Neuer Präsident des Zentralrats wurde in Israel geboren

FRANKFURT/MAIN (inn) - Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Immobilienkaufmann Dieter Graumann zu seinem neuen Präsidenten gewählt. Bei der Abstimmung am Sonntag in Frankfurt am Main war der 60-Jährige einziger Kandidat für die Nachfolge von Charlotte Knobloch. Er ist der erste Präsident, der den Massenmord an den europäischen Juden in der NS-Zeit nicht selbst miterlebt hat.

Nach seiner Wahl forderte der in Israel geborene Graumann eine “frische Perspektive für die jüdische Gemeinschaft” in Deutschland. Er wolle den Zentralrat “fit für die Zukunft machen”. Die Integration der Ostjuden hält er für nötiger denn je. Sie machen rund 90 Prozent der Juden in Deutschland aus. Laut der Nachrichtenagentur dpa will Graumann zudem verstärkt auf die Jugend setzen.

Obwohl er zur Nachkriegsgeneration gehört, ist dem neuen Präsidenten die Erinnerung an die Judenvernichtung wichtig. Allerdings hegt er Zweifel daran, dass die Juden immer nur Dauermahner sein sollten. Vielmehr müsse die jüdische Gemeinschaft künftig stärker sagen, wofür sie ist und steht. Das sei für ihn eine “putzmunter ausgelebte Tradition”. Er wolle auch die starken Seiten zeigen und ein Impulsgeber sein für gesellschaftliche Debatten.

Beim 1. Deutschen Israelkongress in Frankfurt vor vier Wochen hatte Graumann ein härteres Vorgehen und wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran gefordert. Man solle nach dem Motto “Name and shame” (benennen und beschämen) verfahren. Firmen, die Geschäfte mit der Islamischen Republik machten, müssten öffentlich angeprangert werden.

Knobloch wollte Generationenwechsel

Graumann dankte nach der Wahl der bisherigen Präsidentin Knobloch für deren Verdienste um den Zentralrat. Die 78-Jährige hatte im Februar erklärt, dass sie für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung stehe. Sie war Mitte 2006 Nachfolgerin des verstorbenen Paul Spiegel geworden. Nach eigenen Angaben wollte sie “bewusst einen Generationenwechsel herbeiführen”. Knobloch wurde jedoch nachgesagt, dass sie im engeren Führungskreis des Verbandes keinen Rückhalt mehr hatte. Sie war die erste Frau an der Spitze des Zentralrats.

An Graumanns Stelle wurde der 56 Jahre alte Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Würzburg, Josef Schuster, zum Vizepräsidenten des Zentralrats gewählt. Der 67-jährige Vorsitzende der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, wurde als weiterer Vizepräsident im Amt bestätigt. Die drei Präsidiumsmitglieder wurden jeweils einstimmig mit einer Enthaltung gewählt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gratulierte Graumann mit herzlichen Worten zu seiner Wahl. “Mit Leidenschaft und hohem Einsatz haben Sie sich in Ihrer bisherigen Arbeit für das jüdische Leben in Deutschland große Anerkennung und breite Sympathie erworben”, schrieb die deutsche Regierungschefin. “Eine wachsende und zukunftsfähige jüdische Gemeinschaft in Deutschland” liege auch ihr besonders am Herzen. Merkel fügte hinzu: “Ich freue mich daher auf die weitere gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.” Vor einem Monat hatte die Kanzlerin bei einem Besuch der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den jüdischen Beitrag zur Wiedervereinigung gelobt und die israelfeindliche Haltung der DDR angeprangert.

Sohn von Schoah-Überlebenden

Dieter Graumann wurde 1950 als David Graumann im israelischen Ramat Gan geboren. Die Eltern hatten die Nazi-Verfolgung überlebt und waren über ein DP-Lager bei Frankfurt nach Israel ausgereist. Doch bereits nach 18 Monaten kehrten sie mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück. Nach seiner Schulzeit in Frankfurt und der Schweiz folgte ein Studium der Volkswirtschaftslehre in London und der Mainmetropole. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder betreibt eine Liegenschaftsverwaltung in Frankfurt. 2006 wurde Graumann, der seit Jahren aktiv in der Gemeindepolitik der örtlichen Jüdischen Gemeinde engagiert ist und bereits seit 2001 Präsidiumsmitglied des Zentralrats war, dessen Vize-Präsident.

Der 1950 in Frankfurt am Main gegründete Zentralrat der Juden in Deutschland versteht sich als politische Vertretung der jüdischen Gemeinschaft. An der Spitze der Dachorganisation steht der Präsident. Der Zentralrat hat seinen Sitz seit 1999 in Berlin. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat rund 105.000 Mitglieder in 108 Gemeinden. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl vor allem durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion verdreifacht. Vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust lebten etwa 600.000 Juden in Deutschland.

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