Krista Gerloff: Das jüdische Selbstverständnis als Problem der tschechischen Grammatik

Wenn ich auf Deutsch über Israel und das Judentum schreibe, muss ich mir nicht überlegen, ob ich "Jude" oder "jude" schreibe. Wir Tschechen schreiben nicht jedes Substantiv mit großem Anfangsbuchstaben. Im Gegenteil, wir gehen mit Großbuchstaben sehr sparsam um. Deswegen haben wir eine grammatikalische Regel entwickelt, die sehr einfach klingt: Das Wort "Jude" schreiben wir mit einem großen Buchstaben, wenn es um die nationale Zugehörigkeit geht, die auch als ethnische oder historische Zugehörigkeit definiert werden kann. Geht es um die Religion, schreiben wir "jude" mit kleinem Anfangsbuchstaben.

Wenn sich also ein tschechischer Kopf überlegt, ob ein “jude” (im religiösen Sinne) aufgehört hat, ein “Jude” (im nationalem Sinne) zu sein, hört man beispielsweise von Juden, die heute in Tschechien leben: “Wir sind die Juden mit kleinem Anfangsbuchstaben.” Sie halten sich nämlich für jüdische Tschechen – und etwa im christlich-jüdischen Dialog sind sie als “juden” die Gesprächspartner der tschechischen Christen.

Wenn ihr religiöses Empfinden wächst, bezeichnen sie sich im säkularen Umfeld der Tschechischen Republik als tschechische “juden”. Sollte dann aber – vielleicht sogar als Folge des religiösen Erwachens – das nationale Bewusstsein zunehmen und gar Gedanken an eine Auswanderung nach Israel wach werden, wird das kleine “j” am Anfang des Wortes immer größer. Sobald sich ein Mensch als der jüdischen Nation zugehörig versteht, muss die tschechische Rechtschreibung ihn als “Juden” schreiben.

Die hebräische Sprache unterscheidet nicht zwischen Klein- und Großbuchstaben und kennt deshalb auch nicht dieses grammatikalische Problem. Je näher wir aber die jüdische Denkweise kennenlernen, desto klarer wird, dass die tschechische Rechtschreibung ein echtes Problem erfasst hatte. Nach Überzeugung der meisten Juden – nicht nur der religiösen! – hört ein Jude nämlich auf, ein Jude zu sein, wenn er an Jesus Christus glaubt. Ein Jude, der Jesus als Messias Israels anerkennt, wird “Christ”. Dementsprechend entscheidet auch das israelische Innenministerium, wenn es um Einwanderungsrechte geht. Und deswegen sind Mischehen in Israel so problematisch. Durch Assimilierung verliert ein Jude…??? Die Zugehörigkeit zu seiner Religion? Oder: Die Zugehörigkeit zu seiner Nation?

Jesus-gläubige Juden nennen sich meist nicht “Christen”

Die überwiegende Mehrheit messianischer Juden ist damit übrigens nicht einverstanden. Sie halten sich nicht für “Christen” und würden sich auch nicht “Christen” nennen. Sie sind überzeugt, dass ihr Glaube an “Jeschua haMaschiach” an ihrem “Judesein” nichts ändert. Sie bleiben “Juden” als Angehörige ihres Volkes, feiern mit ihrem Volk als “juden” die jüdischen Feste und halten jüdische Traditionen wie beispielsweise die Beschneidung.

Zu den bedeutenden Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, gehörte der jüdisch-katholische Kardinal Jean-Marie Lustiger. Er verstand sein Christentum als Erfüllung seiner jüdischen Identität. Radio Vatikan zitierte den verstorbenen Kardinal einmal mit den Worten: “Ich bin gebürtiger Jude und werde es auch bleiben – auch wenn das für viele nicht annehmbar ist. Die Berufung des hebräischen Volkes besteht darin, den Nichtjuden ein Licht zu bringen. Ich glaube, dass das Christentum ein Mittel zum Erreichen dieses Zieles ist.”

Die Frage, ob man “JUDE” am Anfang mit Klein- oder Großbuchstaben schreibt, ist eigentlich also eine theologische Frage. Was macht einen Juden zum Juden? Ist es die biologische Herkunft – oder seine Glaubensüberzeugung und eine damit zusammenhängende Lebensweise? Ist es überhaupt möglich, das eine vom andern zu trennen? Im Deutschen können Sie diese Frage einfach zur Seite schieben. Wenn ich aber auf Tschechisch schreibe, muss ich sie jedes Mal beantworten, wenn ich von “den Juden” – oder: “den juden”? – schreibe.

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