Kommentar: Scharons Vermächtnis

JERUSALEM (inn) – Ariel Scharon geht als einer der schillerndsten und zugleich umstrittensten israelischen Regierungschefs in die Geschichte ein. Während er gerade in der arabischen Welt Vertrauen genoss, wurde er im Westen als „Draufgänger“ herabgewürdigt.
Ariel Scharon prägte die Geschichte Israels seit der Staatsgründung. Im Westen galt er als "Hardliner".

Foto: Israel Ministry of Defense

Ariel Scharon prägte die Geschichte Israels seit der Staatsgründung. Im Westen galt er als “Hardliner”.

Die Ära Scharon endete abrupt am 4. Januar 2006, als der Premierminister nach einem Schlaganfall in ein Koma fiel, von dem er sich nie wieder erholte. Obgleich angefeindet, umstritten und kaum verstanden, muss Scharon wohl neben Staatsgründer David Ben-Gurion als der bedeutendste Premierminister Israels gesehen werden, mehr als Golda Meir oder Jitzhak Rabin.
Scharon wurde von der Welt und linken Israelis als „Vater der Siedlungen“ verachtet. Aber er war es, der für den Frieden mit Ägypten alle Siedlungen im Sinai abreißen ließ und den Rückzug aus dem Gazastreifen mitsamt den Siedlungen verfügte, als er erkannte, dass der Gazastreifen eine Bürde für die Sicherheit Israels war und kein strategischer Gewinn.
Er bekämpfte die Palästinenser 1982 im Libanonkrieg und sorgte dafür, dass Jasser Arafat mitsamt seinen Kämpfern ins Exil nach Tunis geschickt wurde. Scharon hatte nach eigenen Angaben in seiner Autobiografie die Vision, dass Israel den Konflikt mit den Palästinensern nur durch Verhandlungen mit einem „starken Arafat“ lösen könne. Jitzhak Rabin nutzte die Chance nach dem Irak-Krieg 1991, als Arafat wegen seines Bündnisses mit Saddam Hussein schwächer war denn je.
Scharon war es auch, der nach Ausbruch der von Arafat geplanten und keineswegs von Scharon ausgelösten „zweiten Intifada“ das ungeheuerliche Blutvergießen in Nahost stoppte, unter anderem mit dem Bau der „Mauer“.
Schon als Kind bekämpfte Scharon die Araber, mit dem klaren Ziel, die jüdische Besiedlung und später den Staat Israel zu sichern. Amerikanische und israelische Untersuchungskommissionen sowie Gerichtsprozesse in New York bestätigten, dass er weder die Massaker in Sabra und Schattillah bei Beirut 1982, noch den Ausbruch der Intifada im September 2000 durch seinen „provokativen“ Besuch auf dem Tempelberg zu verantworten hatte. Zu den Widersprüchen der Geschichte zählt, dass ausgerechnet die Araber, darunter Jordanien und Libanon, ihm als „starkem Mann“ voll vertrauten, während die Medien und die westliche Welt ihn verständnislos als „Draufgänger“, „Hardliner“ und „unberechenbaren“ Politiker einstufte. Bei den Israelis war er heiß geliebt und zugleich tief gefürchtet.
Scharon war ein mutiger Politiker. Doch ob seine Beschlüsse immer gut oder schlecht waren, lässt sich heute noch nicht entscheiden. Der Rückzug aus Gaza zum Beispiel hat Israel 12.000 Raketenangriffe der Hamas und zwei Kriege eingebracht. Gleichwohl wünscht sich heute kein Israeli mehr eine erneute Besatzung des Küstenstreifens mit 1,5 Millionen Palästinensern.

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