Maßstab Schokopudding: Wo sich Leben lohnt

JERUSALEM (inn) – Der Aufruf einiger Israelis zur Auswanderung nach Berlin schlägt hohe Wogen. Doch die neue Sozialdiskussion zeigt auch, was die Existenz des jüdischen Staates für viele Juden bedeutet. Ein Kommentar von Israelnetz-Korrespondent Johannes Gerloff.
Der Protest gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Israel konzentriert sich diesmal auf den Schokopudding der Marke "Milky".

Foto: mh, Israelnetz

Der Protest gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Israel konzentriert sich diesmal auf den Schokopudding der Marke “Milky”.

Vor zwei Jahren war es Hüttenkäse. Heuer ist der in Israel „Milky“ genannte Schokopudding mit Sahnehäubchen das Banner der immer wieder aufblubbernden Sozialdiskussion im jüdischen Staat. Dass ein deutsches „Milky“-Pendant in Berlin gerade mal 19 Cent – umgerechnet 87 Agurot! – kostet, versetzt Israelis in Wallung. Ein anonymer Facebooknutzer hat das Geheimnis gelüftet, mitsamt Bild vom Pudding und Kopie des Kassenzettels. Zum Vergleich: Ein israelischer Supermarkt verlangt für ein „Milky“ 3,20 Schekel, fast 70 Cent.
Leben in Israel ist kostspielig. Fast alles ist doppelt oder gar dreimal so teuer wie in Deutschland. Das „finden“ nicht nur „manche Israelis“, wie deutsche Medien behaupten. Das ist Tatsache. Das vergleichsweise niedrige Einkommensniveau verschärft die Lage noch. Ein Ehepaar mit zwei Kindern braucht in Israel zwei Einkommen, um über die Runden zu kommen. „Hier bekomme ich in einem Monat so viel, wie in Australien an einem Wochenende“, klagt ein Assistenzarzt.
Neu am Milky-Streit ist, dass eine Facebook-Gruppe Israelis zur Auswanderung nach Berlin auffordert und sogar Hilfe bei der Bewältigung bürokratischer Hürden anbietet. „Schoko-Pudding“, meint der Bewohner einer der Trabantenstädte Jerusalems zynisch, „ist ein guter Grund, Israel zu verlassen“. Er hat selbst mit Frau und fünf Kindern ein angenehmes Leben in einer nordamerikanischen Villa gegen den Existenzkampf in Israel eingetauscht – einschließlich drei Jahren Militärdienst für die Jungs, zwei für die Mädchen.

Preisgefälle wegen gescheiterter Friedensgespräche?

Das Internet offenbart, wie Israelis mit der Schokopuddingherausforderung umgehen. Der Kassenzettel wird analysiert und die ungesunde Ernährung des Berliner Schokopuddingkäufers moniert. „Und überhaupt“, erkennt einer, sei der deutsche Pudding ungenießbar. Er enthalte Gelatine, Schweinefett!
„Die ganze Sache ist verlogen!“, weiß ein Facebook-User: „Ich hab’s probiert, in Berlin Milky für 87 Agurot zu kaufen. Aber die wollten mein Geld nicht!“ – „Wir haben Milky für 69 Agurot gefunden!“, unterbricht ein anderer: „Wir ziehen nach Bukarest!“ „Berlin war schon immer billiger“, meldet sich schwarzer Humor zu Wort: „Dort war ein jüdisches Leben vor noch nicht allzu langer Zeit nicht einmal eine Agurah wert.“ Oppositionspolitikerin Sahava Galon von der kommunistischen Meretz-Partei, so ein Satiriker, soll derweil erkannt haben, am Preisgefälle zwischen Berlin und Tel Aviv sei einzig das Scheitern der israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen schuld.
Wer zwischen den Zeilen der Milky-Diskussion zu lesen vermag, kann verstehen lernen, warum Israelis so horrend in den Luxus eines jüdischen Staates investieren. Kolonialistische Habgier, kostengünstige Lebensqualität oder andere „niedere“ Absichten, die ihnen zuweilen unterstellt werden, sind es jedenfalls nicht.

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