch-israelischen Projekts das Storchenpärchen Prinzesschen und Jonas, das in Loburg seinen Nistplatz hat. Prinzesschen überwintert regelmäßig auf ein und demselben Baum in Kapstadt in Südafrika, während ihr Mann Jonas in Spanien Winterurlaub macht. Ein Pelikan wurde im Sudan gefasst und wegen des israelischen Senders als Mitarbeiter des Geheimdienstes Mossad verdächtigt.

Leschem und seine Mitarbeiter träumen von einem überregionalen Überwachungsnetz, das sich von der Türkei bis nach Mosambik, das heißt über den gesamten syrisch-afrikanischen Graben, erstreckt. Unter der Führung des jüdischen Staates kann die israelische Initiative nichts werden. „Zu viele Staaten haben Vorbehalte gegen uns.“ Deshalb hofft Leschem, dass Kenia die Führung des Projekts übernehmen wird. Über eine international zugängliche Datenbank könnten alle Daten weltweit schnell und unkompliziert abrufbar sein. In 13 Überwachungsstationen, die über ganz Israel verteilt sind, könnte Jossi Leschem sofort 500 bis 5.000 Vögel täglich überprüfen.

Amir Balaban vom Jerusalemer Vogelbeobachtungszentrum zeigt, wie die Praxis der Vogelzugüberwachung aussieht. Zwischen der Knesset und dem Obersten Gerichtshof konnten die Vogelfans mitten im Zentrum ein Stück Land ergattern. Eifersüchtig wachen sie darüber, dass ihr Gewirr aus Unkraut und verfaulten Bäumen nicht den Grundstücksspekulanten und Stadtbauern zum Opfer fällt. Jedes Jahr pflanzen wir weitere Bäume, um die biologische Vielfalt unserer Oase zu erweitern.

Hier können die Wanderer, in diesem Falle vor allem Singvögel, auftanken. Innerhalb einer Woche fressen sich die kleinen Vielflieger 25 Prozent ihres Fettgehalts an. Die Vögel werden in Netzen gefangen, beringt, gewogen, gemessen und so schnell wie möglich wieder in die Freiheit entlassen. Anhand des Fettpolsters kann Balaban ziemlich genau sagen, wann der Vogel in seiner Hand weiterfliegen wird.

Mehr als 40.000 Vögel wurden so schon registriert. Jetzt hoffen die Vogelbeobachter, dass sich die möglichen Finder eines Vogelringes melden und so Daten für das Verhalten der vor allem europäischen Singvögel gesammelt werden können. Das Jerusalemer Vogelbeobachtungszentrum steht übrigens jedem Besucher offen und man kann dort außer Vögeln auch Stachelschweine, Igel, Schlangen, Schakale und manch anderen interessanten Bewohner der Innenstadt Jerusalems beobachten.
(Foto: Johannes Gerloff)

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