Es war das vierte Wochenende in Folge, an dem in Israel gegen Wohnungsknappheit und hohe Mieten sowie für verschiedene Reformen des Steuersystems demonstriert wurde. Während sich der Protest noch vor einer Woche auf die Großstadt Tel Aviv konzentrierte, fanden die Kundgebungen an diesem Samstag überwiegend in ländlicheren und kleineren Städten statt. "Das ist ein deutlich größerer Erfolg, als wir es erwartet hätten", sagte Roi Neumann, einer der Organisatoren der Proteste, laut der Tageszeitung "Ha´aretz" im Hinblick auf die Teilnehmerzahlen.
Die Proteste hatten ursprünglich mit Demonstrationen gegen die Wohnungsknappheit in israelischen Städten begonnen. Vergangene Woche hatten die Koordinatoren der Demonstrationen dann ein "Visionsdokument" vorgelegt, in dem weitere politische Ziele formuliert sind. Dazu gehören die Minderung von sozialer Ungleichheit, die staatliche Kontrolle der Lebensmittelpreise und höhere Investitionen in die Bildung.
"Israelis schätzen und stützen Rechtsstaat"
"Waren es in Großbritannien Outsider vom Rand der Gesellschaft, die zu größter Brutalität fähig sind, weil sie sich nicht als Teil des Gemeinwesens verstehen, so geht in Israel das Establishment auf die Straße", schreibt der in Tel Aviv lebende Journalist Michael Borgstede. In einem Beitrag für die "Welt am Sonntag" erklärt er, dass die Israelis ihren Staat schätzen und stützen wollten. Die Proteste seien auch eine Folge der zunehmenden Ausbeutung der Mittelschicht, die sich mehr und mehr als Goldesel betrachte, der von der Regierung ausgepresst wird.
"Die Wirtschaftsdaten sind hervorragend, der Schekel ist stabil, die Inflation ist niedrig", schreibt Borgstede. "Das Land hat eine positive Exportbilanz und gilt als eines der innovativsten High-Tech-Zentren der Welt." Andererseits sei die Kluft zwischen Arm und Reich in Israel mittlerweile so groß wie in nur wenigen anderen westlichen Ländern. "Die reichsten 500 Israelis besitzen ein Vermögen, das einem Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht", was dazu führe, so der Journalist, dass viele Israelis in der Marktwirtschaft "das eigentliche Problem" sähen. Dabei würden sie übersehen, dass gerade die hohen, wettbewerbsverzerrenden Schutzzölle des Landes auf Lebensmittel die Preise in die Höhe trieben: Importeure von Rindfleisch müssten 190 Prozent zahlen, 250 Prozent würde beim Import von Honig auf den Preis addiert.