Die früheren Hamas-Führer Jassin (l.) und Rantisi auf einem Plakat bei einem Wahlkampfauftritt in Ramallah

Die früheren Hamas-Führer Jassin (l.) und Rantisi auf einem Plakat bei einem Wahlkampfauftritt in Ramallah

Die undurchsichtigen Strukturen der Hamas

Die Hamas gehört zu den reichsten Terror-Organisationen der Welt. Sie arbeitet mit politischen, terroristischen und karitativen Mitteln auf ihr Ziel hin, Israel zu vernichten. Dabei ist laut ihrer Gründungscharta „Allah ihr Ziel, der Prophet ihr Vorbild, der Koran ihre Verfassung, der Dschihad ihr Weg und der Tod für Gott ihr edelster Wunsch“.

Die Hamas hat ihre Ursprünge in der Muslimbruderschaft, die bereits in den Dreißigerjahren im damals britischen Mandatsgebiet Palästina Fuß gefasst hat, also lange bevor 1959 die Fatah und 1964 die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ (PLO) gegründet wurden. Zuvor hatte der islamistische Prediger Is ad-Din al-Kassam junge muslimische Männer zum „Heiligen Krieg“ gegen die britische Mandatsmacht und die jüdische Einwanderung mobilisiert. 1935 wurde er von der Mandatspolizei erschossen. Bis heute dient er dem palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft, der sich seit 1988 „Hamas“ nennt, als Vorbild. Der militärische Arm sowie die Raketen der Organisation sind nach ihm benannt: Die Kassam-Brigaden und die Kassam-Raketen.

Die Muslimbruderschaft war von Hassan al-Banna 1928 in Ägypten gegründet worden. Dessen Bruder, Abd al-Rahman al-Banna, sollte die Bewegung im Mandatsgebiet Palästina aufbauen. Dazu wandte sich Al-Banna an den berüchtigten Judenhasser und späteren Hitler-Verbündeten Hadsch Amin al-Husseini und machte ihn zum Kopf der Bruderschaft in Palästina. Al-Husseini war so von seinem Antisemitismus besessen, dass er später die Kriegsjahre im Deutschen Reich verbringen, Nazipropaganda auf Arabisch betreiben und vor Ort die „Endlösung der Judenfrage“ studieren würde. Sein Einfluss begünstigte von Anfang an den Vernichtungsantisemitismus in der Muslimbruderschaft und deren Tochterorganisation Hamas.

Unterschiedliche Entwicklungen in Gaza und im Westjordanland

Nach Israels Staatsgründung entwickelten sich die beiden Teile der Muslimbruderschaft sehr unterschiedlich weiter. Denn nun war Gaza bis 1967 von Ägypten und das Westjordanland von Jordanien besetzt. Unter dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser wurde die Muslimbruderschaft unterdrückt und musste im Untergrund operieren. So hat sie sich in Gaza weiter radikalisiert. In der jordanischen Westbank hingegen hatte sie den Status einer Partei und entwickelte sich eher politisch als militant.

Nach dem Sechs-Tage-Krieg gingen Gewaltakte gegen Israelis vor allem von der kurz zuvor gegründeten PLO aus, während die Muslimbruderschaft sich mehr nach innen auf ihren fundamentalislamischen Missionsauftrag konzentrierte. Neben den Moscheen missionierte sie vor allem an Universitäten. Viele Anführer der Hamas heute sind Studenten von damals. Bis jetzt unterscheidet sich die Hamas von der PLO vor allem durch ihre islamistische Ausrichtung, während die PLO eine eher nationalistische Gruppierung ist. Das sichert ihr die Sympathien der religiösen Eiferer, ist aber auch ein Hindernis beim Kampf um die Gunst der säkularisierten Palästinenser.

Die Initiative zur Gründung der Hamas ging von der Bruderschaft in Gaza aus. Im Westjordanland bildete sie sich erst später. Danach hätte die Hamas auch der PLO beitreten können, die bis heute grundsätzlich gegen Terroristen in ihren Reihen nichts einzuwenden hat. Sie lehnte dies aber ab und begab sich in Opposition. Bei den Parlamentswahlen 2006 konnte die Hamas nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland eine Mehrheit erzielen. Als Folge der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit ließ Israel viele Hamas-Mitglieder aus der Regierung verhaften. Die Lücken füllte Mahmud Abbas mit Fatah-Leuten und sicherte somit deren Vorherrschaft im Westjordanland.

Hamas im Ausland

Scheich Ahmad Jassin, Mitbegründer und erster geistlicher Führer der Hamas, wurde 2004 von Israel gezielt getötet. Seinen Nachfolger Abd al-Asis al-Rantisi ereilte kurz darauf das gleiche Schicksal. Seither benennt die Hamas keinen obersten Anführer mehr. Sie ist straff, aber dezentral organisiert. In der Vergangenheit hat Israel immer wieder Hamas-Funktionäre nach einer Inhaftierung ins Ausland deportiert. Das hat die Kommunikation in der Führungsetage zwar für eine Weile erschwert, aber auch dazu geführt, dass die Strukturen der Hamas sich diesen Abschiebungen angepasst haben.

Heute werden viele Aktionen aus dem Ausland gesteuert. Für Israel ist dies aufwendiger zu beobachten. Die Hamas verfügt über einen Schura-Rat (Ratsversammlung nach islamischem Recht), ein Politbüro und andere Gremien. Diese befanden sich über die Jahre mal in Syrien, mal in Katar, mal in Gaza, der Türkei oder überall gleichzeitig. Mal waren die Anführer mit Namen und Aufenthaltsort bekannt, mal nicht. Sie operieren teilweise auch von israelischen Gefängnissen aus.

Gerade erst soll die Hamas über zwei Millionen Dollar Unterstützung aus dem Jemen von den Huthi-Rebellen erhalten haben. Ein Rebellenführer bekräftigte gegenüber einem Hamas-Vertreter, dass „Palästina“ wichtiger sei als die Bedürfnisse des jemenitischen Volkes.

Die Bevölkerung in Israels Nachbarland Jordanien besteht zu über 50 Prozent aus Palästinensern. Das jordanische Königshaus pflegt eine sehr wechselhafte Beziehung zur Hamas, die unter den palästinensischen Flüchtlingen im Land „Sozialarbeit“ leistet. Natürlich unterhält die Terror-Organisation auch ein Politbüro in Jordanien. Dieses wurde 1999 von den Behörden geschlossen und die Mitglieder wurden ausgewiesen, allerdings 2012 wieder offiziell eingeladen.

Hamas in Gaza

Im Gazastreifen kann die Hamas offen ihre Gewaltherrschaft ausüben. Sie muss lediglich ihre Anführer vor dem Zugriff Israels versteckt halten. Ansonsten kann sie Vernichtungspropaganda betreiben, Oppositionelle hinrichten, Terrortunnel graben und in eigenen Waffenfabriken aufrüsten. Dort werden neben Kassam-Raketen auch die palästinensischen „Carlos“ gebaut, einfache Maschinenpistolen, die kostengünstig die Kalaschnikows ersetzen.

Aber erst wenn sie angreift, muss die Hamas mit ernsthaften Gegenschlägen rechnen. Israel fährt gegenüber der Terror-Organisation seit Jahrzehnten eine Politik der Eindämmung und Abschreckung, ohne bei Gelegenheit deren Infrastruktur in Gaza gänzlich zu zerschlagen. Bis hin zu einer vollständigen Rückeroberung des Gazastreifens hätte Israel alle militärischen Möglichkeiten. Der internationale Druck steht dem entgegen und eventuell ein paar Gründe, die nur die israelische Führung allein kennt.

Gemessen an anderen Terror-Organisationen wie Al-Qaida oder den Taliban ist die Hamas ein eher kleiner Fisch. Aber sie steht nicht allein. Einer der größten Geldgeber ist der Iran, der sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hat. Würde Israel die Hamas beseitigen, könnte dies eine direktere Konfrontation mit dem Iran zur Folge haben. Was immer die Gründe sind: Für Israel wird es zunehmend schwierig, der eigenen Bevölkerung zu erklären, warum es die Hamas immer wieder Jahre lang aufrüsten lässt, bevor der nächste halbherzige Militärschlag folgt.

Hamas im Westjordanland

Ganz anders sieht es für die Hamas im Westjordanland aus. Dort ist sie eingekeilt zwischen ihr abgeneigten westlichen Akteuren, der unmittelbaren Präsenz des israelischen Militärs und der konkurrierenden PLO. Trotzdem ist es ihr gelungen, starke Strukturen zu schaffen, die weitgehend unsichtbar sind, dabei aber sehr effektiv. Ihr Einfluss ist offensichtlich und gleichzeitig so versteckt, dass man kaum Informationen darüber findet. Ein prominenter Leiter der Hamas im Westjordanland war seit 2001 Scheich Hassan Youssef, der Vater des „Grünen Prinzen“ Mosab Hassan Youssef, der für den israelischen Inlandsgeheimdienst Schabak arbeitete und ein Buch darüber veröffentlichte.

Nach wie vor rekrutiert die Hamas neue Anhänger besonders im universitären Umfeld.

Laut Itamar Marcus, dem Gründer und Direktor der Medienbeobachtungsorganisation „Palestinian Media Watch“, sind die Universitäten der einzige Ort, an dem Israel offene Hamas-Aktivitäten zulässt. Sie würden aber genau beobachtet. Erst kürzlich habe die israelische Armee 30 Studenten der Bir-Seit Universität festgenommen, die auf dem Weg zu einem Solidaritätsbesuch bei der Familie eines Attentäters gewesen seien. Der islamische Block „Kutla Islamija“ an der Universität Nablus ist eine weitere von vielen großen Studentengruppen, die unverhohlen der Hamas angehören. Im vergangenen Jahr berichtete „MENA-Watch“ darüber, wie Studenten des islamischen Blocks Gelder für die Hamas generierten.

Die Hamas versteht es besser als die PLO, junge Menschen über Fernsehen und neue Medien anzusprechen. Sie betreibt Kinderprogramme und Websites in mehreren Sprachen und erreicht unterschiedliche Altersgruppen im In- und Ausland. Hebron, Nablus, Ramallah und Dschenin sind Hochburgen der Terror-Organisation. Dabei ist deren Basis nicht so sehr die militärische Stärke als vielmehr die Beliebtheit durch soziale Hilfen. Schon früh tat sich die Hamas hervor, indem sie soziale Einrichtungen und Aktivitäten finanzierte. Das ist der Nährboden, auf dem sie Anhänger und Kämpfer rekrutiert. Außerdem spenden diejenigen, die sich nicht so sehr für Terror begeistern können, gerne für Kindergärten und Fußballtourniere.

Institutionen systematisch unterwandert

Anhand von Gründerfiguren, Mitarbeiterschaft und Geldgebern lassen sich viele Institutionen im Westjordanland als Hamas-nah ausmachen, aber für die Terror-Organisation gilt: Je unklarer die Verbindung ist, desto besser. So kann sie unbehelligt Geld und Sympathien sammeln, worauf sie dann für den bewaffneten Kampf zurückgreifen kann. Zu den Institutionen, die die Hamas systematisch unterwandert hat, gehören stiftungsähnliche Einrichtungen, die die islamische „Sozialabgabe“ Sakat und andere Gelder verwalten, sowie das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA).

Dass sie solche Geldtöpfe anzapft, muss die Hamas nicht nur vor Israel und westlichen Geldgebern, sondern auch vor der PLO geheim halten. Diese ist zwar auf das „soziale Engagement“ der Hamas im Westjordanland angewiesen. Sie arbeitet aber auch mit Israel zusammen, wenn es darum geht, illegale Machenschaften aufzudecken, Anführer zu verhaften und Konten der Hamas einzufrieren. Damit hat sie sich mächtige Feinde geschaffen. Laut Itamar Marcus brauchen die Autoritäten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) ebenso viel Schutz vor der Hamas wie Israel selbst. Die PA habe um Überstützung gebeten, beschwere sich aber gleichzeitig vor den Vereinten Nationen über „nächtliche Einfälle“ von israelischen Sicherheitskräften.

In den Jahren vor den jüngsten Auseinandersetzungen im Mai 2021 hat die Hamas nicht nur militärisch im Gazastreifen aufgerüstet, sondern auch ihren Einfluss im Westjordanland ausgeweitet. Dort kam es zu massiven Ausschreitungen, so dass die israelische Armee ihre Truppen für die Dauer des Konflikts verdoppeln musste. Die Hamas hat im Westjordanland eine Kommandozentrale, die sich maßgeblich aus ehemaligen palästinensischen Gefangenen zusammensetzt, die 2011 im Tausch gegen Gilad Schalit freigekommen sind. Sie koordinieren nun Terroranschläge gegen Israelis. Zu den bekanntesten Köpfen im Ausland gehört Saleh al-Aruri, der die Entführung der drei jugendlichen Israelis im Sommer 2014 zu verantworten haben soll.

Umgang des Westens

Das US-Außenministerium stellt 5 Millionen Dollar Belohnung für Hinweise in Aussicht, die zu Al-Aruris Aufenthaltsort führen. Diese Deutlichkeit lässt der Westen oft im Hinblick auf die Hamas vermissen. Zwar stufen viele Länder sie gänzlich – also nicht nur ihre militärischen, sondern auch die „humanitären“ Zweige – als Terror-Organisation ein. Gleichzeitig schauen die Geberländer nicht so genau hin, wo die vielen Finanzhilfen für die Palästinenser landen. Sie kritisieren Israel, sobald es mal zu einem größeren Schlag ausholt, und sie pochen auf Wahlen, obwohl die Hamas gewinnen könnte. Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Demokratie endet, sobald Terror gewählt ist.

Es wäre sehr kurzsichtig, diesen Fehler noch einmal zu wiederholen und eine offene Hamas-Herrschaft im Westjordanland zu riskieren. Stattdessen sollte der Westen sicherstellen, dass seine Millionen in Frieden- und Demokratieerziehung statt in Terror investiert werden. Dann könnte Israel in absehbarer Zukunft einen palästinensischen Verhandlungspartner bekommen, der anders als Hamas und PLO dieses Namens würdig ist.

Von: Carmen Shamsianpur