Kurzer “Spuk” : Israelisch-palästinensisches “Ghost”-Projekt vor dem Aus

Wie ein Geist sollte das Internetprojekt "G.ho.st" Grenzen überwinden: Die israelisch-palästinensische Koproduktion wurde unter großem Medieninteresse im vergangenen Sommer gestartet. Doch nach nur acht Monaten muss das Internetportal seine Dienste einstellen.

Offenbar wurden die Initiatoren von der rauen Wirklichkeit eingeholt: “Lieber Ghost-User, wir hoffen, Sie haben unseren freien Ghost-Service genossen”, heißt es nun in einer E-Mail, die an alle Nutzer des Betriebssystems versandt wurde. “Bedauerliche Veränderungen auf dem Markt führen dazu, dass es nicht länger wirtschaftlich für uns ist, den Ghost-Service bereitzustellen. Wir werden den Service um den 15. März herum einstellen. Wir werden uns stattdessen darauf konzentrieren, unsere Technologie für größere Unternehmen zu lizensieren oder sie an sie zu verkaufen.”

Weiter schreiben die Betreiber: “Wir raten Ihnen, ALLE wichtigen Ordner, Dateien und E-Mails bis zum 15. März an einen anderen sicheren Ort zu verschieben.” Nähere Informationen gibt es auf der Webseite www.ghost.cc.

Medienwirksame Eröffnung

Mit Pressekonferenzen im Vorfeld und dem Hinweis auf einen ranghohen Überraschungsgast hatte der Israeli Zvi Schreiber den Start von “G.ho.st” inszeniert. Auch der Ort war öffentlichkeitswirksam gewählt: im “Niemandsland” zwischen Jerusalem und Beit Dschalla, quasi zwischen israelischem und palästinensischem Gebiet. Dadurch wurde betont, dass es ein Beitrag zum Frieden in Nahost sein sollte. “Jeder müsste ein Botschafter sein und in seiner eigenen Gemeinschaft erklären, warum es so wichtig ist, dass man zusammenarbeitet”, sagte Schreiber bei der Eröffnungsfeier am 14. Juli 2009. Bedenken bezüglich Sicherheit und Finanzierbarkeit wusste der eloquente Computerfachmann geschickt vom Tisch zu wischen.

Hoffnungsfroh hatten die Begründer, die bald Unterstützer in aller Welt fanden, das Projekt “G.ho.st” genannt – die Abkürzung stand für “Global Hosted Operating SysTem” (Weltweit verfügbares Betriebssystem). Dieses sollte kostenfrei zur Verfügung stehen. Für die israelischen und palästinensischen Mitarbeiter hatte das englische Wort “ghost” (Geist) gleichzeitig eine symbolische Bedeutung: Ein Geist, der keinen Körper hat, kann ungehindert Mauern durchdringen und Grenzen überschreiten.

Der frühere britische Premier und Nahostgesandte Tony Blair, der als Überraschungsgast präsentiert wurde, sagte bei der Feier, Kreativität, wie sie in diesem Projekt zum Ausdruck komme, “kennt keine rassischen und kulturellen Hindernisse”. Israelis und Palästinenser seien beide sehr kreativ. Angesichts der hinter ihm befindlichen Sperranlage hoffe er, dass Barrieren niedergerissen würden.

Noch erinnern die Worte “Freedom: Your files in the cloud” (Freiheit: Ihre Dateien in der Wolke) auf der Startseite an den großen Optimismus, mit dem die Mitarbeiter einst zu Werke gingen. Ihr gemeinsames Engagement ist aller Ehren wert. Doch Enthusiasmus und prominente Unterstützung reichen offenbar nicht aus, um Israelis und Palästinenser miteinander zu versöhnen – wenn auch nur symbolisch.

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