Selbst Juden beteiligen sich mitunter an antizionistischen Kundgebungen, wie hier in London

Selbst Juden beteiligen sich mitunter an antizionistischen Kundgebungen, wie hier in London

Antirassistischer Antisemitismus und seine Gründe

Wer im Nahostkonflikt Position bezieht, unterliegt der Gefahr einer einseitigen Bewertung. Dabei spielt oft Antisemitismus eine Rolle. Auch Christen sind gegen eine Vereinnahmung nicht immun.

Was wie ein Paradoxon klingt, ist traurige Realität. Große antirassistische Bewegungen wie „Black Lives Matter (BLM)“ entpuppen sich als hochgradig antisemitisch. Wortführer von Toleranz und Gleichberechtigung dämonisieren den jüdischen Staat. Die weltweit größte internationale Antirassismus-Konferenz der Vereinten Nationen in Durban, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert, ist so judenfeindlich, dass bei der Premiere 2001 die Sicherheit jüdischer Teilnehmer nicht mehr garantiert werden konnte.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Jede Privatperson, die sich gemeinsam mit anderen gegen jegliche Art von Diskriminierung einsetzen will, wird merken, dass sich die Wege trennen, wenn es speziell um Antisemitismus geht. Spätestens beim Thema Israel hört der Spaß auf. Besonders groß ist dieses Problem für Juden.

Traditionell ist es im Judentum und somit auch in Israel Gang und Gäbe, dass sich Aktivisten mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit in Gruppen zusammenschließen und für die Rechte Benachteiligter kämpfen. Nur leider ist Israel der einzige Ort, wo sie das tun können, ohne sich ständig als lupenreine Antizionisten erweisen zu müssen. Denn das ist das Gütesiegel, das ein ernstzunehmender Antirassist braucht – vor allem, wenn er Jude ist.

Israel ist keine Kolonie

Dieses Phänomen fußt auf einem theoretischen Unterbau, dem „Postkolonialismus“. Seine Theoretiker untersuchen, inwiefern sich nach dem Ende der Kolonialzeit imperiale Machtstrukturen verändert oder auch erhalten haben. Das ist eine berechtigte Fragestellung, die aber deutlich über die Stränge schlägt, etwa wenn deren Verfechter jegliche Form von Macht per se kritisieren oder die Welt in böse Unterdrücker und gute Unterdrückte unterteilen.

In diesem Weltbild ist das jüdische Volk vom Unterdrückten zum Unterdrücker aufgestiegen, war gut und ist jetzt böse. Die militärische Überlegenheit Israels gegenüber den Palästinensern allein macht es schon zum Monster. Checkpoints, getrennte Straßen, Zäune – das alles wird als Zeichen der (bösen) Macht verstanden. Dass an jedem Flughafen der Welt unbescholtene Bürger kontrolliert werden und Israel für seine strengen Sicherheitsmaßnahmen die besten Gründe hat, ist dann zweitrangig. Zur Verurteilung reicht, dass der jüdische Staat mächtig ist.

Terroristen werden in diesem Weltbild allzu oft als „Widerstandskämpfer“ romantisiert. Hier ist auch das Phänomen einzuordnen, dass viele Frauenrechtsorganisationen zur Entrechtung von Frauen in muslimischen Ländern schweigen, oder dass LGBT-Aktivisten sich für „Palästina“ stark machen.

Es ist ein revisionistischer Kunstgriff, in Israel eine Kolonie zu sehen. Und es ist antisemitisch. Israel ist historisch betrachtet kein Produkt des Kolonialismus, sondern von dessen Ende. Zeitgleich mit dem Ende kolonialer Herrschaft in vielen Teilen der Welt erhielten die Länder auf dem Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches von den Briten und Franzosen ihre Unabhängigkeit. So entstanden unter anderem der Irak, der Libanon, Syrien, Jordanien und eben Israel. Durch die neue Ordnung kam es weltweit zu Auseinandersetzungen und teils schweren Kriegen. Sich Israel herauszupicken und als „koloniales Siedlerprojekt“ zu bezeichnen, ist nichts als Antisemitismus.

Kolonialzeit als Zentrum der Geschichte

Der Postkolonialismus stellt die Kolonialzeit und die Herrschaft der „Weißen“ über die „Schwarzen“ beziehungsweise „People of Color“ (PoC) in den Mittelpunkt seiner Deutung von Geschichte und Gegenwart. Die Theorie entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie nahm ihren Anfang in Großbritannien und den USA und setzte sich global durch. Heute bildet sie einen wesentlichen theoretischen Unterbau für alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten – und für den gebildeten Antisemitismus unter Akademikern.

Tammi Rossmann Benjamin ist Mitbegründerin und Direktorin der „AMCHA Initiative“, die seit 2012 den Antisemitismus an US-amerikanischen Universitäten dokumentiert, analysiert und bekämpft. Sie stellt fest, dass klassische antisemitische Anfeindungen auf dem Campus in den letzten Jahren in ähnlichem Maße abnehmen, wie israelbezogene zunehmen. Dabei richte sich der „Anti-Zionismus“ in den meisten Fällen gezielt gegen einzelne Studenten oder Studentengruppen, während Antisemitismus in seiner klassischen Form nur selten so direkt geäußert werde.

Auch an europäischen Unis gehört Antisemitismus in Form von Israelkritik zum guten Ton. „Antizionismus“ gilt vielen als völlig legitime, gar einzig legitime Haltung zum Nahostkonflikt. Dabei ist es nur der zeitgemäßeste und gesellschaftlich anerkannteste Kanal für Antisemitismus. Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick kam durch seine empirischen Studien zu dem Schluss, dass „eine nicht antisemitische Israelkritik zwar möglich, aber selten ist.“

Scho‘ah als Zentrum der Geschichte

Anders als im englischsprachigen Raum existiert in Deutschland und Österreich mit der „Antisemitismuskritik“ auch eine etablierte Theorie, die zu anderen Schlussfolgerungen kommt. Sie stellt nicht den Kolonialismus, sondern den Holocaust ins Zentrum der Geschichtsdeutung und betont dessen Singularität. Vertreter dieses Ansatzes verteidigen die Rechtmäßigkeit der israelischen Unabhängigkeit und Israels Recht auf Selbstverteidigung. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen wie viele Christen, die den Themenfeldern Judentum und Israel von der Bibel her begegnen.

Die Unterschiede, Stärken und Schwächen und das Gegeneinander von Antisemitismuskritik und postkolonialer Rassismuskritik hat der Politikwissenschaftler Floris Biskamp in einem Aufsatz sehr gut herausgearbeitet. Auch eine Doktorarbeit darüber gibt es, von Sina Arnold. Wer sich mit Antisemitismus beschäftigt, besonders mit dem israelbezogenen, kennt das Problem nur zu gut. Aber wahrscheinlich hat er es nie so benannt und analysiert. Es ist eher eine emotional aufgeladene Wahrnehmung von den „antisemitischen Linken“.

Besonders der Text von Biskamp hilft, das Phänomen besser zu verstehen und einmal nüchtern zu betrachten. Sein Artikel ist überschrieben mit „Ich sehe was, was Du nicht siehst. Antisemitismuskritik und Rassismuskritik im Streit um Israel“. Sein Ziel ist es, den beiden Seiten zu einem besseren Verständnis der jeweils eigenen und anderen Sichtweise zu verhelfen. Biskamp selbst kommt aus dem antisemitismuskritischen Lager und sieht deutlich den Antisemitismus der Rassismuskritiker. Er sieht aber auch blinde Flecken auf der eigenen Seite. Die Antisemitismuskritik zeige die Tendenz, „dem Rassismus einen eher sekundären Stellenwert beizumessen: Weil der Antisemitismus auf Vernichtung, der Rassismus aber ‚nur‘ auf Beherrschung ziele, gilt letzterer oft als verhältnismäßig weniger gefährlich und relevant.“

Gegenseitige Feindbilder

Ähnliches lässt sich bei christlichen Unterstützern Israels beobachten. Israel und das jüdische Volk gelten ihnen als Träger von Gottes Verheißungen und zentrales Moment in seinem Heilsplan. Der Blick ist darauf mitunter so eingeengt, dass alles andere, teils sogar das Evangelium selbst, daneben an Bedeutung verlieren kann. Es entsteht Raum für Ressentiments gegen die Widersacher in diesem Konflikt, seien es Palästinenser, Araber, Muslime, Flüchtlinge oder eben Linke. Sie werden zum Feindbild. Daraus kann sich ein manifester Rassismus entwickeln.

„Der antisemitismuskritische Blick auf den Nahen Osten ist auf Israel konzentriert“, schreibt Biskamp. „Dabei sieht er das Land in erster Linie als den Staat der ShoahÜberlebenden, als den Staat gewordenen Versuch von Jüd_innen, sich in einer feindlichen Welt zu verteidigen und das eigene Schicksal selbst zu bestimmen. Die Feinde, gegen die Israel dabei kämpft, erscheinen aus dieser Perspektive in erster Linie als antisemitische Feinde. (…) Der antisemitismuskritische Blick sieht in der rassismuskritischen Verurteilung Israels einen Fall von israelbezogenem Antisemitismus.“

Argumentationshilfe für Christen

Auch die Christenheit ist in dieser Frage gespalten. Christliche Israelfreunde haben wie christliche Unterstützer der palästinensischen Sache ihre politischen und theologischen Argumente. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass sie auf einen Nenner kommen oder auch nur „vernünftig“ miteinander diskutieren können. Die zugrundeliegenden Deutungen sind zu unterschiedlich. Der Blick auf „Antisemitismuskritik und Rassismuskritik im Streit um Israel“ wird diese Kluft nicht annähernd aufheben können. Aber vielleicht kann er eine kleine Brücke zum Verständnis des anderen schaffen.

„Der rassismuskritische Blick“, folgert Biskamp weiter, sehe „den historischen Kontext der israelischen Staatsgründung weniger in der Geschichte des europäischen Antisemitismus und stärker in der Geschichte des europäischen Kolonialismus. Die Idee, dass Europäer_innen in einem nichteuropäischen Land ein neues Gemeinwesen aufbauen und einen Staat gründen, sei beispielhaft für koloniales Denken und koloniale Praxis und setze eine Missachtung der dort lebenden Bevölkerung sowie ihrer Ansprüche auf Selbstbestimmung voraus.“ Die antisemitismuskritische Verurteilung der palästinensischen Nationalbewegung empfänden Rassismuskritiker als „einen Versuch, Antirassismus und Antikolonialismus zum Schweigen zu bringen“.

Biskamp versucht zu vermitteln, nimmt aber dabei keine Äquidistanz ein. Völlig klar benennt er, dass zumindest der doppelte Standard, den Postkolonialisten an Israel anlegen, antisemitisch ist. Ein Israelfreund soll ein Israelfreund bleiben. Aber etwas Selbstkritik wäre angebracht, was die rassistische Komponente in seinem Umfeld anbelangt. Und er kann versuchen, die Denkweise der „Israelfeinde“ besser zu verstehen – und wenn es nur dazu dient, gezielter und weniger emotional antworten zu können. „Wer in einer der beiden Perspektiven verbleibt“ schreibt Biskamp am Ende, „kann wohl nur das eine, nicht aber das andere sehen.“

Von: Carmen Shamsianpur