Kommentar: Ein Haus in Hebron

Schön ist das vierstöckige Haus am Rand der staubigen Straße zwischen der jüdischen Siedlung Kirijat Arba und der Altstadt von Hebron nicht. Aber international bekannt, und heftig umstritten. Nach jahrelangem Rechtsstreit hat die israelische Armee zu Beginn der dritten Aprilwoche 2014 erlaubt, dass Juden das Haus beziehen.
Das "Haus des Friedens" in Hebron - sein Status war jahrelang umstritten.

Foto: Johannes Gerloff

Das “Haus des Friedens” in Hebron – sein Status war jahrelang umstritten.

„Der Verteidigungsminister genehmigt neue Siedlung in Hebron, erstmals seit den 1980er Jahren“, schnaubt Israels Friedensbewegung „Schalom Achschav“ („Friede jetzt“). Zu ihrem Leidwesen bietet das „Haus des Streits“ Wohnfläche für „mehr als 120 Menschen“.
An der Front des Gebäudes, das Palästinenser „Radschabi-Haus“, die Armee „braunes Haus“ und die Siedler „Haus des Friedens“ nennen, prangt ein Plakat mit Worten des Propheten Jeremia: „Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun, und ich will sie in diesem Lande einpflanzen, ganz gewiss, von ganzem Herzen und von ganzer Seele“ (Jeremia 32,41; Luther 1984). Was Martin Luther mit „ganz gewiss“ übersetzt, heißt wörtlich „in Wahrheit“ – aber genau daran scheint es in der Auseinandersetzung, der Berichterstattung und der Meinungsbildung um dieses Haus an allen Ecken zu hapern.
Es geht nicht darum, irgendjemanden in Hebron zu rechtfertigen. Was Karl May vor mehr als hundert Jahren über die Stadt schreibt, ist hoch aktuell. Der Schriftsteller aus Ernstthal im Erzgebirge hat Hebron im Jahr 1900 – im Gegensatz zu vielen anderen Schauplätzen seiner fesselnden Geschichten – tatsächlich bereist. Die Bevölkerung – seiner Zeit „ungefähr neuntausend Mohammedaner und fünfhundert Juden“ – charakterisiert der Sachse mit der blühenden Fantasie als „die bigotteste des ganzen Landes“. Dem ausländischen Besucher rät er, sich möglichst unauffällig zu bewegen, „sonst kann es leicht kommen, dass wenigstens die Jugend hinter ihm herläuft, um ihn nicht nur mit Schimpfworten, sondern auch mit noch kompakteren Dingen zu bewerfen“. Aus eigener Erfahrung kommt May zu dem Schluss: „Die Leute dort hauen zu, ohne erst um Erlaubnis zu fragen.“[1] Wenn mir ein palästinensischer Freund aus einer großen Hebroner Familien verrät: „Hebron ist interessant, aber kein guter Wohnort. Die Leute hier sind alle ‚madschnun‘ – verrückt“, dann hat er sowohl Araber als auch Juden im Blick.
Ohne Verrückte verteidigen zu müssen, würde ich mir wünschen, dass Europäer sich ihre Meinung nach ihren eigenen Maßstäben selbst bilden. Zweifelsfrei haben die jüdischen Besitzer die umstrittene Immobilie käuflich erworben. Eine biblische Landverheißung berechtigt nicht zum Landraub. Der Prophet Jeremia bezahlte 17 Lot Silber für seinen Acker in Anatot als prophetisches Zeichen dafür, dass das Volk Israel bei seiner künftigen Rückkehr „Häuser, Äcker und Weinberge kaufen“ werde. Gerade der Textzusammenhang des Siedlerplakats am „Haus des Streits“ unterstreicht, dass Kaufverträge rechtlich einwandfrei sein müssen (Jeremia 32,9.15.43f.).
Nach biblischem Recht dürfen Menschen Land, das ihnen von Gott zugesprochen wurde, den vorhergehenden Besitzern nicht einfach abnehmen. König David kaufte den Tempelberg von Arauna, dem Jebusiter, ausdrücklich „für seinen vollen Preis“ (2.Samuel 24,24; 1.Chronik 21,24f.). So machte es Jakob mit seinem Zeltplatz bei Sichem (1.Mose 33,19). Und das galt auch für Abraham, bevor er seine Frau Sara in der Höhle Machpela in Hebron begraben konnte (1.Mose 23,12ff). Bleibt aus europäischer Sicht die Frage: Warum dürfen Juden eigentlich nicht in einem Haus wohnen, das sie rechtens erworben haben?

[1] Karl May, Schamah, Die ‚Verzeihung’, in Abdahn Effendi, Karl May’s Gesammelte Werke, Band 81 (Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag, 2000), 137f. und 140.

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