Laufen „auf den Spuren Jesu“

Es ist einer der bergigsten und wohl anstrengendsten Läufe der Welt: Der jährliche Marathon durch Jerusalem. 42 Kilometer geht es von der Knesset aus durch die Altstadt und über unebenen Boden. Karl-Heinz Pflaum aus Linkenheim-Hochstetten bei Karlsruhe hat es trotzdem geschafft. Im Gespräch mit Israelnetz berichtet er, warum der Marathon für ihn mehr als nur ein Stadtlauf war und wie ein Norweger mit einer Temperaturdifferenz von beinahe 30 Grad zu kämpfen hatte.
Auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat (Mitte) nahm an der Veranstaltung teil. Er absolvierte den Halbmarathon.

Foto: Kobi Gideon / Stadt Jerusalem

Auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat (Mitte) nahm an der Veranstaltung teil. Er absolvierte den Halbmarathon.

Es ist der 1. März 2013, 7 Uhr morgens. Die Außentemperatur beträgt 8 Grad, der Himmel ist bewölkt. Etwa 800 Läufer aus aller Welt haben sich vor der Knesset in Jerusalem versammelt und warten auf den Startschuss. Vor ihnen liegen 42 Kilometer.
Der Jerusalem-Marathon ist wahrscheinlich einer der bergigsten seiner Art. Die Strecke führt durch Teile der Jerusalemer Altstadt über Pflastersteine, Stufen und durch beengte Gassen. Es geht vorbei an der Klagemauer, dem Jaffa-Tor und dem Obersten Gericht. Wer im Vorfeld nicht genügend trainiert hat, kommt schnell an seine Grenzen.
Die bekommt auch Karl-Heinz Pflaum zu spüren. Der Verwaltungsbeamte ist einer der Teilnehmer des 3. Jerusalem-Marathons. Besonders die 800 Höhenmeter machen dem 53-Jährigen zu schaffen. „Die hatte ich nicht trainiert, weil ich in der Rheinebene wohne“, berichtet er. Und: „Durch Krankheit und Trainingsrückstand war mir von vornherein klar, dass ich mich im hinteren Drittel bewegen werde.“ Pflaums Ziel ist „Ankommen“ innerhalb der vorgegebenen sechs Stunden. Und das gelingt ihm auch, seine Eindrücke hält er mit der Kamera fest.
Denn für Pflaum geht es auch um die Entdeckung der Stadt. Es sei etwas Besonderes, im Heiligen Land Israel „zu Fuß auf den Spuren Jesu“ unterwegs zu sein. Er habe Jerusalem ganz anders wahrgenommen als ein „normaler Tourist“, berichtet er nach dem Lauf.
Die Teilnahme am Jerusalem-Marathon steht in Zusammenhang mit einer Israel-Reise der Liebenzeller Mission. „Ich bin dort Freizeitleiter, und wir wollten mal eine aktive Israelreise für sportliche Urlauber planen“, erzählt Pflaum. Von den Reiseteilnehmern hätten dann aber leider nur drei Läufer am Marathon teilgenommen.
Rückblickend erinnert er sich an einige besondere Begegnungen. Am Skopus-Berg, auf einer Höhe von 826 Metern, holt ihn ein 75-jähriger Israeli ein. „Er fragte mich, ob ich auch in seiner Altersklasse laufen würde und berichtete, dass er sich schonen und langsamer laufen wolle, da ihm in zwei Wochen der Tel Aviv-Marathon bevorstehe. „Das war niederschmetternd“, sagt Pflaum. Schließlich sei er selbst erst 53 Jahre alt. Bei Kilometer 40 habe der ältere Herr ihn schließlich wieder überholt.

30 Grad zu warm

Im Laufe des Tages ist – im Gegensatz zum Morgen – nichts mehr von vereinzelten Regentropfen zu spüren und die Temperaturen steigen an. Ein Mitläufer beschwert sich darüber. Er sei ein Jude aus Norwegen und seine Trainingsläufe habe er bei minus 10 bis minus 20 Grad absolviert. „Mit einem Temperaturunterschied von 30 Grad kam er nicht zurecht“, erzählt Pflaum.
Eine Gruppe junger israelischer Sportler habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Läufer im hinteren Drittel moralisch zu unterstützen. „Es war faszinierend zu sehen, wie sie lachten und Spaß hatten und welche Freude sie ausstrahlten und dies in einem Land voller Bedrohung“, erinnert sich Pflaum. Gegen Ende der Strecke hätten aber auch sie sich ins Ziel kämpfen müssen.
Entlang der Marathonstrecke versorgen Schulklassen die Läufer mit Getränken; Militär und Polizei sorgen für Sicherheit. „Von Zeit zu Zeit überflog ein Hubschrauber die Strecke“, berichtet Pflaum.
Zusammen mit seiner Frau läuft er regelmäßig. „Wir haben schon so manchen Halbmarathon absolviert“, erzählt er. Einen Vollmarathon sei er vor Jerusalem erst in Berlin und im Pitztal, in Tirol, gelaufen. Die Arbeit im Leitungsteam seiner Gemeinde lasse kaum Zeit zur Vorbereitung auf einen Marathon. Aber: „Jerusalem war es wert.“
Wer nicht 42 Kilometer laufen wollte, der konnte auch um 8 Uhr morgens mit dem Halbmarathon oder eine halbe Stunde später mit dem 10-Kilometer-Lauf starten.
Den Halbmarathon absolvierte unter anderem der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat, der aus Gesundheitsgründen nicht die vollen 42 Kilometer laufen konnte. Barkat glaubt an den positiven Einfluss einer solchen Veranstaltung auf das geteilte Jerusalem. „Wir verändern die Atmosphäre und ich bin sehr dankbar und sehr glücklich, dass so viele Menschen teilgenommen haben“, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur „Jewish News One“.

Äthiopien liegt vorn

Insgesamt gingen rund 20.000 Sportler aus 52 Nationen an den Start. Im Vorfeld hatten Palästinenser einen Boykott des Jerusalem-Marathons gefordert: Die Laufstrecke durch den Ostteil Jerusalems setze ein politisches Zeichen. Die Veranstaltung lief jedoch ohne Zwischenfälle ab.
Gewinner des Marathons waren sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen die Äthiopier. Abraham Kabeto Ketla lief mit einer Zeit von 2:16:29 als erster ins Ziel. Bei den Frauen siegte Mihiret Anamo Anotonios mit 2:47:26. Jeder von ihnen erhielt ein Preisgeld von 10.000 Dollar: je 5.000 für den Sieg und 5.000 für einen neuen Streckenrekord.
Für die Jerusalemer Bürger war der Marathon nicht nur Vergnügen. Zwar jubelten viele den Läufern entlang der Strecke zu, doch ein normaler Tagesablauf war kaum möglich. Viele Straßen im Innenstadtbereich waren gesperrt und wer Bus fahren wollte, musste sich auf andere Routen einrichten.

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