Netanjahu mahnt zu atomarer Besonnenheit

"Ich war begeistert von der Idee, zivile Atomreaktoren in Israel zu errichten, aber angesichts der Ereignisse in Japan muss das noch einmal überdacht werden." Das sagte Premierminister Benjamin Netanjahu während der wöchentlichen Kabinettssitzung am Sonntag.

Israel sei ein kleines Land. Jede Umweltkatastrophe könnte dort größeren Schaden anrichten als in einem großen Land wie Japan, fügte Netanjahu hinzu. Das berichtet die Zeitung "Jediot Aharonot". Laut der offiziellen Kabinettserklärung äußerte sich der Premierminister zu dem "globalen Schock" über das Erdbeben in Japan und bot der japanischen Regierung jede gewünschte Hilfe an. Netanjahu forderte vom Vorsitzenden des Ministerausschusses für Erdbeben, Minister Benny Begin, noch in dieser Woche eine Sitzung einzuberufen, um zu erfahren, wie sich der Staat Israel auf mögliche Desaster vorbereitet.

"Jediot Aharonot" berichtet, dass in Israel in jüngster Zeit wieder intensiver die Pläne für den Bau von Atomreaktoren zur Stromherstellung vorangetrieben worden seien. Schon in den 60ziger Jahren sei die Gegend von Schivta in der Negevwüste als möglicher Standort festgelegt worden.

In den letzten Jahren habe die Welt eine "atomare Renaissance" erlebt. Heute gebe es weltweit 443 zivile Atomreaktoren für die Stromherstellung. 62 befänden sich im Bau und 158 in unterschiedlichen Planungsphasen, darunter jeweils ein Atomkraftwerk in Jordanien und in Ägypten.

Solange die Atomreaktoren ohne Pannen arbeiten, seien sie anderen, mit Kohle oder Öl betriebenen Kraftwerken aus Umweltgründen vorzuziehen. Im Falle einer atomaren Katastrophe überwiegt jedoch die Umweltverschmutzung jeden Schaden herkömmlicher Kraftwerke. Die Zeitung zitiert Experten, wonach die Explosionen in den japanischen Kraftwerken einen Wendepunkt bedeuten könnten. Sollten die betroffenen Gebäude standhalten und die Strahlung nur minimal sein, würde es die Befürworter von Atomkraftwerken als sicherer und sauberer Energiequelle stärken. Sollte es jedoch zu massiver Strahlung kommen, könnten viele Länder ihre atomaren Pläne aufgeben oder bestehende Atomkraftwerke schließen.

Wissenschaftler in Sorge

Das Erdbeben in Japan hat israelische Wissenschafter aufgeschreckt. Nach Angaben der Zeitung "Jediot Aharonot" fordern sie eine Stärkung des Reaktors des in den 50ziger Jahren errichteten Atomreaktors in Dimona.

Dr. Uri Friedlander vom Geophysischen Institut Israels sagte dem Online-Dienst der Zeitung (ynet): "Die Bauten in Japan hielten (dem Erdbeben) stand. Die meisten Schäden richtete der Tsunami an."

Ron Avni, Geologie-Professor an der Ben Gurion Universität, sagte, dass man heute über Geologie und Erdbeben mehr wisse, als damals, bei der Errichtung des Atomreaktors in Dimona. Der Reaktor sei zu nah an dem Syro-afrikanischen Bruch (Jordantal und Totes Meer) gebaut worden, einem bekannten Erdbebengebiet. Heute wisse man, dass sich dort die tektonischen Platten pro Jahr zwischen fünf und sieben Millimeter bewegen. Durchschnittlich einmal im Jahrhundert komme es zu einem schweren Erdbeben, und niemand wisse, wie widerstandsfähig der Reaktor in Dimona sei. Das letzte große Beben fand 1927 statt.

Israel sei heute weit besser auf ein Erdbeben vorbereitet als noch vor einem Jahrzehnt. Letztlich habe der Staat jedoch nicht die finanziellen Ressourcen, sich auf ein größeres Erdbeben vorzubereiten.

Israelische Doppeldeutigkeit führte zu Frieden mit Ägypten

In Israel gibt es zwei Atomreaktoren, ein reiner Forschungsreaktor in Nachal Sorek zwischen Tel Aviv und Aschdod sowie ein weiterer "Forschungsreaktor" bei Dimona in der Negevwüste. Gemäß ausländischen Presseangaben wird in Dimona Plutonium für den Bau von Atombomben produziert. Angeblich verfügt Israel über 200 oder 300 Atombomben. Das offizielle Israel hat nie öffentlich eingestanden, Atombomben zu besitzen, dieses aber auch nicht dementiert. Diese Doppeldeutigkeit ist bewusste Politik und hatte im Falle von Ägypten unter Anwar el-Sadat zu dem Friedensvertrag geführt. Sadat war nach eigenen Angaben überzeugt davon, dass Israel eine Atommacht sei. Der ägyptische Präsident hielt den jüdischen Staat für "unbesiegbar" und hielt es deshalb auch wirtschaftlich für sinnvoller, Frieden zu schließen, anstatt den Kriegszustand fortzusetzen.

Seinen Strom, maximal 14.600 Megawatt, bezieht Israel aus mehreren Kraftwerken entlang der Küste. Die Hälfte des Stroms wird aus importierter Kohle gewonnen. Weitere Energiequellen sind aus Ägypten geliertes Erdgas und Schweröl. Alternative Energien wie Wind und Sonne werden bisher kaum eingesetzt. Pflicht ist allerdings seit vielen Jahren bei jedem Neubau die Einrichtung von Wassertanks mit primitiven Solarplatten (Wasserröhre auf schwarzem Untergrund und einer Glasplatte), sodass die Sonne den Israelis immerhin heißes Wasser kostenlos spendet. Weil die Stromproduktion an heißen Tagen bis an die Grenzen der Kapazitäten der bestehenden Kraftwerke gelangt, sind die Israelis immer wieder aufgefordert, tagsüber keine stromfressenden Geräte wie Waschmaschine oder Backofen einzuschalten. Wegen eines zunehmenden Umweltbewusstseins wächst in Israel der Widerstand gegen die mit Kohle oder Schweröl betriebenen Kraftwerke. Überdurchschnittlich viele Kinder leiden an Asthma im Einzugsgebiet jener Kraftwerke.

So wird immer wieder vorgeschlagen, Atomkraftwerke zu errichten, weil sie am saubersten arbeiten. Gleichzeitig kommen Bedenken auf wegen akuter Erdbebengefahr. Die Jordansenke und das Tote Meer sind Teil des Syro-afrikanischen Bruchs, wo zwei Erdplatten aufeinander stoßen. Experten behaupten, dass im Heiligen Land alle 50 Jahre mit einem schweren Erdbeben zu rechnen sei. Erdbeben sind schon in biblischer Zeit registriert worden. Die Städte Sodom und Gomorrha dürften durch ein heftiges Erdbeben zerstört worden sein.

Letztes großes Beben 1927

An vielen historischen Stätten sind die Spuren schwerer Erdbeben leicht zu erkennen, wenn da ganze Säulenreihen in eine Richtung umgestürzt am Boden liegen. 1927 hat das letzte große Erdbeben mit einer Stärke von 6,3 die Stadt Safed (Zefat) in Galiläa völlig zerstört. In Jerusalem sind damals Teile der Al-Aksa-Moschee eingestürzt. In der für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Krypta unter der Moschee am Südende des Tempelberges haben die Briten 1927 wuchtige Betonsäulen einziehen müssen, um das Gebäude zu stützen. Die Briten mussten damals auch das Grab Jesu in der Grabeskirche mit hässlichen Metallschienen verstärken. Diese verschandeln bis heute die heilige Stätte.

Im Jahr 2004 erschütterte ein Erdbeben mit einer Stärke von 5,4 ganz Israel und benachbarte Länder. Bei der Gelegenheit stürzte die Rampe zu dem Mugrabi-Tor des Tempelberges in sich ein, weil Schnee und Regen das Erdreich und die historischen Trümmer unter der Rampe gelockert hatten. Weil Jerusalem in seiner 3000-jährigen Geschichte etwa 19 Mal dem Erdboden gleich gemacht worden ist, vor allem durch Eroberungskriege, ist nach Ansicht von Experten die historische Altstadt besonders einsturzgefährdet. Denn die meisten Häuser sind auf den Trümmern ihrer Vorgänger errichtet worden und stehen nicht auf dem Felsen verankert.

"Die Frage ist nicht, ob es ein schweres Erdbeben in Israel gibt, sondern lediglich, wann", sagen israelische Geologen. Seit den siebziger Jahren gibt es in Israel Vorschriften, Neubauten erdbebensicher zu bauen. Doch ältere Häuser sind den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Zu jeder Hausratsversicherung in Israel gehört automatisch auch eine Erdbeben-Klausel.

Dennoch wünscht sich Usi Elam, Leiter der Abteilung für die Erforschung und Entwicklung von Waffen im israelischen Verteidigungsministerium, möglichst viele Atomkraftwerke, um Israel mit billigem und sauberem Strom zu segnen. Am Sonntag erklärte er im Rundfunk, dass es im winzigen Israel durchaus Gegenden gebe, in denen nicht mit Erdbeben zu rechnen sei. Konkret erwähnte er Schivta in der Negevwüste. Doch eine kurze Recherche ergab, dass die byzantinische Stadt Schivta im 6. Jahrhundert durch ein Erdbeben zerstört und danach verlassen wurde. Befragt, ob von Israels Atomreaktor in Dimona im Falle eines Unglücks oder eines Erdbebens Gefahr ausgehen könnte, winkte Elam ab. Im Vergleich zu den Kraftwerken in Japan, in denen Hunderte Tonnen Uran als Treibstoff verwendet würden, um Tausende Megawatt Strom zu produzieren, könne der Reaktor von Dimona "gemäß ausländischen Quellen" bestenfalls 24 Megawatt erzeugen.

Israelische Firma sichert japanische Reaktoren

Die 2001 gegründete israelische Hightech Firma Magna BSP aus Dimona ist für die äußere Sicherheit jener beiden vom Erdbeben getroffenen japanischen Atomreaktoren verantwortlich. Mit patentierter Technologie kann ihr "passiver Radar" rund um die Uhr Eindringlinge ausmachen. Tests hätten gezeigt, dass das Gerät keine falschen Alarme auslöse. Das sagte im israelischen Rundfunk der Direktor von Magna, Chaim Sibony. Seine Firma habe den Zuschlag für die äußere Absicherung aller 52 japanischen Atomreaktoren erhalten.

Im Januar 2001 begann die Firma, elektro-optische Radarsysteme zu entwickeln. Ursprünglich bestand die Herausforderung in der rechtzeitigen Ortung von Vögeln auf Landebahnen. Dann versuchten die Mitarbeiter mit ihrem inzwischen patentierten Radargerät und einem einzigartigen Algorithmus, "fremde Objekte", also herabgefallene Flugzeugteile, auf den Rollbahnen auszumachen. Nach dem 11. September 2001 wurde die Nachfrage nach Sicherheitstechniken weltweit immer größer. Magna spezialisierte sich darauf, ihren Radar auch auf Menschen zu trimmen, die unbefugt in ein Gelände eindringen wollen.

Bei einem Wettbewerb in Frankreich mit 15 anderen führenden Herstellern von Radargeräten aus aller Welt erlangte Magna den ersten Preis. Es wurden alle erdenklichen Szenarien des Eindringens in Gebäude und Felder durchgespielt, wobei die Technologie der israelischen Firma keinen einzigen falschen Alarm auslöste. Das System liefert in Echtzeit ein dreidimensionales Panoramabild aller beweglichen Objekte im vorbestimmten Beobachtungsgelände.

Das Gerät wurde weiter entwickelt, um Flugzeuge auf Kollisionskurs zu ermitteln. So entstand ein "Anti-Zusammenstoß"-Radar für Flugzeuge. 40 Prozent der Finanzierung dieses Projekts kamen vom israelischen "Chef-Wissenschaftler", also der Regierung.

Die Firma beliefert inzwischen die israelische und die polnische Armee, die NATO, Flughäfen in Frankreich und Israel sowie den Seehafen von Aschdod.

In einer Selbstdarstellung heißt es, zwischen 2006 und 2015 würden weltweit die Ausgaben für einen "totalen Schutz" um 50 Prozent steigen, von 1.400 Milliarden Dollar auf geschätzte 2.054 Milliarden Dollar. Zunehmend berücksichtigen die Verteidigungsbudgets mögliche Terrorattacken auf die Zivilbevölkerung und weniger konventionelle kriegerische Auseinandersetzungen.

Auf der Homepage von Magna heißt es, dass 2003 weltweit nur etwa 12 Prozent der Militärausgaben für den Zivilschutz bestimmt waren. 2015 würden es voraussichtlich 25 Prozent sein.

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