Nachkommen der Überlebenden demonstrieren Resilienz

Viele Überlebende der Schoa und die nachfolgenden Generationen sind besonders resilient. Das zeigt der Bericht einer israelischen Familie bei einer Veranstaltung am Internationalen Holocaust-Gedenktag.
Von Israelnetz


RAMLE (inn) – Zum Thema „Die nachfolgenden Generationen“ haben sich am Dienstagvormittag etwa 300 Holocaustüberlebende in Ramle versammelt. Anlässlich des internationalen Gedenktages waren sie der Einladung der Behörde für die Rechte der Holocaust-Überlebenden gefolgt. Der Internationale Holocaust-Gedenktag ist am 27. Januar. An diesem Datum befreite die Rote Armee 1945 das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Besonders eindrückliche Erlebnisse hatte Familie Raichbach aus der nordisraelischen Stadt Kiriat Schmona zu erzählen. Jehudith Raichbach feierte am Freitag, dem 6. Oktober 2023, ihren 85. Geburtstag. Einige Wochen zuvor hörte sie ihre Kinder darüber sprechen, dass sie sich für das Wochenende in ein Hotel einmieten würden.

Die alte Dame sagte: „Ihr könnt gerne in ein Hotel gehen, kein Problem. Aber ich mag keine Hotels und bleibe zu Hause.“ Als die Kinder sie fragten, was sie stattdessen wünsche, sagte sie, dass sie ihre Kinder, Enkel und Urenkel um sich herum haben wolle. Ihr Mann war ein Jahr zuvor gestorben.

Daraufhin entschieden die Kinder, den Geburtstag bei Jehudiths Tochter zu Hause zu feiern. „Gegen 23 Uhr sind wir nach Hause gegangen. Am darauffolgenden Morgen – ich schaute mir gerade das Rezeptbuch an, das ich von meiner Familie geschenkt bekommen hatte – rief mich meine Freundin an: ‚Jehudith, was machst du gerade? Schalte sofort den Fernseher an, unser Land steht in Flammen!‘“

Bewegte Familiengeschichte

Am Montag nach dem Terrorangriff habe ihre Tochter sie aufgefordert, einen Koffer zu packen und die Stadt zu verlassen. Die Mutter habe sich gewehrt, aber vergeblich. Sie fasst diese Zeit zusammen: „Danach begann für mich eine Zeit, fast anderthalb Jahre, in der ich mich fühlte, als wäre ich in der Diaspora. Als wäre ich ein Waisenkind. Ohne meine Kinder, Enkelkinder und Urenkel in meiner Nähe. Ich, die ich keine Hotels mag, war gezwungen, anderthalb Jahre im Hotel zu wohnen.“

Um zu verstehen, wie schwer es der rüstigen Rentnerin gefallen sein muss, ihre Heimatstadt zu verlassen, hilft ein Blick in ihre Familiengeschichte: Jehudith stammt aus einer Familie, die seit 24 Generationen im Land Israel ist. Sie erzählt: „Nach der Vertreibung aus Spanien 1492 wanderten sieben Brüder der Familie Kastel nach Gaza aus. Irgendwann begannen die Bewohner von Gaza, die Frauen der Familie zu bedrängen. Und so nahm die Familie 1798 alle heiligen Schriften und die Torarolle und zog nach Hebron.“

Jehudith berichtet weiter: „Mein Großvater war Muchtar, Ortsvorsteher, in Hebron und für die arabischen Dörfer drum rum. Er war sehr beliebt. Als die Pogrome 1929 in Hebron begannen, kamen fünf Brüder und versperrten den Eingang zum Haus meines Großvaters, um ihn zu schützen. 70 Juden wurden damals umgebracht, aber meinen Großvater und meine Familie rührten sie nicht an.“

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Später lernte Jehudith den Holocaust-Überlebenden Dov Raichbach kennen. Sie heirateten und bekamen fünf Kinder. Über das Leben an seiner Seite erzählt sie: „Dov war nicht in der Lage, seine Liebe in Worten oder durch Umarmungen auszudrücken. Wenn er nach Haifa fuhr, brachte er mir Schmuck mit. Er hat mir seine Liebe gezeigt, aber er hat mich nie umarmt. Für mich, die ich aus einer sephardischen Familie kam, in der Gefühle offen gezeigt wurden, war das völlig unverständlich.“ Heute verstehe sie es besser: „Er war ein Kind, als er seine Eltern verlor. Er wanderte durch Schnee und strömenden Regen, ohne angemessene Schuhe oder Kleidung.“

Ihr Sohn Eliav ergänzt: „Mein Vater wurde 1929 geboren. Er wuchs in der rumänischen Stadt Radautz auf, nahe der ukrainischen Grenze. Als er zehn Jahre war und die Pogrome näher rückten, schickten ihn seine Eltern zu den Großeltern. Mit seinen Großeltern, Onkeln und Tanten zog er Richtung Norden, seinen Eltern hinterher, doch er sah sie nie wieder. Nach dem Krieg wanderte er nach Israel aus und lernte meine Mutter kennen und gründete eine große Familie: fünf Kinder, 15 Enkel, sowie vier Urenkel.“ Das Publikum klatscht begeistert.

Eine Autowerkstatt wird zum Logistikzentrum

Über das Herzstück der Familie erzählt der heute 60-Jährige: „Im Jahr 1970 gründete mein Vater eine Autowerkstatt in Kiriat Schmona, in der auch wir bis heute arbeiten. Wir sind sehr stolz, dass wir seit dem 7. Oktober als Logistikzentrum für die Armee und Sicherheitskräfte dienen können.“

Während des Krieges habe Eliav die Stadt der Werkstatt wegen nicht verlassen – auch wenn er manchmal acht bis neun Mal den Bunker aufsuchen musste. „In Kiriat Schmona gibt es keine Vorwarnung für Raketen. Zuerst hören wir den Einschlag und erst danach gehen wir in die Bunker, um Schutz vor eventuell einschlagenden Teilen zu suchen.“

Natürlich habe er zeitweise darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen. Auch, weil die Gefahr heute wegen der größeren Genauigkeit der Raketen viel größer sei als früher. Doch die lange Familientradition bringe eine Verantwortung mit sich. Da könne er nicht einfach weglaufen.

Seine Mutter erinnert sich: „Als wir mal wieder unter ständigem Raketenbeschuss aus dem Libanon standen, schlug ich Dov vor, nach Aschdod zu ziehen.“ Doch er habe sich gewehrt: „Ich habe doch meine Kunden hier. Die lasse ich nicht im Stich.“ Noch immer ist die Werkstatt ein Familienbetrieb, Eliav sagt: „Mein Vater gab uns die Expertise, zu arbeiten, meine Mutter die nötige Liebe.“

„Ich habe bereits für die ganze Familie gefastet“

Nicht immer seien die Reaktionen des Vaters für ihn verständlich gewesen. „Wenn wir Kinder zum Beispiel am Jom Kippur fasten wollten, kam unser Vater herein und servierte uns Essen. ‚Ich habe bereits für die ganze Familie gefastet, einschließlich meiner Kinder und Enkelkinder.‘ Oder manchmal kam er in die Werkstatt und hatte plötzlich einen Wutanfall. Auch am Jom HaSchoa war es eine komische Stimmung zu Hause. Da war es immer sehr ruhig bei uns. Wir haben geschwiegen, er hat nie gesprochen.“

Als Eliavs Nichte zehn Jahre alt war, habe sie in einem Gespräch ihrer Mutter gesagt, dass deren Vater Partisan gewesen sei. Eliavs Schwester glaubte dem Kind nicht und rief ihren Vater an. Er sagte: „Komm vorbei, wenn du willst, erzähle ich es dir.“

Dann habe er etwa 30 Heftchen rausgeholt, in denen er damals seine Erlebnisse aufgeschrieben hatte. An manchen waren noch die Spuren von Asche und Gras zu sehen. Dovs Tochter zeichnete die Gespräche auf und veröffentlichte sie später unter dem Titel „Das Leben im Herzen“.

„Das Leben im Herzen“ war auch vielen Besuchern der Veranstaltung anzusehen. Weitere Sprecher der Konferenz waren die Leiterin der Behörde, Ronit Rosin, Präsident Itzhak Herzog, die ehemalige Knessetabgeordnete Colette Avital sowie der Abgeordnete Uri Maklev (Degel HaTora), eine weitere Holocaust-Überlebende sowie ein Überlebender des Nova-Festivals. Die Botschaft war bei allen gleich: „Eine Schoa darf es nie wieder geben! Deshalb danke, dass ihr gekommen seid. Und danke, dass ihr euer Leben lebt. Am Israel Chai, das Volk Israel lebt!“

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Eine Antwort

  1. Sehr beeindruckend, obwohl es im „normalen Alltagsleben“ dad eine oder andere Mal sicherlich nicht einfach war.
    Gott sei Lob und Dank haben sie es geschafft, zu überleben, weiter ihren Weg zu gehen, Familie zu gründen.
    All meinen Respekt und Wertschätzung für diese Familie und ihren Generationen.

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